Da wird man wohl noch widersprechen dürfen

Wie ist es um die Meinungsfreiheit bestellt? Sie hängt vom Recht auf Widerspruch ab.

Man muss es aushalten, wenn jemand widerspricht. Stammtischsituation in einem Restaurant. Foto: Patrick Aeschlimann

Man muss es aushalten, wenn jemand widerspricht. Stammtischsituation in einem Restaurant. Foto: Patrick Aeschlimann

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A: Es reicht! Ich mache mir grosse Sorgen um unsere Meinungsfreiheit! Diese Sprachpolizisten, die terrorisieren mich mit ihrer Meinungsmoral. Nichts kann ich sagen, ohne dass es einen Aufschrei gibt, ohne dass sich irgendein Sensibelchen gekränkt fühlt. Ich bin in einer Meinungsdiktatur gelandet. Und bei den Deutschen drüben, da sagen schon zwei Drittel, sie müssten aufpassen, wenn sie ihre Meinung öffentlich äussern.

B: Aber...

A: In der Schweiz ist es auch so. Ich merke, dass ich meine Meinung immer mehr zurücknehme aus lauter Angst, jemanden zu beleidigen!

B: Aber...

A: Der Meinungsmainstream bestimmt mich!

B: Aber...

A: Die Menschen sind intolerant geworden und lassen keine Meinungsdiversität zu!

B: Aber...

A: Der Meinungskorridor ist viel zu eng geworden!

B: Aber ich glaube nicht, dass...

A: Doch! Keiner hat mehr Mut zur Meinung!

B. Nein, das ist...

A: Doch! Sie wollen mir ein Diskursverbot aufzwingen, diese Meinungsgleichmacher, diese...

B: Stopp, stopp, stopp! Es reicht! Soll ich Ihnen mal sagen, worum ich mir Sorgen mache? Um die Widerspruchsfreiheit! Nie kann ich widersprechen, ohne dass ich beschimpft werde, ich wolle die Meinungsfreiheit beschneiden! Dabei will ich doch nur meine Gegenmeinung meinen dürfen. Aber Sie sehnen sich offenbar danach, Ihre Meinung offen sagen zu können, ohne dass Ihnen offen widersprochen wird. Früher konnten Sie einfach meinen, ohne sich danach öffentlich entschuldigen zu müssen, Sie hätten Ihre Meinung eigentlich ganz anders gemeint. Ganz früher gab es sogar Zeiten, da wurde denen, die widersprachen, der Kopf abgehackt! Gut, zugegeben, so weit zurück will keiner mehr. Aber ich merke bei mir selbst, dass ich meine eigene Meinung zurücknehme aus lauter Angst, dass jemand seine Meinungsfreiheit bedroht sehen würde. Die Meinenden sind inzwischen schon so empfindlich. Durch die kleinste Widerrede fühlen sie sich beleidigt und angegriffen, dass sie ernsthaft leiden. Vielleicht sollte man diese Gekränkten auch wirklich ernst nehmen und erst einmal jeden Meinenden loben, sodass sich wirklich niemand beleidigt fühlen darf, der eine Meinung hat. Und wenn ich der Meinung widersprechen möchte, dann müsste ich am besten gleich eine Trigger-Warnung aussprechen: «Achtung, ich bin im Begriff, Ihnen zu widersprechen? Ist das okay für Sie? Wenn Sie sensibel auf Widerspruch reagieren, rate ich ihnen, jetzt die Ohren zu schliessen.» Aber Nein, das ist doch Wahnsinn! Dabei ist die Widerrede nichts anderes als Gegenmeinung, also eine Meinung. Wenn Ihre Meinung öffentlich mit meiner Meinung kollidiert, ist es ein Beweis für die Meinungsfreiheit! Und natürlich gibt es welche, die mit ihrer Widerrede oder ihrer Meinung hassen und hetzen, statt zu widersprechen und zu meinen. Ja, wo fängt die Widerspruchsfreiheit an? Und wo hört die Meinungsfreiheit auf? Wo ist die Grenze? Gibt es eine Grenze? Das ist die grosse Frage. Darüber gibt es viele Meinungen. Das Meinungsklima ist hier äusserst meinungsvielfältig. Der Meinungskorridor extrem breit. Aber soll ich Ihnen mal meine Meinung sagen? Meine Meinung ist, dass Grundrechte genau da aufhören, wo sie andere Grundrechte angreifen. Kein Grundrecht steht für sich allein. Kein Grundrecht hat das Recht, sich so breitzumachen, dass es andere Grundrechte schmälert. Keine Freiheit ist komplett frei. Das Recht auf Meinungsfreiheit muss genauso Rücksicht auf die anderen Freiheiten nehmen wie das Recht auf Pressefreiheit, auf Religionsfreiheit, auf persönliche Freiheit, auf Kunstfreiheit, auf Würde und so weiter und so fort. Meinungsfreiheit hat Grenzen. Was ist Ihre Meinung? Sie dürfen mir gern widersprechen.

Erstellt: 12.11.2019, 10:43 Uhr

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