Das Natur-Talent

Im zweiten Wahlgang für den Ständerat vom 17. November ist Marionna Schlatter die grüne Herausforderin. Sie gilt als zäh und bodenständig – ihr Handicap ist die mangelnde Erfahrung.

Marionna Schlatter bei ihrer Arbeit als Pilzkontrolleurin. Foto: Tom Kawara

Marionna Schlatter bei ihrer Arbeit als Pilzkontrolleurin. Foto: Tom Kawara

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Marionna Schlatter steht auf dem Hirschenplatz in Hinwil, umrahmt von stattlichen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert, und zeigt um sich: «Das widerspricht ­meinem Freiheitsbegriff.» Drei Pflasterrouten trennen die Geranien des Hotels Hirschen von den Fahnen der Chrischona: Zürichstrasse, Dürnterstrasse und Walderstrasse. Was einmal Dorfkern war, ist heute vorwiegend Kreuzung. «Die Freiheit, allein im Auto zu sitzen, nimmt den Hinwilerinnen und Hinwilern den ganzen Raum weg», sagt Schlatter. «Das passiert überall.»

Damit ist die Ständeratskandidatin, aufgewachsen im Zürcher Oberland und hier verwurzelt, mitten bei ihrer Vision: einer grünen Neudefinition von Freiheit. «Ich glaube, viele sehnen sich zurück nach einer Dorfgemeinschaft, nach kleinräu­migen Einkaufsmöglichkeiten, nach einem natürlichen Leben.»

Marionna Schlatter, Feindbild der SVP und Hoffnung der Linken, hat die Sorte von Fältchen, die ihr Gesicht ständig lächeln lassen. Die 38-Jährige hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Im Frühling in den Kantonsrat gewählt, im Herbst in den Nationalrat, hat sie in zwei Wochen eine Chance, in den Ständerat gewählt zu werden. Ihre Aussichten waren der SVP Grund genug, ihren Kandidaten zurückzuziehen, um sie zu verhindern.

Beachtliches Stehvermögen

Vor der Arbeit im Rampenlicht standen acht Jahre Arbeit im Hintergrund als Parteipräsidentin der Grünen Kanton Zürich. Sie scheinen sich auszuzahlen. Im Frühling verdoppelten die Grünen in ihrem Bezirk ihren Wähleranteil, die Delegierten schickten Schlatter einstimmig ins Rennen: «Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so gut abgestützt ist», sagt Robert Brunner, ihr Banknachbar im Kantonsrat. «Sie kann die Leute da abholen, wo sie sind. Das ist ein Natur­talent.» Die Grünen rechnen Schlatter ihren Durchhaltewillen an. «Als die Grünen vor vier Jahren viele Sitze verloren, schmiss sie als Präsidentin nicht das Handtuch, sondern arbeitete weiter», sagt der grüne Regierungsrat Martin Neukom.

Dranbleiben trotz Gegenwind – Grüne auf dem Land sind sich das gewohnt. «Man muss mehr Vertrauensarbeit leisten als in der Stadt», sagt Schlatter, «die Leute müssen merken, dass man bodenständig ist.» Für Schlatter selber geht nichts anderes als das Landleben: «Ich muss unmittelbar ins Grüne können, mit Kindern ist das Leben auf dem Land aber eine gewisse Zeit logistisch sehr aufwendig.» Schlatter fährt seit Jahren ein Elektroauto. «Das Leben ist ein Kompromiss.»

Für ihre Kritiker ist Schlatters fehlende Parlamentserfahrung ein zu grosser Kompromiss: «Ich finde es super, dass sie in den Nationalrat kann, für den Ständerat ist es noch etwas früh», sagt etwa CVP-Fraktionschefin Yvonne Bürgin. Die CVP unterstützt Ruedi Noser: «Wir brauchen jemanden, der den Wirtschaftsstandort Zürich kräftig vertreten kann.» Schlatter ist gegen das Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten, für die Abschaffung der Pauschalbesteuerung, gegen die Unternehmenssteuerreform III und gegen höhere Franchisen.

Leidenschaft für Pilze

Dafür kann sie Brücken bauen. Ihre langjährige Freundin seit dem Soziologiestudium, Daniela Meyer, nennt diese Fähigkeit als Erstes: «Dass unser ziemlich grosser und diverser Freundeskreis so lange konstant blieb, ist nicht zuletzt ihr zu verdanken.» Die Gruppe fährt jedes Jahr gemeinsam in die Ferien. «Sie schafft es, uns zusammenzuhalten.» Im Studium sei ihre Auffassungsgabe aufgefallen: «Wir lösten Kreuzworträtsel während der Vorlesung, und sie wusste danach trotzdem, was gesagt wurde.»

Am Rand von Hinwil angelangt, wird sie abgelenkt. Ein Rosablättriger Egerlingsschirmling hat ihre Aufmerksamkeit. «Ein klassischer Rabattenpilz, schön nicht?» Im Wald wandert Schlatters Blick hin und her: Fuchsige Röteltrichterlinge, violette Rötelritterlinge, Schopf-Tintlinge. Die Stinkmorcheln riecht sie schon von weitem. Die Leidenschaft für Pilze hat sie von ihrem Vater, den Sinn für Gerechtigkeit von ihrer ungarischen Mutter. Politisiert hat sie der Zustand der Natur, «langweilig, aber wahr».

«Es tut mir weh, wenn es im Frühling keine Bienen hat», sagt Schlatter in ihrem grossen Garten unweit des Waldes, wo sie mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern lebt. Hier herrscht ­Permakultur. Das Knopfkraut, eigentlich ein Unkraut, hat sie stehen lassen: «Es zeigt an, wie reif der Boden ist», sagt sie. In Schlatters Gewächshaus aus den 50er-Jahren spriessen momentan Broccoli, Chili, Weintrauben, Salat, Wasserspinat. In den Wannen der herausgerissenen Ölheizung sammelt sich Regenwasser, Fische sorgen für den Dünger.

Respekt von den Bauern

Der Zürcher Bauernverband hat Schlatters Kandidatur nicht unterstützt. Sein Vorstand bildet sich traditionell aus SVP-Mitgliedern. Ihr ausgeprägt linkes Smartvote-Profil schreckt viele ab. Mit ihrem Engagement für die Kulturlandinitative hat sie sich den Respekt vieler Bauern erarbeitet. Hans Staub, der frühere Präsident des Verbands, hat nur lobende Worte für Schlatter: «Ich habe sie als sehr zuverlässige Person mit einer wertorientierten Grundhaltung erlebt», sagt er. «Ich staune über ihren Kampfgeist. Sie ist gradlinig, authentisch und debattierfreudig, obwohl wir in den politischen Botschaften natürlich nicht immer deckungsgleich sind.»

Dabei geht es vor allem um die Trinkwasser- und die Pestizidverbotsinitative, die auch er nicht unterstützt. «Die Initiativen sind radikal», sagt denn auch der aktuelle Präsident Hans Frei. Man könne nicht von den Bauern verlangen, dass sie zuschauen, wie eine Kultur kaputtgeht, ohne handeln zu dürfen.

Auch die Bauern würden grüner, ist Schlatter überzeugt. Natürlich könne man ihnen nicht das Pestizid wegnehmen, ohne das System anzupassen. Aber die Agrarwende komme wie die Energiewende. «Wir Grünen haben die Ideen für die Bauern.» Investitionen in Forschung, Ersatzprodukte und Zollregulierung. «Wir sind die echte Bauernpartei.» Das wird sich zeigen.

Erstellt: 02.11.2019, 20:17 Uhr

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