Cannabis hilft nicht bei psychischen Leiden

In der Schweiz läuft eine Gesetzesänderung zu medizinischem Hanf, aber es gibt zu wenig seriöse Studien.

Indoor-Hanfplantage: Alle Präparate, die in der Schweiz einen THC-Gehalt von über einem Prozent haben, unterstehen dem Betäubungsmittelgesetz. Foto: Nicole Philipp

Indoor-Hanfplantage: Alle Präparate, die in der Schweiz einen THC-Gehalt von über einem Prozent haben, unterstehen dem Betäubungsmittelgesetz. Foto: Nicole Philipp

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Cannabisprodukte findet man inzwischen überall, und die Liste der Heilsversprechen ist lang. Das Grundproblem jedoch ist: Mit wenigen Ausnahmen existierten bisher kaum seriöse Studien. Weil Cannabisprodukte auch bei psychischen Krankheiten als Wundermittel propagiert werden, haben sich australische Wissenschaftler den aktuellen Forschungsstand etwas genauer angeschaut. Sie werteten in einer grossen Übersichtsarbeit 83 Studien aus.

Die Resultate sind ernüchternd. Es gab bisher keine Hinweise, dass medizinisches Cannabis bei psychischen Erkrankungen hilft. Weder bei Depressionen, Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, ADHS noch Psychosen liess sich ein positiver Effekt nachweisen. Einzig Patienten, die wegen einer schweren Krankheit wie multipler Sklerose (MS) oder Schmerzen unter Ängsten litten, spürten eine leichte Besserung. Das, so vermuten die Forscher, war vor allem ein indirekter Effekt, weil das Can­nabis gewisse Symptome linderte. Und wer weniger Beschwerden hat, bei dem mindern sich oft die Angstsymptome

Die Präparate in den Studien enthielten entweder Tetra­hydro­cannabinol (THC) oder Cannabidiol (CBD), oder es handelte sich um Kombipräparate aus beiden Wirkstoffen. THC ist der berauschende Teil der Pflanze. Alle Präparate, die einen THC-Gehalt von über einem Prozent haben, unterstehen in der Schweiz dem Betäubungsmittelgesetz und sind verboten. CBD ist einer der nicht berauschenden Wirkstoffe in Cannabis. Nicht alle Studien erfüllten die Anforderungen, die für aussagekräftige medizinische Studien gelten.

Bei Krämpfen hat Cannabis eine positive Wirkung

«Wir brauchen bessere Studien zum Thema Cannabinoide bei psychischen Erkrankungen», sagt ­Boris Quednow, Psychopharma­ko­loge an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Wunder ­erwarte er allerdings keine. «Ein grosses Problem bei THC-hal­tigen Cannabispräparaten ist, dass die Nebenwirkungsrate auf Dauer hoch ist», sagt Quednow. Weil sich THC im Fettgewebe an­reichert, wirken die Präparate lange nach. Auch eine mögliche Abhängigkeitsentwicklung sei problematisch.

Die australischen Wissenschaftler stellten ebenfalls negative Folgen fest. Cannabis kann bei Depressionen die Antriebskraft weiter schwächen, und es erhöht, vor allem bei Jugendlichen, das Risiko, eine Psychose zu entwickeln.

In der Schweiz läuft im Moment eine Revision des Betäubungsmittelgesetzes zum Umgang mit medizinischem Cannabis. Mit der Gesetzesänderung soll die Verwendung von Cannabis zu medizinischen Zwecken erlaubt werden. Denn es gibt Krankheitsbilder, bei denen sich eine positive Wirkung auf die Symptomatik zeigt. Bisher waren das vor allem chronische Schmerzen und Krämpfe, die durch multiple Sklerose (MS) oder andere neurologische Leiden verursacht werden. Auch Übelkeit und Appetitverlust bei Chemotherapien können Cannabispräparate lindern. Mit Ausnahme der Krämpfe ist die Studienlage aber noch dünn. In Kraft treten wird das Gesetz frühestens Mitte 2022.



Verwendungsfertige Medikamente darf man in der Schweiz nur verkaufen, wenn Swissmedic sie zugelassen hat. Die Arzneimittelbehörde hat bisher erst ein Cannabispräparat zugelassen. Sativex lindert Krämpfe bei MS. Alle übrigen Präparate stellen Apotheker auf ärztliches Rezept selbst her, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) muss jedes Mal eine Sonderbewilligung erteilen. All das sorgt für einen immer grösseren administrativen Aufwand, den die Gesetzesänderung auffangen soll.

In die Grundversicherung werden die Cannabismedikamente aber auch dann nicht aufgenommen, was bei Betroffenen für Unmut sorgt. «Über die Grundversicherung kann man ein Arzneimittel erst abrechnen, wenn die Wirkung eindeutig belegt ist und es keine günstigeren Alternativen gibt», sagt Adrian Gschwend, stellvertretender Leiter des Betäubungsmittelbereichs beim BAG. Das heisst, die Hürden sind höher als für eine allgemeine Zulassung. Cannabismedikamente erfüllen diese Anforderungen erst, wenn ihre Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit bewiesen ist.

Strenger Jugendschutz und strenge Marktkontrolle

Bei pflanzlichen Produkten ist die Studienlage generell oftmals dünn, weil die Patentierbarkeit der Präparate schwierig ist. Pharmafirmen führen grosse Studien nur dann durch, wenn ein Medikament gute Gewinnmargen verspricht. Manche Patienten, denen die Cannabis­produkte helfen, fühlen sich in die Illegalität gedrängt. Bauen sie Cannabis zum Eigengebrauch für ihre Medikation an, um Kosten zu sparen, machen sie sich strafbar.

Parallel zur Diskussion um das medizinische Cannabis läuft momentan auch die Debatte um die Legalisierung. Der Bund erarbeitet eine Gesetzesvorlage, die esermöglichen soll, Pilotversuche zum Thema durchzuführen. «Wir sollten die Frage der medizinischen Verwendung von der Frage des Suchtmittelkonsums trennen und verschiedene Modelle in Ruhe testen», sagt Gschwend. Eine strenge Marktkontrolle und ein strenger Jugendschutz seien bei diesem Thema entscheidend. Wichtig sei es, die Debatte sachlich zu führen.

«Die aktuelle Situation mit dem Schwarzmarkt und dem hohen illegalen Konsum ist unbefriedigend.»Adrian Gschwend, stellvertretender Leiter des Betäubungsmittelbereichs beim BAG

Zahlen aus den USA, wo Cannabis in verschiedenen Staaten legalisiert ist, zeigen, dass der Konsum nach der Legalisierung ansteigen kann. «Aus gesundheitspolitischer Sicht müssen wir uns fragen, ob wir das wollen», sagt Quednow, da bereits der Tabak- und Alkoholkonsum hohe Gesundheitskosten verursachten. Grosse Fragezeichen sieht Quednow auch beim Jugendschutz, der bei Cannabis entscheidend, aber schon bei Alkohol und Tabak schwierig durchzusetzen sei.

Falls es jemals eine Legalisierung gäbe, wäre sie schwierig rückgängig zu machen, wenn man nach zehn Jahren merke, dass mehr Probleme entstünden als gelöst seien, fürchtet Quednow. «Die aktuelle Situation mit dem Schwarzmarkt und dem hohen illegalen Konsum ist unbefriedigend», sagt hingegen Gschwend. Es gehe bei den Pilotversuchen nicht darum, eine Legalisierung vorzubereiten, sondern darum, welche Regelung die sozialen und gesundheitlichen Kosten von Cannabis verringern könne.

Einig sind sich die Experten darin, dass man die Debatte um medizinisches Cannabis und die allgemeine Legalisierung nicht vermischen sollte. So gibt es bei der Gesetzesvorlage zum medizinischen Cannabis, anders als bei der Legalisierung, kaum Gegenstimmen.



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Erstellt: 09.11.2019, 17:45 Uhr

THC und CBD

Die Cannabispflanze hat verschiedene Wirkstoffe. Die bekanntesten sind das rauschfördernde THC und das nicht berauschende CBD. CBD-Produkte unterstehen nicht dem Betäubungsmittelgesetz, dem Heilmittelgesetz allerdings schon. Das bedeutet: Sie dürfen nicht mit unbewiesenen Heilsversprechen beworben werden. Die Studien­lage zu CBD ist noch sehr dünn. Auch wenn das CBD weniger Nebenwirkungen verursacht, ist nicht ausgeschlossen, dass eine regelmäs­sige Einnahme noch unbekannte Langzeitfolgen hat.

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