Brutal geknetet, zu Klump geballt und ausgestellt

Am Pfauen erzählt Regisseur Bastian Kraft Tennessee Williams’ Klassiker «Endstation Sehnsucht» zeitlos, ortlos, als schönes Requiem aufs Mitgefühl.

Mitgefühl? Muss man sich erst mal leisten können. Szene aus Krafts «Endstation Sehnsucht»-Inszenierung. Foto: Toni Suter / T+T Fotografie

Mitgefühl? Muss man sich erst mal leisten können. Szene aus Krafts «Endstation Sehnsucht»-Inszenierung. Foto: Toni Suter / T+T Fotografie

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Stella entwindet sich ihrem Mann, der sich immerzu ihr langes Haar um den Arm wickelt, als seis die Leine eines ungestümen Hündchens. Das Mädchen im kurzen Kleidchen und den Stiefelettchen flüchtet auf die andere Seite der Pfauenbühne. «Stellaaa!», brüllt Michael Neuenschwanders Stanley. Vorhang.

Der 38-jährige schwäbische Regisseur Bastian Kraft hat dem Finale von Tennessee Williams’ «Endstation Sehnsucht» nicht jene harte Hoffnungslosigkeit aufgedrückt, die der US-Dramatiker 1947 ins Stück einschrieb. Dort langt Stanley seiner verzweifelt schluchzenden Frau in die Bluse und haucht ihr Beschwichtigungen ins Ohr, derweil der Pokerabend in eine weitere Runde geht.

Aber auch trotzig wie in Elia Kazans gefeierter Filmversion des Bühnenhits – der in Kazans Urinszenierung zwei Jahre lang am Broadway gelaufen war – ist die Stella von Henrike Jörissen nicht. Bei Kazan greift sich die junge Mutter das Baby und verschwindet zur Nachbarin, zumindest vorderhand entschlossen, nie mehr zurückzukehren.

Zauber statt Realismus

Solche entschiedenen Lesarten passen nicht zur Arbeit des Wahlzürchers Kraft, der im Mai, als er in Berlin den Friedrich-Luft-Preis erhielt, nochmal seine «polierte» Ästhetik der spiegelnden Oberflächen erläuterte, die sein Bühnenbildner Peter Baur jeweils mit raffinierten Projektionsflächen stützt: Durch sie könne man in die Tiefe schauen.

Wenn Williams’ Südstaaten-Belle namens Blanche tief ins Glas geschaut hat, stimmt sie gern zu. «Ich will keinen Realismus. Ich will Zauber!»: So erklärt sie ihrem enttäuschten Beau (Klaus Brömmelmeier) schwer alkoholisiert und furchtbar klarsichtig zugleich, wieso sie ihre Lebensgeschichte derart aufgehübscht hat. «Ich sage den Leuten nicht die Wahrheit; ich sage, was die Wahrheit sein sollte.»

Rund um dieses legendäre Survival-Credo ist das Stück gebaut. Dass die 30-jährige Ex-Englischlehrerin den Dampf heisser Vollbäder liebt, der die Spiegel beschlägt und ihr Alter, ihre Wirklichkeit verwischt: Dieses Motiv nutzt Kraft hochironisch fürs obligate Projektionstheater. Der Dampf, der von oben aus riesigen Düsen auf Baurs Drehbühne strömt, vernebelt die Schrecken in Blanches Leben gerade nicht, sondern zoomt sie auf Monstergrösse. Junkie-Horror im Museumsformat. 

Da schillern Videobilder wie Fantasmagorien: Man sieht Blanche, die sich haltlos Fremden hingibt; hilflos zusieht, wie Stanley ihre kleine Schwester Stella schlägt; bei der schwangeren Stella und dem groben Stanley unterkriechen muss, von ihm vergewaltigt und rausgeschmissen wird. Man sieht sie zornig, zitternd, zusammenbrechend. 

Königin der Strasssteine

Sie hat alles verloren ausser Attitüde und Allüren. Wir jedoch haben mit Lena Schwarz pas­sagenweise etwas gewonnen, was man eben Tiefenblick nennen könnte; Theaterzauber; fiktionale Wahrheit, die wehtut. Kurz – kurz – denkt man da an Krafts «Homo Faber» (2016), der elend auf einem Laufband strampelte und doch mitriss. An sein ­pink-floydiges «Andorra», das dem Publikum Tränen abzwang; ­seine markige Kettensägen­burleske über die «Buddenbrooks» (2017). 

Blanches Verlorenheit knallt Kraft manchmal auf die Bretter wie sie selbst ihren weissen Koffer, mit dem sie in Stellas armes Viertel von New Orleans taumelte: als beschmutztes Unschuldslamm, als Königin der Strasssteine und der hohlen Träume. Der 1911 geborene Südstaatenautor Williams war ein unerbittlicher Chronist des Untergangs – des Grossbürgertums in seiner Heimat; der Psyche seiner geliebten Schwester; des Zusammenhalts in einer Gesellschaft, wo Schwule keinen Platz und Frauen kaum Freiheiten hatten. Mitgefühl konnte sich keiner leisten, konstatierte er. Und Kraft schaut in seiner siebten Zürcher Arbeit, dieser glattpolierten, braven Williams-Visite, offenbar (nur) auf Letzteres. 

Er formt aus den aneinander vorbeileidenden Figuren Skulpturen, die nirgends verortet sind und nicht vorwärtskommen, bloss immerfort gedreht werden auf Baurs Töpferscheibe des Schicksals: der Marlon Brando nachempfundene Stanley ebenso wie die zwei Schwestern. Daneben, am Mikro, singt sich Miriam Maertens beeindruckend durch ein von Tom Waits inspiriertes Requiem, vom unbarmherzigen «God’s Away on Business» bis zu «Bottom of the World».

Gänsehaut-Moment

«I’m lost», lautet da der Refrain: ein Verweis auf Williams’ Stück-Motto über den Weg durch unsere zerbrochene Welt. Ein musikalischer Gänsehaut-Moment, passgenau zur hochgetunten Optik der durchaus kurzweiligen zweistündigen dampfgeschwängerten Töpferscheibendramatik.

In dieser «Endstation Sehnsucht» wird Blanche brutal geknetet, zu Klump geballt, verworfen – und wir schauen fasziniert zu. Aber fühlen nur selten mit.

Erstellt: 22.10.2018, 12:54 Uhr

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