Mörgelis Museum bleibt geschlossen

Mit der Entlassung Christoph Mörgelis erhoffte sich die Uni Zürich vor sieben Jahren einen Befreiungsschlag. Es kam anders.

Die Affäre um Museumsleiter Christoph Mörgeli hatte weitreichende Folgen. Foto: Sabina Bobst/Lunax

Die Affäre um Museumsleiter Christoph Mörgeli hatte weitreichende Folgen. Foto: Sabina Bobst/Lunax

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Es ist ein tristes Bild, das das ehemalige Medizinhistorische Museum der Universität Zürich abgibt. Die Türen zu dem prächtigen Gebäude sind verschlossen, kein Mensch ist zu sehen. Nichts deutet darauf hin, dass hier viele Jahre lang ein öffentlich zugängliches Museum war mit über 10'000 Besuchern pro Jahr.

Gemäss einer Informationstafel ist in dem repräsentativen Bau nun die «Digital Society Initiative» untergebracht. Der Einzug erfolgte erst vor wenigen Wochen. Zuvor waren die Räumlichkeiten an bester Lage weitgehend unbenutzt geblieben – sechs Jahre lang, seit die Universität das Museum im Zuge der Affäre Mörgeli geschlossen hatte.

Selten hat ein Arbeitskonflikt in der Schweiz für so viel Aufsehen gesorgt wie jener von Christoph Mörgeli 2012. Über Wochen hinweg berichteten Medien genüsslich über angebliche oder ­mutmassliche Fehlleistungen des damaligen Leiters des Medizin­historischen Museums. Die ganze Schweiz verfolgte gespannt, wie der wohl umstrittenste Politiker des Landes verzweifelt um seinen Job kämpfte. Insbesondere die SRF-«Rundschau» verlor sämtliche Hemmungen, wenn es darum ging, den angeschlagenen SVP-Nationalrat vorzuführen.

Mörgeli wurde vieles zur Last gelegt: Die Erklärtafeln im Museum seien veraltet, die Knochen im Keller verstaubt, seine ­Publikationen dürftig und von der Pharmaindustrie gekauft. Zudem habe er ungenügende Doktorar­beiten durchgewinkt. Mörgeli wehrte sich nach Kräften, sprach von «Mobbing» und «politischen Angriffen». Vergeblich. Am 21. September 2012 verkündete die Universität Zürich die sofortige Freistellung ihres prominentesten Mitarbeiters.

Dass drei Jahre später das ­Verwaltungsgericht des Kantons Zürich die Entlassung als «unrechtmässig» beurteilte und die Universität Mörgeli als Entschädigung 17 Monatslöhne auszahlen musste, wurde kaum noch zur Kenntnis genommen. Auch nicht, dass gemäss einer internen Untersuchung keine der von ihm betreuten Doktorarbeiten ungenügend war.

Eine ganze Reihe von ­Gerichtsprozessen

Die Affäre traf nicht nur Mörgeli, sie hatte auch verheerende Folgen für das Institut, ja für die Uni ­insgesamt: Das traditionsreiche Museum wurde im Zuge der Querelen geschlossen, das Medizin­historische Institut zerschlagen, die Bibliothek ausgelagert.

Die stellvertretende Institutsleiterin Iris Ritzmann und ihr Mann mussten eine Hausdurch­suchung über sich ergehen lassen und wurden wegen Verdachts auf Amtsgeheimnisverletzung verhaftet. Mehrere Mitarbeiter verloren aufgrund der Institutsauflösung ihren Job. Selbst Rektor Andreas Fischer stolperte letzten Endes über die Affäre: Am 7. November 2013 trat er per sofort zurück.

Doch das war erst der Anfang. Ins­gesamt fünf Gerichtsverfahren ­kamen ins Rollen. Hätte Bildungsdirektorin Regine Aeppli nicht Immunität genossen, wären es sogar sechs gewesen. Das Strafverfahren gegen Mörgelis Vorgesetzten, Flurin Condrau, wegen Amtsgeheimnisverletzung wurde erst Ende letzten Jahres eingestellt. Die Beschwerde von Iris Ritzmann gegen ihre Entlassung ist nach ­ ­sieben Jahren immer noch hängig. Sie rechne damit, dass das Ver­waltungsgericht in den nächsten Wochen oder Monaten zu einem Urteil kommen werde, sagt sie.

Medizinhistorische Museum nicht gerettet

Sollte sie mit ihrer Beschwerde recht erhalten – was nach ihrem Freispruch durch das Zürcher Obergericht 2018 gar nicht so ­unwahrscheinlich ist –, könnten auf die Universität Lohnnachzahlungen und Entschädigungen in unbekannter Höhe hinzukommen.

Dass nicht einmal das Medizinhistorische Museum gerettet werden konnte, um das sich während Mörgelis Amtszeit plötzlich alle Sorgen gemacht hatten, ist die Ironie der Geschichte. Nach der Entlassung Mörgelis beschloss die Universität, das Museum «vor­übergehend» zu schliessen, um es «neu zu positionieren», wie es damals hiess.

Damit wurde Professor Felix Althaus ­beauftragt, der als Delegierter der Universitätsleitung ein Entwicklungskonzept für alle 8 Museen und 13 Sammlungen der Uni Zürich erarbeitete. Zur Diskussion stand, das Medizinhistorische in das neue Naturmuseum zu integrieren, das die Universität plant. Auch eine eigenständige Weiterführung unter dem Namen Medizinmuseum blieb eine Option – schliesslich gehört die ­medizinhistorische Sammlung mit ihren Zehntausenden von Objekten «zu den bedeutendsten in Europa», wie auf der Universitäts-Website noch immer zu lesen ist.

Die Geschichte hat nur Verlierer hervorgebracht

2016 teilte die Universität plötzlich mit, das Projekt Medizinmuseum sei aufgrund der finanziellen Lage «vorläufig zurückgestellt» worden. Auch werde es nicht Teil des neuen Naturmuseums.

Letztes Jahr schien die Sache wieder ins Rollen zu kommen. ­Felix Althaus sprach von einem ­Investitionsbedarf von 20 bis 40 Millionen Franken für ein eigenständiges Museum, allerdings ohne konkret zu werden. Bevor das Grossprojekt Naturmuseum nicht abgeschlossen sei, könne keine Entscheidung erwartet werden. Das heisst: nicht vor 2023. Doch mittlerweile ist auch das unsicher. Auf Anfrage sagt die Universität, das Medizinmuseum habe zurzeit keine Priorität, es bestehe kein «genauer Zeitplan» für eine Neueröffnung.

Immerhin, die viel gerühmte Sammlung wurde in den vergangenen Jahren mit grossem Aufwand saniert und in Depots an zwei Standorten fachgerecht eingelagert. 1 Million Franken liess sich dies die Universität kosten. Der Öffentlichkeit bleibt der Zugang zu den wertvollen, teils ­einzigartigen Objekten allerdings verschlossen. Zudem monieren Kenner, dass durch die Zerschlagung des Instituts nun kein medizinhistorisches Fachpersonal mehr vorhanden sei, das sich um die Sammlung kümmern könnte.

Sieben Jahre nach der Entlassung Mörgelis ist das Fazit mehr als ernüchternd. Die Geschichte hat nur Verlierer hervorgebracht. Flurin Condrau hat seine Stellung als Institutsleiter verloren und ist nur noch ordentlicher Professor. Um ihn ist es ruhig geworden – auf Anfragen zu den damaligen Vorkommnissen reagiert er nicht.

Seine Stellvertreterin, Iris Ritzmann, kämpft weiter um eine ­Wiedereinstellung. Sie forscht und publiziert nach wie vor an der ­Universität Zürich, ist wie Mörgeli noch Titularprofessorin, arbeitet aber vorwiegend unentgeltlich, da ihr die Universität ­einzig für die Lehrtätigkeit einen Lohn bezahlt, nicht aber für ihre Forschungsprojekte.

Andreas Fischer, der im Zuge der Affäre als Rektor zurücktrat, beharrte auch nach seinem Abgang darauf, dass ihn Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) angewiesen hatte, Mörgeli zu entlassen. Er ist jetzt im Ruhestand.

Millionenschaden für die Steuerzahler

Christoph Mörgeli wurde, nachdem er seine Stelle verloren hatte, auch noch als Nationalrat abgewählt. Dass er juristisch rehabilitiert worden ist, hilft ihm, abgesehen von der finanziellen Entschädigung, wenig: weder erhielt er seinen Job noch sein Nationalratsmandat zurück. Er arbeitet seit einigen Jahren als Journalist bei der «Weltwoche».

Neben den menschlichen ­Tragödien und dem fachlichen ­Verlust durch die Auflösung von Institut und Museum bleibt auch ein enormer finanzieller Schaden. Die Affäre mit den vielen Gerichtsverfahren, Gutachten, Entlassungen und Entschädigungszahlungen hat den Steuerzahler schon Millionen von Franken gekostet. Wie viel genau, kann aber niemand sagen.



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Erstellt: 02.11.2019, 20:58 Uhr

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