«Brian hat kein Interesse, therapiert zu werden»

Gerichtspsychiater Josef Sachs über den bekanntesten Schläger der Schweiz. Und warum sich schon im Kindergarten zeigt, ob ein Bub zum notorischen Gewalttäter wird.

«Wenn Brian plötzlich zu einem braven Schulbüebli würde und niemand mehr von ihm reden würde, hielte er das nicht aus»: Gutachter Josef Sachs. Foto: Sebastian Magnani

«Wenn Brian plötzlich zu einem braven Schulbüebli würde und niemand mehr von ihm reden würde, hielte er das nicht aus»: Gutachter Josef Sachs. Foto: Sebastian Magnani

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Der forensische Psychiater und langjährige Leiter der Aargauer Klinik Königsfelden Josef Sachs beschäftigt sich mit der Psyche von Schwerkriminellen. Er weiss, wie aus Kindern und Heranwachsenden notorische Gewalttäter werden können. Nach dem Urteil im Fall Brian alias Carlos, der diese Woche zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten sowie einer stationären Therapie verurteilt wurde, treffen wir den Gerichtspsychiater in seiner Praxis in Brugg.

Herr Sachs, was macht Kinder zu Schlägern?
Da kommen immer verschiedene Faktoren zusammen. Jedes Kind kann zu einem Schläger werden, wenn eine entsprechende Veranlagung vorliegt und das Umfeld den Einsatz von Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten fördert.

Ein grosser Teil der Jugenddelikte wird von wenigen Intensivtätern begangen. Was unterscheidet notorische Gewalttäter wie Brian von Jugendlichen, die einmal eine Dummheit machen?
Sie fallen schon im Kindergarten oder im frühen Schulalter negativ auf, stören den Unterricht, können sich nicht an Regeln halten, beachten Grenzen nicht und neigen zur Gewalt. Die Tendenz zur Gewaltbereitschaft entwickelt sich bei ihnen bereits in den ersten drei bis fünf Lebensjahren. Daneben gibt es Jugendliche, die während einer gewissen Zeit gewaltbereit sind und viele Delikte begehen. Wenn das erst im Teenageralter, also im Alter ab 12 Jahren anfängt, hört das in der Regel irgendwann wieder auf. Zeigt sich die Gewaltbereitschaft hingegen schon sehr früh, bleibt sie oft ein Leben lang bestehen.

Kann man einen Intensivtäter wie Brian überhaupt therapieren, oder perlen alle herkömmlichen Methoden ab?
Die meisten therapeutischen Massnahmen werden an ihm abprallen. Er wurde schon sehr früh auffällig, soweit ich seine Vorgeschichte kenne. Er gehört rein von der Biografie her zu einer Gruppe mit einer eher ungünstigen Prognose.

Man kann ihn also nicht resozialisieren, was der Sinn einer Therapie wäre?
Eine schlechte Prognose bedeutet, dass sich das Verhalten, das jemand bisher gezeigt hat, wie ein roter Faden durch das Leben weiterziehen kann. Das ist aber eine statistische Aussage. Die Statistik stimmt nicht in jedem Einzelfall. Wenn jemand Lotto spielt, ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass er Geld verliert, extrem hoch. Trotzdem gibt es Leute, die beim Lotto gewinnen. Genau so ist es, wenn wir eine statistische Aussage über Straftäter machen. Wenn wir 100 Brian nehmen, werden über 90 eine schlechte Prognose haben. Es gibt aber eine kleine Gruppe, bei der es anders herauskommt, aus welchen Gründen auch immer.

Ist es ethisch vertretbar, in gewissen Fällen zu sagen, es ist sinnlos, wir machen nichts – Therapien sind teuer und wir wissen schon jetzt, dass es nichts bringt?
Wir können nicht sagen, dass es sicher nichts bringt, sondern nur, dass es höchstwahrscheinlich nichts bringt. Wenn man bei einem einzelnen Fall wie bei Brian den Menschen oder die Persönlichkeit ernst nimmt, muss man sich überlegen, ob man auch bei einer sehr geringen Chance nochmals einen Versuch machen sollte. Es ist eine gesellschaftliche Frage, wie viel man investieren will, wenn die Erfolgsaussichten bei einem Prozent oder sogar noch weniger liegen.

Brian wehrt sich gegen eine Therapie, immer wieder kommt es zu Ausrastern, die Aufseher im Gefängnis trauen sich nur noch in Gruppen in seine Zelle. Wie kann man ihn überhaupt therapieren – unter Polizeischutz?
Das würde nicht funktionieren. Man kann zur Sicherheit des Therapeuten gewisse Massnahmen ergreifen und die Therapie zum Beispiel durch eine Trennscheibe machen. Das habe ich selber schon so gemacht. Aber das geht nur in der Anfangsphase. Eine ganze Therapie kann man nicht so durchziehen, sie ist auf Dauer auch nicht möglich völlig gegen den Willen des anderen. Psychotherapie funktioniert nicht wie ein Medikament, das auch zwangsweise verabreicht werden könnte.

Brian bekam Kickbox-Stunden, ein 14-jähriger Schläger im Kanton Aargau, der kürzlich seiner Lehrerin den Kiefer brach, erhielt ein «therapeutisches Boxtraining». Macht es Sinn, dass junge Menschen, die ihre Emotionen nicht im Griff und Mühe mit Gewalt haben, professionell boxen lernen?
Das macht nur in wenigen Ausnahmefällen Sinn. Wenn jemand im Umgang mit Gewalt Schwierigkeiten hat, sollte man ihn nicht noch im Gewaltanwenden trainieren. Ich gehe mit jemandem, der andere ermordet hat, auch nicht in den Schiessstand, damit er noch besser trifft.

In Norwegen gibt es in den Justizvollzugsanstalten keine Hanteln, Kraftmaschinen oder Boxsäcke mehr, nur noch Laufbänder und Velos.
Das unterstütze ich absolut. Mit dem Kampfsport ist auch ein gewisses Männlichkeitsbild, wie Konflikte zu lösen sind, verbunden. Genau von dieser Art von gewaltsamer Konfliktlösung will man Straftäter wegbringen.

Sie kritisieren in Ihrem Buch «Faszination Gewalt», dass zu viel nach dem Giesskannen­prinzip therapiert wird. Was meinen Sie damit?
Es gibt die Tendenz, dass jeder, der Schwierigkeiten mit dem Gesetz hat, eine Therapie bekommt. Das halte ich für falsch. Unsere therapeutischen Mittel sind beschränkt. Man sollte sie dort einsetzen, wo sie wirklich benötigt werden und gute Erfolgsaussichten bestehen.

Woher kommt diese Tendenz, sofort nach dem Psychiater zu rufen? Wollen sich die Justizbehörden absichern?
Ja, es geht um Absicherung. Und es gibt eine übertriebene Therapiegläubigkeit. Dort, wo die Justiz versagt, soll es die Therapie richten. Wir können aber nur dort etwas ausrichten, wo wirklich eine behandelbare psychische Störung vorliegt.

Wie gross ist der Anteil junger Schläger, die Sie als psychisch krank bezeichnen würden?
Rund 20 Prozent haben eine psychische Erkrankung im engeren Sinn wie eine Schizophrenie oder eine schwere Depression. Wenn man Fehlentwicklungen der Persönlichkeit, eine Störung des ­Sozialverhaltens oder ein sehr schweres ADHS dazunimmt, sind es 50 Prozent oder mehr.

Hat die Gewalttätigkeit bei jungen Menschen zugenommen?
Das kommt darauf an, über welchen Zeitraum man vergleicht. In der Jungsteinzeit starb die Hälfte der jungen Männer daran, dass ihnen der Schädel eingeschlagen wurde. Das hängt auch damit zusammen, dass es noch keine Staatsgewalt und kein Justizsystem gab. Im Vergleich dazu sind wir heute gut dran. Allgemein ist die Gewaltbereitschaft dort hoch, wo das soziale System nicht mehr funktioniert, wie zum Beispiel in gewissen arabischen Ländern. Das merken wir bei der importierten Gewalt.

«Brian ist ein gefürchteter Star im Knast, denn er hat ja auch Mitgefangene geschlagen», sagt Forensiker Josef Sachs. Foto: Sebastian Magnani

Aus diesen Ländern wandern vor allem junge Männer ein – ohne Familie, entwurzelt und beschäftigungslos. Ist das ein Risiko?
Wir haben hier eine gewisse Gruppe mit vermehrter Gewaltbereitschaft. Das Risiko besteht vor allem dann, wenn die Integration nicht mehr möglich ist, weil die Durchmischung nicht mehr stimmt – zum Beispiel, wenn in einer Schulklasse 90 Prozent der Schüler aus dieser Risikogruppe kommen. Dass die Durchmischung der Gesellschaft nicht mehr stattfindet, ist zum Teil ein städtebauliches und gesellschaftliches Problem. Es gibt auch einen Trend zur Privatisierung des Schulsystems, dem man entgegensteuern muss.

Was haben Sie gegen Privatschulen?
Nichts, aber wenn gewisse Schichten ihre Kinder nur noch in Privatschulen schicken, bleiben in den öffentlichen Schulen nur noch problematische Kinder.

Gewalttaten begehen Jugendliche oft aus Langeweile oder weil sie mit den falschen Leuten verkehren. Sollten Eltern den Umgang mit diesen falschen Freunden verbieten?
Das würde das Gegenteil bewirken. Besser als Verbote funktioniert es, wenn sie den Jugendlichen andere Freizeitangebote machen. Wertvoll ist alles, was die Aktivität der Jugendlichen fördert wie Sport, die Pfadi oder Jungwacht.

Ein Jugendlicher, der mit den Macho-Jungs abhängt, wird kaum begeistert sein vom Vorschlag, er solle es mal mit der Jungwacht versuchen.
Man kann das nicht einfach so vorschlagen. Es ist ein Prozess. Wichtig ist, dass Eltern zusammen mit dem Kind etwas unternehmen. Den Nachwuchs einfach irgendwo hinzuschicken, ist ein Delegieren von Verantwortung. Das nehmen die Kinder auch so wahr.

«Es ist mir schon passiert, dass ich eine Geschichte geglaubt habe, die sich nachträglich als falsch herausgestellt hat. Es gibt Leute, die erstaunlich gut lügen können.»

Ist Gewalttätigkeit vererbbar?
Gewalttätigkeit nicht, aber die Bereitschaft zur Aggressivität. Sie wirkt sich nicht unbedingt als gewalttätiges Verhalten aus. Man hat festgestellt, dass Topmanager, Spitzensportler und Kriminelle viele gemeinsame Persönlichkeitseigenschaften haben. Sie suchen den Kick, haben Durchsetzungsvermögen, was eine Aggressivität beinhaltet, sie haben ein starkes Selbstbewusstsein und einen gewissen Narzissmus. Selbstdarstellung und Selbstwirksamkeit ist für sie alle sehr wichtig. Brian zum Beispiel erfährt jetzt eine unglaubliche Selbstwirksamkeit. Er sagt, ich will nicht mehr Carlos heissen, und alle springen auf und befolgen das. Da merkt er natürlich, was er für eine Wirkung hat.

Ist er der Star im Knast?
Er ist ein gefürchteter Star, denn er hat ja auch Mitgefangene geschlagen. Die anderen haben Angst vor ihm. Aber er geniesst hohen Respekt. Wenn er plötzlich zu einem braven Schulbüebli würde und niemand mehr von ihm reden würde, hielte er das nicht aus. ­Brian hat im Grunde kein Interesse, therapiert zu werden – das ist die Schwierigkeit. Wenn eine Therapie auch nur ein bisschen Erfolg haben soll, darf sie nicht im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit durchgeführt werden.

Viele Straftäter beherrschen die Kunst der Manipulation. Wie oft haben Sie sich als Gutachter täuschen lassen?
Es ist mir schon passiert, dass ich eine Geschichte geglaubt habe, die sich nachträglich als falsch herausgestellt hat. Man muss wichtige Aussagen überprüfen, indem man weitere Auskünfte einholt. Es gibt Leute, die erstaunlich gut lügen können.

Hatten Sie nie Angst, zum Beispiel, dass sich einer für ein ungünstiges Gutachten rächt?
Bei den ganz schweren Fällen habe ich von den Betroffenen nie negative Reaktionen bekommen, auch wenn das Gutachten nicht so herausgekommen ist, wie sie sich das erhofft hatten. Viel mehr negative Reaktionen habe ich bei Fällen bekommen, die wir als Bagatellen betrachten würden.

Zum Beispiel?
Wenn ich einem die Fahrtauglichkeit abgesprochen habe. Da reagieren Männer zum Teil viel emotionaler, als wenn ich einem Mörder sagen muss, er brauche jetzt eine zeitlich unbeschränkte Massnahme. Ein 22-Jähriger, dem ich eröffnete, dass er nicht mehr Auto fahren könne, sagte: «Das ist, wie wenn man mir die Beine amputiert.»

Was war Ihr bisher schlimmster Fall?
Der Vierfachmord von Rupperswil. Schlimm war auch der Fall des «Uzi-Killers». Drei Männer hatten 1993 einen Fischer an der Reuss mit 13 Schüssen aus einer Maschinenpistole des Typs Uzi erschossen. Sie wollten ihm den Autoschlüssel wegnehmen, um eine Bijouterie zu überfallen. Aber sie haben den Autoschlüssel nicht gefunden. Ein halbes Jahr später haben sie eine Volg-Filiale in Schneisingen überfallen, die Verkäuferin in den Kühlraum gesperrt und durch die Tür erschossen. Darauf wurden sie gefasst. Das war einer meiner schlimmsten Fälle, auch weil er sich ganz am Anfang meiner Psychiaterkarriere ereignet hat.

Als forensischer Psychiater haben Sie regelmässig mit menschlichen Dramen zu tun. Fühlen Sie sich manchmal machtlos?
Machtlos ist man vor allem dort, wo es eine lange Fehlentwicklung gibt, die früh angefangen hat und tief in der Persönlichkeit verankert ist. Bei diesen Menschen ist das ethisch-moralische Koordinatensystem im Hirn völlig verschoben. Das zu erleben, ist manchmal erschreckend.



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Erstellt: 10.11.2019, 11:06 Uhr

Der Forensiker

Josef Sachs, 70, war Chefarzt für Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau und Leiter der Klinik Königsfelden. Seit seiner Pensionierung 2015 ist er als Forensiker in seiner Praxis in Brugg AG tätig. In mehreren Tausend Gutachten hat er sich mit Gewalttätern befasst, darunter der Vierfachmörder von Rupperswil. Sachs ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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