Das Geschäft mit dem Co-Working

Die Nutzung von flexiblen Arbeitsplätzen boomt. Davon profitieren Genossenschaften wie auch Grosskonzerne.

Lockere Atmosphäre, stylish, junge Leute: Die Co-Working-Spaces in der Stadt gleichen sich. Foto: Urs Jaudas

Lockere Atmosphäre, stylish, junge Leute: Die Co-Working-Spaces in der Stadt gleichen sich. Foto: Urs Jaudas

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8 Uhr morgens am Bahnhof ­Eglisau. Auf dem Perron warten Hunderte Pendler auf die S-Bahn. Daniel Kellenberger tippt derweil im hell beschienenen Bahnhofshäuschen in seinen Laptop. Der Softwareentwickler beobachtet die Wartenden aus dem Augenwinkel. Kellenberger erledigt seine Arbeit vom neuen Co-Working-Space aus. Der Raum namens Schalthalle ging vor ein paar Wochen in Betrieb.

Was unspektakulär klingt, ist Teil einer grossen Umwälzung in der Schweizer Arbeitslandschaft. Auf diese Idee kommt, wer derzeit mit den unterschiedlichen Betreibern dieser gemeinsam genutzten Büros spricht. Sie teilen ihren Optimismus. Und der hat seine Gründe. Schweizweit hat sich die Anzahl an geteilten Arbeitsplätzen in der Schweiz in den letzten vier Jahren mehr als verdreifacht. Von etwas mehr als 50 Co-Working-Spaces im Jahr 2015 auf 185 im Jahr 2019. Die Immobilienberatungsfirma Wüest und Partner zählte alleine in der Stadt Zürich mit 44 Co-Working-Spaces im Jahr 2018 doppelt so viele wie noch vor drei Jahren. Ein Ende des Booms ist nicht absehbar.

Die Schalthalle in Eglisau ist das jüngste Projekt der Genossenschaft Village Office. Foto: Urs Jaudas

«Co-Working-Spaces ermöglichen Angestellten, näher am Wohnort zu arbeiten», sagt Jenny Schäpper-Uster. Sie ist Präsidentin des Verbands Coworking und im Vorstand der Genossenschaft Village Office, die auch die Schalthalle in Eglisau betreibt. Gemeinsam genutzte Büros ermöglichten zudem jungen Firmen einen kostengünstigen Start in professioneller Arbeitsumgebung.

Kein Wunder, sind die Ziele ­jener, die in Co-Working-Spaces Zeit und Geld investieren, hoch gesteckt. «Bis 2030 soll jeder Schweizer innert 15 Minuten mit dem ÖV oder dem Velo einen Co-Working-Space erreichen können», sagt Jenny Schäpper-Uster. Die 35-Jährige spricht von 1000 Co-Working-Spaces bis ins Jahr 2030, die ­Village Office begründen, be­treuen und begleiten will. ­Village Office ist derzeit schweizweit 70 Co-Working-Spaces genossenschaftlich verbunden, steht ihnen mehrheitlich beratend zur Seite. Eglisau ist ihr erstes Projekt im Kanton Zürich ausserhalb der Stadt.

800 Quadratmeter

Der Trend «Co-Working» verhilft nicht nur Genossenschaften wie Village Office zu Wachstum, auch internationale Konzerne profitieren davon. Die vor fast 30 Jahren in Belgien gegründete Firma IWG hat als Geschäftsmodell die Umnutzung von leeren Büroflächen in Co-Working-Spaces oder Shared Offices (siehe Box). Um rentabel zu bleiben, braucht das Unternehmen Büroflächen von mindestens 800 Quadratmetern. Das börsenkotierte Unternehmen zählt weltweit 10 000 Mitarbeiter an 3400 Standorten in 120 Ländern. In der Schweiz betreibt der Marktleader IWG mit den Brands Regus und Spaces rund 200 solche flexiblen Arbeitsplätze. 150 sollen in den nächsten fünf Jahren folgen. Wer Spaces am Bleicherweg in Zürich betritt, sieht, wie diese neue Form von Arbeit aussieht: Zwei Angestellte begrüssen den Gast an einer Réception per Du. Wer sich hier einmietet, kann sich im internen Café einrichten oder einen Büroarbeitsplatz im abgetrennten Bereich buchen. Den Kern bilden zahlreiche Formen von Sitzungszimmern, Kabinen zum Telefonieren, Büros und grosse, gemeinsam ­genutzte Tische. Die tiefsten Mietkosten im Angebot belaufen sich auf 150­ Franken pro Monat.

Auch der Schweiz-Chef von IWG, Garry Gürtler, spricht von einem Boom: «Co-Working kommt derzeit in den Köpfen einer breiten Öffentlichkeit an.» Ebenso berücksichtigten die grossen Unternehmen mittlerweile flexible Arbeitsplätze. ­Derzeit liegt der Prozentsatz an flexiblen Arbeitsplätzen in der Schweiz zwar erst etwas unter 1­ Prozent, Gürtler rechnet aber mit einem Marktpotenzial von 20 Prozent.

Wie die Hippies von damals

Ganz in der Nähe von Spaces am Bleicherweg, nur zwei Tramstationen entfernt, am Tessinerplatz, betreibt Village Office ebenfalls einen Co-Working-Space. Er gleicht jenem am Bleicherweg in der Erscheinung fast haargenau: ein Café, angenehmes Design, verschiedenste Arbeitsplatzformen. Ein Platz für einen Tag kostet 40 Franken. Für Schäpper-­Uster von Village Office ist der Raum am Tessinerplatz eine Art Labor. «Die Gemeinschaft steht im Zentrum. Wir untersuchen hier, wie sie in einem städtischen Umfeld funktioniert», sagt sie. Im Gespräch zieht sie eine Linie von ihrer Genossenschaft zu den von Hippies betriebenen Ateliers im Kalifornien der 60er-Jahre.

Das gastronomische Angebot ist ein integraler Bestandteil der flexiblen Arbeitsplätze. Foto: Dominique Meienberg

Die Genossenschaft arbeitet mit einem sechsstufigen Vorgehensmodell. In Eglisau haben die Coachs von Village Office zuerst mit Dutzenden Ortsansässigen und der Verwaltung gesprochen. Danach stellten sie das Projekt an einer Veranstaltung im ehemaligen Bahnhof der Öffentlichkeit vor. Und so kam das eine zum anderen. «Es funktioniert strukturiert organisch», sagt Schäpper-Uster. So präsentiert sich auch die Durchmischung in der Schalthalle. Hier arbeiten unter anderem: zwei Architekten, eine Sozialarbeiterin der reformierten Kirche, ein Projektmanager aus der Telekommunikationsbranche, ein lokaler Seniorenverein oder der Präsident der lokalen FDP. Und eben Daniel Kellenberger, der freischaffende Softwareentwickler, der hier am Morgen drin sitzt.

Dass diese Leute nicht mehr täglich an ihren Arbeitsort ­fahren, sondern im Ort bleiben, ist im Sinne von Village Office. «Wir bringen die Arbeit wieder zurück ins Dorf», sagt Schäpper-Uster. Der Trend fördere nicht nur das Wohlbefinden der An­gestellten, er reduziere auch den CO2-Ausstoss und belebe das ­lokale Gewerbe.

Angebot und Nachfrage

Die lokale Strategie von IWG gestaltet sich anders als jene von Village Office. Die Expansion gründet nicht auf Ideologie, sondern folgt dem Prinzip von ­Angebot und Nachfrage. «Es ist zentral, in ländlichen Regionen Unternehmer zu finden, die im Betreiben von flexiblen Büro­flächen ein Geschäft sehen», sagt Gürtler. Das sei nicht immer ­einfach; viele lokale Unternehmer müssten die Chancen erst erkennen. Die Stimmung wende sich aber derzeit rasch zugunsten von IWG.

Beeindruckend ist die Expansion von IWG heute schon: 40'000 Quadratmeter Bürofläche hat das Unternehmen in diesem Jahr dazugemietet – für nächstes Jahr sind bereits Verträge für 30000 weitere Quadratmeter unterschrieben. Setzt sich nun also das Modell von IWG oder von Village Office durch? Gürtler wie auch Schäpper-Uster sagen, dass es in der Schweiz genügend Platz für beide gebe. Daniel Kellenberger in Eglisau dürfte es egal sein. Er beneidet die Pendler auf dem Perron nicht.

Erstellt: 07.11.2019, 08:04 Uhr

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