Wegen Baupfusch ins Hotel statt in die neue Wohnung

Verspäteter Bezug, zahlreiche Mängel: Wer sich auf dem Zwicky-Areal an Zürichs Stadtrand ein Eigentum gekauft hat, erlebt viel Ärger.

Die Realität ist anders: Der Ärger über die Baumängel lässt kaum Zeit, die «atemberaubende Aussicht» zu geniessen. Visualisierung: Waldhaus Neuguet

Die Realität ist anders: Der Ärger über die Baumängel lässt kaum Zeit, die «atemberaubende Aussicht» zu geniessen. Visualisierung: Waldhaus Neuguet

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Das haben sich die hundert Eigentümer anders vorgestellt, als sie vor zwei Jahren eine Wohnung auf dem Zwicky-Areal in Wallisellen kauften. Damals wurden die luxuriösen 2,5- bis 4,5-Zimmer-Wohnungen im Waldhaus Neuguet mit schönen Worten angepriesen: «atemberaubende Aussicht», «grosse Terrassen mit Grill», in einem Quartier, «in welchem sich hohe Lebensqualität mit Tradition und Moderne verbindet».

Weniger schön klingt es, wenn die Eigentümer heute über ihre Wohnungen sprechen: «ein Albtraum», «katastrophal», «ein einziges Ärgernis». Sie bezahlten 600'000 bis 1,8 Millionen Franken – viele kauften zum ersten Mal Wohneigentum. Doch was hier geschieht, ist selbst für erfahrene Baufachleute «aussergewöhnlich».

Wohnen in Zwischenlösung

Eigentlich hätte der Bau Ende 2018 fertiggestellt werden sollen. Dann hiess es im März 2019, später Mai. «Nun habe ich für kommende Woche einen weiteren Einzugstermin erhalten», sagt ein Eigentümer. Seit Monaten wohnt er in möblierten Wohnungen. Immer wieder zog er um, weil die Zwischenlösung nur bis zum nächsten versprochenen Einzugstermin gemietet war.

Die Kosten für die Umzugsodyssee übernimmt die Firma Halter, die das Zwicky-Areal entwickelt hat. Momentan bezahlt sie noch 19 Eigentümern den Aufenthalt in Hotels oder möblierten Wohnungen. «Die Situation mit den immer neuen Terminverzögerungen ist auch für uns ärgerlich und unverständlich», sagt Ede Andràskay, Geschäftsführer bei Halter.

Das Waldhaus Neuguet in Wallisellen. Foto: Andrea Zahler

Die Schuld für diese Situation sieht er bei der Steiner AG, die das Waldhaus Neuguet im Auftrag von Halter baute: Praktisch alle Bauarbeiten seien «mit grosser Verspätung angegangen» worden, schrieben Andràskay und Halter-Chef Markus Mettler in einem dreiseitigen Brief an den Steiner-Chef Karsten Hell. Dieses Schreiben verschickten sie, nachdem der TA Ende Juli über die Probleme auf der Baustelle berichtet hatte. Mettler und Andràskay mutmassen, Steiner habe zu lange versucht, bei Subunternehmern die Preise zu drücken.

Steiner selber erklärt die Verzögerungen mit Rauchdruckanlagen, die neu konzipiert und bewilligt werden mussten, oder falschen Plänen, die man erhalten habe. Die Rauchdruckanlage im letzten der vier Türme wurde diese Woche definitiv abgenommen.

«Haarsträubende» Mängel

In die anderen drei Türme sind die meisten Eigentümer nun eingezogen. Was sie da erleben, ist noch «haarsträubender» als die bisherigen Erlebnisse jener, die erst noch einziehen werden. Ein Eigentümer sagt, in seiner Wohnung habe es aktuell knapp 100 Mängel – «damit bin ich noch gut bedient». Andere erzählen von Wasserschäden, Kratzern in Scheiben, falscher Fugenfarbe. Einer musste während mehrerer Wochen im Hotel duschen, das sich in den untersten drei Etagen des Baus befindet.

Das Hotel war im Mai als Erstes bezugsbereit. Ende Oktober buchte Steiner eine Woche lang etappenweise alle Hotelzimmer und stellte die haustechnischen Anlagen instand. Die Mängel waren so gravierend, dass Sachen oder Personen gefährdet waren, heisst es in einem Kontrollbericht. Ein Eigentümer berichtet, bei ihm im 10. Stock rieche es morgens um 6 Uhr nach Speck, wenn im Hotel das Frühstück ­zubereitet werde. Das ist nur ein kurzer Einblick in die lange ­Mängelliste.

Wütende Handwerker

Steiner wollte die Probleme an sogenannten Mängeltagen beheben und forderte alle Eigentümer auf, zu Hause zu sein, um Handwerker in die Wohnungen zu lassen. Von den 30 aufgebotenen Firmen sind an einem dieser Tage nicht einmal fünf erschienen. Der Grund: Die Handwerker warten seit Monaten auf Geld. Bei anderen wurde die Arbeit nur zum Teil ausbezahlt. Steiner hält es aus den unterschiedlichsten Gründen zurück.

In mehreren Fällen sind es Hunderttausende Franken. Mehrere Firmen haben Steiner betrieben. Gemäss einem Betreibungsregisterauszug vom September beliefen sich alle Betreibungen der Gesamtunternehmung auf 3,5 Millionen Franken. Eine Firma liess in der Zwischenzeit über das Bezirksgericht Bülach das Bauhandwerkerpfandrecht eintragen. Damit erhält sie einen Anteil an einzelnen Wohnungen, als Pfand für ausstehende Beträge.

Steiner stellte der Firma inzwischen, wie anderen auch, eine Zahlungsgarantie über den geforderten Betrag aus. Ob die Firmen das Geld erhalten, ist unklar. «Die Forderungen werden damit nicht automatisch anerkannt», sagt Steiners Mediensprecher Andreas Gurtner. Die finale Abrechnung erfolge erst, wenn alle Mängel behoben seien.

Über ein Dutzend Firmen, mit denen der TA gesprochen hat, finden keine guten Worte für Steiner. Der Bauriese erwidert, bei einem Umsatz von 800 Millionen Franken und der Zusammenarbeit mit mehreren Hundert Subunternehmen könne es zu Meinungsverschiedenheiten kommen. «Im Grossen und Ganzen pflegt Steiner sehr gute Beziehungen zu seinen Subunternehmen», sagt Gurtner und fügt an, man sei für «eine faire und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Projektpartnern bekannt».

«Gute Nachbarschaft»

Den Eigentümern, die mangelhafte Luxuswohnungen kauften oder noch immer darauf warten, endlich einzuziehen, ist es gleichgültig, wer schuld an diesem «Desaster» ist. Sie würden lieber von ihrem Balkon aus die «atemberaubende Aussicht» geniessen können – was ihnen wegen des Ärgers aber schwerfällt.

Etwas Positives habe die Situation, sagt einer: «Wir Eigentümer haben uns zusammengeschlossen und tauschen uns rege aus, um uns gemeinsam zu wehren.» Dies schweisse zusammen und werde sicher für eine gute Nachbarschaft sorgen, wenn dann mal alle eingezogen seien.

Erstellt: 14.11.2019, 22:05 Uhr

Streit zwischen Steiner und Halter beigelegt?

Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Bauriesen Halter und Steiner wurde auf allerhöchster Ebene geführt. Nach dem TA-Bericht Ende Juli über Probleme auf der Baustelle Waldhaus Neuguet in Wallisellen schickten der Halter-Chef Markus Mettler und sein Geschäftsführer Ede Andràskay ein gepfeffertes Schreiben an den Chef der Steiner AG, Karsten Hell. Eine ­Kopie davon schickten sie auch gleich allen Eigentümern, die im Neuguet eine Wohnung gekauft hatten.

Darin steht: «Steiner hat den Übergang in ein ordentliches und professionelles Baumanagement nie gefunden und deshalb die entscheidende Ausführungsplanung und Bauvorbereitung (...) vollkommen verpasst.» Weiter habe sich Steiner «in keiner Weise konstruktiv» verhalten und habe das Zahlungsmanagement «nicht im Griff».

Im TA-Bericht vom Juli verteidigte sich Steiner damit, es sei wegen Planungsfehlern von Halter auf der Baustelle zu Verzögerungen gekommen. Darauf erwidert Halter im Schreiben: «Der Umstand, dass [die] Nichteinhaltung von zugesicherten Terminen für Steiner von allergrösster Peinlichkeit ist, entbindet Steiner nicht davon, wahrheitsgetreu zu kommunizieren.»

«Professionell und konstruktiv»

Steiner will sich auf Anfrage nicht zu diesen Vorwürfen äussern. Das Schreiben sei nun mehr als drei Monate alt. «Die im Brief erwähnten Punkte sind nicht mehr von Relevanz», sagt Steiner-Mediensprecher Andreas Gurtner. Seither hätten zahlreiche konstruktive Gespräche mit Halter stattgefunden, man äussere sich deshalb nicht mehr öffentlich dazu. Ähnlich klingt es bei Halter: «Die Zusammenarbeit mit Steiner ist entsprechend der Projektgeschichte auf professionellem und mittlerweile grundsätzlich konstruktivem Niveau», sagt Geschäftsführer Andràskay.

Beiden Vertretern ist im Gespräch anzumerken, dass ihnen nun viel daran liegt, die letzten anstehenden Wohnungsübergaben möglichst gut über die Bühne zu bringen und für das Waldhaus Neuguet einen Abschluss zu finden. (zac)

Die Recherche

Der «Tages-Anzeiger» sprach mit einem Dutzend Bauarbeitern und Geschäftsführerinnen von Handwerksfirmen. Einzelne wären bereit gewesen, sich mit ihrem Namen zitieren zu lassen. Der TA entschied sich, sie alle zu anonymisieren. So sollen sie davor geschützt werden, von grossen Playern keine Aufträge mehr zu erhalten. Nach einem ersten Artikel im Juli meldeten sich vier Eigentümer beim TA und berichteten von Problemen mit ihren Wohnungen. Auch weitere kontaktierte Eigentümer waren bereit, unter der Zusicherung der Anonymität zu sprechen. (zac)

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