Das Schreckgespenst der SUV-Fahrer und Erb-Linken

Immobilien-Millionär Steff Fischer war einst Hausbesetzer und Marxist. Noch immer fühlt er sich dem linken Milieu nahe und unterstützt es mit viel Geld. Freunde hat er dort aber kaum noch.

Der Raum soll zur Veranstaltungshalle werden: Steff Fischer in einer seiner Immobilien in Zürich. Foto: Michele Limina

Der Raum soll zur Veranstaltungshalle werden: Steff Fischer in einer seiner Immobilien in Zürich. Foto: Michele Limina

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Es tönte dramatisch. Ein SUV-Fahrer, «ein Gorilla von einem Mann», sei aus einem Auto gestiegen, habe ihn gepackt und ihn fast über ein Brückengeländer in den Fluss geschmissen. Dies bloss, weil er mit dem Velo ein Rotlicht überfahren und damit den SUV-Fahrer verärgert habe. «Er schrie unentwegt, dass er mich umbringen werde. Zum Glück griffen beherzte Passanten ein, und er liess von mir ab.»

Diesen Vorfall beschrieb der Immobilien-Unternehmer Steff Fischer letzte Woche auf Facebook. Er nutzt die Social-Media-Plattform als Schaufenster zu seinem Leben. Und als Ort der Selbstdarstellung. Vor einem Jahr verschenkte er via Facebook 20'000 Franken – an die vier ersten, die sich meldeten. Er habe ohnehin zu viel Geld, schrieb er. So richtig wahrgenommen wurde er aber erst diesen Sommer. Im Umfeld der Querelen um das von ihm initiierte Zürcher Kulturhaus Kosmos griff er seine linken Millionärskollegen an, die anders als er ihr Geld bloss geerbt hatten. Und nannte sie: «Die Erb-Linken».

Von denen gibt es in Zürich tatsächlich einige. Und sie nehmen mit ihrem Geld starken Einfluss auf die Szene. «Diese Erb-Linken sind zu Geld gekommen wie die Maria zum Kind», schrieb Fischer auf Facebook. «Sie wissen nicht, wie Geld verdient wird. Schlimmer noch, sie wollen gar nicht wissen, wie Geld verdient wird. Ihr Reichtum erfüllt sie mit Scham. Sie wollen keine Kapitalisten sein wie ihre Väter. Sie wollen mit ihrem Geld Gutes tun, um eine Art von Absolution zu erlangen.»

Es war ein treffsicherer Stich in eine offene Wunde. «Die Erb-Linken» wurde zu einem stehenden Begriff. Und Fischer hat seither einige Feinde mehr – all jene, die sich angesprochen fühlten.

In der radikalen Linken fand er eine neue Heimat

Wir treffen uns in den neuen Büroräumlichkeiten von Fischers Immobilienfirma in Zürich. Ein altes Gewerbegebäude, sanft, aber stilvoll renoviert. Der Raum ist vollgestellt mit Pflanzen, wie in einem Gewächshaus. Leises Vogelgezwitscher kommt aus versteckten Lautsprechern. Knapp 40 Leute arbeiten für den ehemaligen Revoluzzer. Das Unternehmen erstellt Nutzungskonzepte für Überbauungen. Es gehe meistens darum, wie Wohnen und Arbeiten kombiniert werden könnten, wie man Quartiere durch Mischnutzung lebendig mache, erklärt Fischer. «Das Geschäft läuft gut.»

Dass er es so weit gebracht hat, ist eine ausserordentliche Geschichte. Geboren ist er 1957 in Fällanden, der Vater war Dorfsattler in vierter Generation. Es sei eine furchtbare Kindheit gewesen, sagt Fischer, geprägt von schwerem körperlichem Missbrauch.

Er gab der Gesellschaft die Schuld für sein Schicksal, weil sie solches Leid zuliess. Bei den radikalen Linken in Zürich fand er eine neue Heimat. «Macht kaputt, was euch kaputt macht», lautete die Losung. Fischer wurde zu einem der Wortführer der 80er-Bewegung, lebte in Kommunen und besetzten Häusern.

Langsam wuchs die Erkenntnis, dass das System nicht zuerst zerstört werden muss, damit etwas Neues, Besseres entstehen kann. 

Privateigentum lehnte man ab. Alles gehörte allen. Auch Kleider. «Wir hatten stundenlange Diskussionen, ob wenigstens die Unterwäsche privat sein soll», sagt er. «Wir kamen zum Schluss: Nein, ist sie nicht. Aber sie muss ordentlich gewaschen sein, bevor sie in den Schrank kommt.» Schon damals war er umgeben von Erb-Linken. «All die Ärzte- und Juristenkinder hatten von ihren Eltern eingetrichtert bekommen, sie seien etwas Besseres. Gegen sie musste ich mich durchsetzen, das hat mich stark gemacht.»

Langsam wuchs die Erkenntnis, dass das System nicht zuerst zerstört werden muss, damit etwas Neues, Besseres entstehen kann. Auch in der bestehenden Ordnung lässt sich einiges erreichen. Fischer war bei der Gründung der Genossenschaft Karthago dabei, die bis heute alternative Lebensformen in Gross-WGs ermöglicht. Er kaufte mit Freunden die erste Liegenschaft im abgehalfterten Zürcher Industriequartier und machte sie zum Wohnen und Arbeiten nutzbar. Ein Konzept, das zu seinem Erfolgsrezept werden sollte: An günstigen B-Lagen Liegenschaften mit minimalem Aufwand zur Umnutzung bereitstellen und den Mietern maximalen Gestaltungsraum lassen.

Die ursprünglich sozialistisch geprägte Idee von der Suche nach neuen Lebens- und Arbeitsformen machte er zum einträglichen Geschäft.

«20'000 Franken sind für mich nichts, für andere Reiche auch nicht. Wir merken nicht einmal, wenn die weg sind.»Steff Fischer

Mittlerweile ist Steff Fischer 62 Jahre alt und hat zehn Millionen Franken Vermögen angehäuft. Noch immer ist er CEO und Verwaltungsratspräsident seiner Firma, im Tagesgeschäft ist er aber nicht mehr ständig präsent. «Eigentlich mache ich nur noch Kunst», sagt er. «Kunst ist Freiheit.» Und bei ihm ist alles Kunst: Seine Facebook-Posts, sein Leben, das Geld, mit dem er gerne um sich schmeisst.

Was haben die 20'000 Franken bewirkt, die er letztes Jahr spontan via Facebook verschenkte? «Nichts. Geld zu verschenken, bewirkt selten etwas Positives», sagt er. Es sei ihm um etwas anderes gegangen. «Um zu zeigen, was Geld ist, was es auslöst, nämlich kurzes Glück, Neid und Missgunst.» Vor allem wollte er den knausrigen Reichen den Spiegel vorhalten, ihre Verlogenheit offenlegen. «20'000 Franken sind für mich nichts, für andere Reiche auch nicht. Wir merken nicht einmal, wenn die weg sind.»

Plötzlich lobt er Christoph Blocher

In Zürich unterstützt Fischer zahlreiche Projekte. Zum Beispiel überlässt er der «Wochenzeitung» (WoZ) die Büroräumlichkeiten zu einer stark vergünstigten Miete. Ins Onlinemagazin «Republik» hat er 125'000 Franken investiert. Er glaube aber nicht, dass dies etwas bringe. «Bei der ‹Republik› habe ich das Geld Constantin Seibt gegeben, weil ich ihn brillant finde. Nicht dem Onlinemagazin.» Solche Unterstützungsbeiträge können aus seiner Sicht auch schädlich sein, nämlich dann, wenn deswegen nicht profitabel geschäftet werde. Daran scheiterten viele solcher Projekte. «Hätte ich Geld geschenkt erhalten, wäre ich nie so erfolgreich geworden.»

Seine Gegner werfen ihm in dieser Hinsicht allerdings Unehrlichkeit vor. Auch er sei eigentlich ein Erb-Linker, schliesslich habe er seine Immobilienkarriere mit dem Grundstück seiner Eltern in Fällanden gestartet, das durch eine Umzonung plötzlich viel Geld wert war. Fischer winkt ab. Das Projekt, das er dort realisierte, sei ein Reinfall gewesen und habe ihm nichts als Schulden eingebracht.

Steff Fischer einzuordnen, ist nicht ganz einfach. Seit Jahrzehnten ist er mit derselben Frau zusammen, pflegt aber einen Lebensstil wie einst in der Kommune, auch was Liebesangelegenheiten betrifft. Er verzichtet auf gängige Statussymbole, hat nicht einmal einen Führerschein. Trotzdem sagt er: «Geld macht glücklich.» Zwischendurch lobt er plötzlich Christoph Blocher: «Wie er komplizierte Sachverhalte einfach und verständlich darlegen kann, dient mir als Vorbild.»

Ist er ein kapitalistischer Linker? Oder ein linker Kapitalist? Sicher ist er ein Freigeist; ein Mann, der sich bei niemandem mehr beliebt machen muss. Spätestens mit seinem Erb-Linken-Post habe er fast alle seine alten Freunde aus der 80er-Bewegung verloren. Keiner von ihnen habe sich nach dem Vorfall mit dem SUV-Fahrer nach seinem Befinden erkundigt. Vom Kulturhaus Kosmos, das es ohne ihn nicht geben würde, hat er sich zurückgezogen.

Fischer erzählt das ohne Verbitterung. Im Gegenteil. Man hat sogar das Gefühl, es gehe ihm ziemlich gut dabei.



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Erstellt: 09.11.2019, 23:31 Uhr

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