Das kann ja düster werden

Negative Zukunftsszenarien boomen in Literatur und Film. Dabei bräuchte die Welt das Gegenteil, kluge Utopien.

Dystopien wie «Handmaid’s Tale» werden als Kritik an der aktuellen Wirklichkeit gelesen. Foto: Calla Kessler (Getty)

Dystopien wie «Handmaid’s Tale» werden als Kritik an der aktuellen Wirklichkeit gelesen. Foto: Calla Kessler (Getty)

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Welch seltsamer Spass: Wohlhabende, freie Menschen aus westlichen Demokratien lieben es, sich eine Zukunft als arme, versklavte Menschen in futuristischen Diktaturen vorzustellen.

Dystopische Bücher und Filme boomen. Gerade hat Sibylle Berg den Schweizer Buchpreis erhalten für «GRM. Brainfuck», das in einem grausamen künftigen London spielt. George Orwells «1984», der Dystopie-Klassiker aus dem Jahr 1949, verkauft sich wieder hervorragend. Zu den einflussreichsten Serien der letzten Jahre gehört «Handmaid’s Tale», das eine äusserst unangenehme Zukunft zeigt. Spätestens seit «Blade Runner» handeln die meisten Science-Fiction-Filme in überbevölkerten, dreckigen Hochhaus-Megacitys. Selbst Teenager mögen Albtraumszenarien, etwa die «Hunger-Games»-Trilogie.

Umgekehrt sind Utopien zu einer ungeliebten Kunstform verkümmert. Das war nicht immer so. Seit der Renaissance haben Denkerinnen und Schriftsteller kommende Welten entworfen, in denen es allen Menschen gut geht. Viele politische Bewegungen holten Schwung aus solchen Verheissungen. Laut Literaturwissenschaftlern hat die artistische Utopie- Produktion nach dem 2. Weltkrieg deutlich abgenommen, bis sie in den letzten 30 Jahren fast vollständig eingebrochen ist.

Wenn wir heute an die Zukunft denken, dann in Schwarz.

Erklärungen für diesen Pessimismus gibt es viele. Die totalitären Ausformungen, die der Kommunismus im 20. Jahrhundert annahm, haben den Glauben ans irdische Paradies geschmälert. Dazu kommt die Klima­krise, die eine Dystopie gerade zur wahrscheinlichen Zukunftsvariante macht. Die wissenschaftlichen Vorhersagen lesen sich jedenfalls wie ökologische Schauerromane. Dystopien werden auch gerne als Sozialkritik gedeutet. Sie übertreiben in der Zukunft, was in der Gegenwart angelegt ist, und machen es dadurch sichtbar. Zusätzlich bedienen sie den Kitzel des Verschontseins («Noch haben wir es gut») und befriedigen die Sehnsucht nach einem rohen, echteren Dasein.

Doch die gehäufte Darstellung des bevorstehenden Unglücks kann zur Übersättigung führen. Viele zeitgenössische Dystopien enthalten die selben Zutaten: totale Überwachung, grausame Eliten (seien es Menschen oder Maschinen), gequälte Randgruppen, eine verwüstete Umwelt, epidemische Armut. Das löst Déja-vus aus – und stumpft ab. Selbst die düstersten Aussichten machen nach der zehnten Wiederholung keine Angst mehr.

Vielleicht sorgt ja ausgerechnet die Unterhaltungsindustrie für eine Rückkehr der Utopien. 

Kritikerinnen bemängeln, dass Kunst und Philosophie das Entwerfen einer besseren Zukunft freiwillig aufgegeben haben und es so anderen Kräften überlassen. Den Milliardären aus dem Silicon Valley etwa. Diese besetzen das Feld des Möglichen mit Fantasien durchoptimierter Ameisenstaaten, die den Weltraum kolonialisieren, weil die Welt nichts mehr hergibt. Viel Hoffnung macht das nur wenigen.

Es ist schwierig, 2019 eine Utopie zu entwerfen, ohne in Retro-Romantik oder Roboter-Verklärung abzugleiten. Doch das Bedürfnis bestünde. So könnten kluge Traumwelten helfen, den von der Klimajugend geforderten System Change zu veranschaulichen.

Vielleicht sorgt ja ausgerechnet die Unterhaltungsindustrie für eine Rückkehr der Utopien. Irgendwann dürften sich ihre Kunden langweilen ab all den dunklen Erzählungen.

Erstellt: 20.11.2019, 21:39 Uhr

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