«GC, der Name, das Logo, das strahlt noch immer»

Veroljub Salatic weiss als Captain um seine Verantwortung für die Mannschaft – während die Führung an eine gute Lösung für die Zukunft glaubt.

Auch er weiss, dass er mehr machen muss: Veroljub Salatic. Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

Auch er weiss, dass er mehr machen muss: Veroljub Salatic. Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

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«So», sagt Fredy Bickel, «ich gehe jetzt, ich muss Budgets für die neue Saison erstellen.» Er steht schwungvoll auf, das muss am Salat liegen, den er zum Mittagessen im Café des GC-Campus gehabt hat.

Seit zwei Monaten ist er Geschäftsführer der Grasshoppers. In dieser Zeit hat er Baustellen bearbeitet und Brände gelöscht, weil die Sparmassnahmen nach dem Abstieg personelle Spuren auf der Geschäftsstelle hinterlassen haben. «Wir sind am ­Anschlag», sagt er.

Diese Woche hat er die Mitarbeiter zum Spaghetti-Essen eingeladen, auch jene, die die Plätze pflegen, im Café oder im Internat arbeiten. 35 Personen sind es total gewesen, es ist Bickels Form, ihnen Danke für ihre Arbeit zu sagen und auch dafür, dass sie trotz erschwerter Bedingungen keinen Frust zeigen.

7,105 Millionen Franken hat GC gemäss Zahlen der Swiss Football League an Einnahmen für diese Saison in der Challenge League budgetiert, 13,597 Millionen sind es an Aufwand, alles inklusive Transfers – ein Minus von 6,492 Millionen. Das tönt noch immer nach Luxus, was sich der Club an personellen und betrieblichen Ausgaben leistet, für den Nachwuchs und das Trainingsgelände. Das geht diese Saison nur, weil die beiden Hauptaktionäre, Stephan Anliker und Peter Stüber, sich nochmals verpflichtet haben, Zahlungen von je 3,25 Millionen zu garantieren. Stüber hat in diesen Tagen kommentarlos eine fällige Rate überwiesen. Es ist seine Art, Loyalität zu zeigen.

«Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch grössere Probleme gibt, als wir sie jetzt haben», sagt Fredy Bickel.

Stüber, der stille Mäzen, hat jüngst in einem Interview mit der «Bilanz» erklärt: Wenn sich nicht mehr Geldgeber finden liessen, sei die Fussball-AG von GC ­irgendwann «obsolet» und gingen die Aktien an den Zentralvorstand von GC zurück. Obsolet heisst: überflüssig. Und überflüssig heisst: Dann kann es auf dem Campus nicht mehr den Fussball in dieser Form und mit diesen Aufwendungen geben.

Die Suche des Präsidenten

Dieses Szenario schwebt nicht erst seit ein paar Tagen drohend über Niederhasli, das tut es schon länger, und darum eben beugt sich Bickel an diesem Freitag in seinem Büro über die Zahlen: Wie sieht ein Budget für die Super League aus, wie für die Spitze der Challenge League und wie eben, wenn die Grossaktionäre wirklich abspringen und nicht ersetzt werden können? Bickel sagt: «Ich glaube an GC. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch grössere Probleme gibt, als wir sie jetzt haben.»

Bickel hat in zwei Monaten erst vier freie Tage bezogen. Andràs Gurovits ist beeindruckt von seiner Arbeit. Gurovits, einziger Verwaltungsrat und darum automatisch Präsident, ist vordringlich mit der Frage beschäftigt, wie es existenziell mit dem Verein weitergeht. Sieben Tage die Woche arbeite er an einer Antwort, meldet er am Telefon, es laufe viel, und er versuche alles, dass es eine gute Lösung gebe. Aber er bittet auch um Verständnis, dass er nicht mehr sagen kann, um nichts zu gefährden. Ende Februar muss auf alle Fälle Klarheit herrschen. Dann muss GC bei der Liga die Lizenz für die kommende Saison beantragen.

Während Bickel zu rechnen beginnt, hat sich Veroljub Salatic an den Tisch gesetzt. Salatic ist das Gesicht der Mannschaft, seit er im Sommer aus dem russischen Ufa zum zweiten Mal zu GC zurückgekehrt ist. Das erste Mal war 2012 gewesen, nach einem Jahr auf Zypern, damals war GC noch ein Club, der seiner Geschichte entsprechend dachte. Die folgende Saison endete mit dem Cupsieg und Platz 2 in der Meisterschaft. Roman Bürki stand im Tor, Stéphane Grichting war der Abwehrchef, die Talente hiessen Izet Hajrovic, Amir Abrashi oder Steven Zuber.

Rückkehrer Salatic ist keiner, der sich versteckt. Darum hat er sich auch schützend vor Oliver Buff gestellt.

Jetzt sagt Salatic: «Ich konnte mir im Sommer nicht vorstellen, was auf mich zukommt. GC in der Challenge League – das ist ungewohnt, das ist eine Challenge.» Fünf Monate hat er inzwischen Zeit gehabt, sich an die Verhältnisse anzupassen. Bei Auswärtsspielen spürt er noch, dass GC in einer neuen Welt gelandet ist, auch bei den Spielen im Letzigrund, wenn sich da 3000 Zuschauer verlieren. Nur auf dem Campus empfindet er anders. Das Gelände, die Betreuung, die Trainer, das ist für ihn alles weiterhin «Super-League-tauglich», sagt er: «GC, der Name, das Logo, das strahlt noch immer.»

GC ist sein Club, seit er mit 15 aus Zug zu ihm gewechselt hat. 34 ist er seit zwei Wochen. Er verdient nicht mehr annähernd so wie zu seinen besten Zeiten, er ist trotzdem mit Herzblut bei der Sache und kümmert sich um die Mitspieler, wenn sie Hilfe benötigen. Gerade Allen Njie und Francis Momoh, die jungen Afrikaner, hat er an die Hand genommen, damit sie sich beim Kauf von ­Toilettenartikeln zurechtfinden. Auch bei den Schuhen hat er ihnen geholfen, es waren zwar nicht solche für den Winter, wie Trainer Uli Forte einmal erzählte, es waren Fussballschuhe.

«Zu mir kann jeder kommen, wenn er etwas braucht», sagt Salatic, «ich bin als Ältester in der Mannschaft dazu verpflichtet.» Daheim hat er vier Kinder zwischen 4 und 8 Jahren, er weiss darum, wie es ist, sich schon ab morgens sieben Uhr um andere zu sorgen. Wenn er von den Kleinen erzählt, wie sie wegen der Zeit in Ufa russisch miteinander reden, liegt ein Strahlen auf seinem Gesicht.

Salatic mag bislang nicht immer gleich dominant gewesen sein, auch er weiss, dass er mehr machen muss, läuferisch, taktisch, technisch. Aber er ist keiner, der sich versteckt. Als die Mannschaft letzten Sonntag nach dem 0:0 gegen Aarau in die Kurve ging und ein paar wegen der Einwechslung des früheren FCZ-Spielers Oliver Buff pöbelten, ging er vorneweg. Er stand vor Buff hin, als wollte er ihn beschützen. Seine Botschaft auch an die Fans heisst: «Wir müssen alle zusammenstehen.»

Der Traum vom Aufstieg

Vielleicht merkt auch der Letzte in der Kurve noch, dass Buff trotz seiner Vergangenheit einer Mannschaft helfen kann, die sich spielerisch bislang schwertut. Viermal hat sie nur 2:1 gewonnen, einmal 1:0, richtig überzeugend war nur das 3:0 gegen Wil. Während Leader Lausanne seine Gegner reihenweise 4:0, 5:0 oder 6:0 abfertigt, bezahlt sie Lehrgeld für fehlende Erfahrung. Salatic erwähnt die Gegentore gegen Vaduz: auswärts das 2:2 in der 95. Minute, daheim das 3:3 in der 87. Minute. «Ohne diese Tore wären wir nicht sechs, sondern zwei Punkte hinter Lausanne», rechnet Salatic vor. Er träumt vom Aufstieg.

Unter der Woche hat er mit dem Spielerrat bei Geschäftsführer Bickel vorgesprochen, um sich dafür einzusetzen, dass es wenigstens ab der Rückrunde Punkteprämien gibt. Bickel hat einen ersten Vorschlag gemacht. «Prämien hat es doch immer gegeben», sagt Salatic.

Fürs Erste gibt es an diesem Freitag nur Kuchen. Offeriert von den Spielern, die am Vortag einen internen Match verloren haben. Salatic gehört zu den Spendern.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 30.11.2019, 14:49 Uhr

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