Ein neuer Chef für die Schweizer Glamourfabrik

Der «Bachelor» steht für den TV-Sender 3+. Hier übernimmt nun Roger Elsener – ausgerechnet der Mann, der einst im Unguten ging.

Wo die Welt glänzt und glitzert: Der «Bachelor» von 3+ soll auch mit neuem Eigentümer und neuem Chef ein grosses Publikum begeistern. Foto: 3+

Wo die Welt glänzt und glitzert: Der «Bachelor» von 3+ soll auch mit neuem Eigentümer und neuem Chef ein grosses Publikum begeistern. Foto: 3+

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Links ein Container, rechts ein Autospritzwerk, dazwischen eine Pforte in schmuddeligem Grün. Der Haupteingang von 3+ in einem Bürogebäude in Schlieren ist spektakulär unglamourös. Hinter dieser Tür verbirgt sich aber die grellste Glamourfabrik des Landes.

Die soeben angelaufene Staffel von «Bachelor» ist ein nationales Medienereignis. «Blick» und «20 Minuten» bringen die Fans fast in Echtzeit auf den neusten Stand, in Talksendungen wird jeder Kuss, jede Eifersüchtelei analysiert. 3+ ist der Sender der Jungen, der Sender der werberelevanten Gruppe der 15- bis 39-Jährigen. Fast jeder Vierte von ihnen hat den Start der neuesten Staffel von «Bachelor» am 21. Oktober geschaut.

Vor zwei Wochen hat Roger Elsener diese Tür in Schlieren erstmals als neuer Chef durchschritten. Kurz davor hatte CH Media den Kauf des Senders bekannt gegeben. Neben ein paar netten Worten hatte Elsener vor allem eine Nachricht für die Belegschaft: Er wolle 3+ gegenüber der Aargauer Konzernzentrale den Rücken frei halten.

«Narzissten wird oft ein Leaderprofil zugesprochen. Weil ich keiner bin, heisst das nicht, dass ich nicht führen und mich durchsetzen kann»: Roger Elsener. Foto: Sabina Bobst

Roger Elsener hatte angesprochen, was auf der fünften Etage im Schlieremer Bürogebäude viele der 60 Mitarbeiter nach der Übernahme befürchten: nämlich, dass mit der Eingliederung in den Aargauer Konzern der Habitus des allzeit bereiten Piratensenders – so zumindest die eigene Wahrnehmung – verloren geht.

«Wir wollen die Nummer 1 bei den Privaten werden»Roger Elsener

3+, immer noch so etwas wie der freche Neuling auf dem Schweizer TV-Markt, könnte schneller erwachsen werden, als ihm lieb ist. Nach 15 Jahren scheint die Pubertät für den Sender vorbei zu sein. 3+ ist jetzt Teil einer Strategie, die die Schweizer TV-Landschaft nachhaltig verändern wird.

«Wir wollen die Nummer 1 bei den Privaten werden», sagt Roger Elsener selbstbewusst.

Er ging einst im Unguten

Er sitzt am Steuer seines Autos. Ein Offroader, nicht besonders protzig, aber voller elektronischer Gadgets. Der Chef ist unterwegs zu seinen Mitarbeitern, er will sich zeigen. Aarau, Bern, Luzern und Schlieren. Roadtour nennt er das. Neben TV 24, TeleBärn oder Radio Pilatus, die dem CH-Media-Konzern schon lange gehören, ist Elsener nun zusätzlich für 3+ zuständig.

Dass er ausgerechnet bei diesem Sender das Sagen haben wird, ist für Elsener nur eine Anekdote. Dabei hatte er den Sender einst im Unguten verlassen. Elsener war 2012 bei 3+ der COO, hinter Senderchef Dominik Kaiser die Nummer zwei.

«Es hat damals einfach nicht sein wollen.»Roger Elsener

In der Branche munkelte man damals, der eigenwillige Gründer habe mit dem erfahrenen TV-Macher endlich seinen Nachfolger gefunden. Es kam anders. Nach nicht einmal einem Jahr reichte der Neue die Kündigung ein. «Es hat damals einfach nicht sein wollen», sagt er heute dazu. Kaiser will sich zur Trennung nicht äussern. Der Gründer ist ganz aus 3+ ausgestiegen und hat sich 100 Tage Stille auferlegt.

Roger Elsener gibt Gas, die Autobahn zwischen Zürich und Luzern. Ziel ist die Zentrale von Radio Pilatus. Auf der Fahrt spricht er von der Wachstumsstrategie, die er mit seinen TV-Sendern verfolgt. «Zehn Prozent Marktanteil kommen mit TV24 und 3+ zusammen», sagt er. Eine Kampfansage an alle anderen Konkurrenten, auch an die SRG.

«Narzissten wird oft ein Leaderprofil zugesprochen. Weil ich keiner bin, heisst das nicht, dass ich nicht führen und mich durchsetzen kann.»Roger Elsener

So forsch würde der Familienvater das aber nie formulieren, nicht sein Stil. Verleger Peter Wanner, sein Vorgesetzter, lobt ihn als bewährten Manager und als Teamplayer. Und genau diese beiden Attribute werden dem neuen starken Mann im Schweizer TV-Geschäft negativ ausgelegt. In der Szene jedenfalls ist er trotz seiner langjährigen Tätigkeit für viele ein Unbekannter geblieben. Unscheinbar, heisst es mehrfach, im besten Fall noch fleissig. Er sei immer der Erste im Büro.

Roger Elsener scheint dies alles bereits gehört zu haben. Routiniert antwortet er, ohne den Blick von der Strasse zu lösen: «Narzissten wird oft ein Leaderprofil zugesprochen. Weil ich keiner bin, heisst das nicht, dass ich nicht führen und mich durchsetzen kann.» Er sei einer, der die anderen besser mache. Alte Weggefährten erzählen, dass er im Unihockey vor allem durch die vielen Assists aufgefallen sei. Und seinen grossen Ehrgeiz.

Von der Spree nach Schlieren

Aufgewachsen im Zugerland, zog es den studierten Medienökonomen bald nach Berlin zu einem der grössten Medienkonzerne der Welt. Bei Viacom bewährte er sich und wurde in die Schweiz heimgeschickt, um dort für den Konzern unter anderem die Schweizer Versionen von MTV und des Kindersenders Nickelodeon aufzubauen. 3+-Gründer Dominik Kaiser wurde auf den jungen Schweizer aufmerksam und warb ihn ab.

Elsener wechselte von den grossen, repräsentativen Büros an der Spree in die Industriezone von Schlieren. Das sei für ihn kein Problem gewesen, sagt er: «Ich musste mein Ego nicht mehr über einen grossen Markt definieren. Lieber wollte ich eine spannende Aufgabe.» Und die bekam er.

Keine News, viele Emotionen

Die Deutschschweiz mit ihren rund fünf Millionen Einwohnern ist ein kleiner, aber hart umkämpfter Markt. Neben der hoch alimentierten SRG schielen diverse Konkurrenten auf die 750 Millionen Franken Werbegelder, die es pro Jahr zu verteilen gibt. Es gibt viel zu gewinnen, aber noch viel mehr zu verlieren. Fernsehmachen ist ausgesprochen teuer. Der einstige Sender TV3 (der wie diese Zeitung zu Tamedia gehörte) scheiterte. Roger Schawinskis Tele 24 ebenso.

Beim selbst ernannten Piratensender traf er auf hoch motivierte, kampfbereite Mitarbeiter, die es den Grossen zeigen wollten.

Danach galt es eine Zeit lang als ausgemacht, dass privates nationales Fernsehen neben der SRG keinen Platz finden kann. Bis Dominik Kaiser mit 3+ das Gegenteil bewies: mit eingekauften US-Hitserien und eingeschweizerten Reality-Soap-Formaten, die im Ausland bereits Erfolg hatten. Kaisers Losung: keine Experimente, keine News, viele Emotionen. Der neue Boulevardsender aus Schlieren wuchs bei den Jungen rasant. Darum interessierte sich Roger ­Elsener schon 2012 für 3+.

Beim selbst ernannten Piratensender traf er auf hoch motivierte, kampfbereite Mitarbeiter, die es den Grossen zeigen wollten. Die Weihnachtsfeiern waren legendär. Dominik Kaiser war der Kapitän, der keinen Alkohol trinkt und nächtelang Einschaltquoten studiert. Und er war offenbar nicht für einen starken Steuermann neben sich bereit.

Der Zenit ist erreicht

Elsener, einer der wenigen Schweizer TV-Macher mit Auslanderfahrung, heuerte danach bei CH Media an. Es galt, mit den Regionalsendern einen ambitionierten Expansionsplan voranzutreiben. Dazu gehört auch die adäquate Verpackung für Social-Media-Kanäle und die richtige Strategie für die Diversifizierungen im Internet. Denn die Zeit der Flimmerkiste in der Stube mit seinem linearen Fernsehen läuft ab.

Die Jungen holen sich ihre TV-Inhalte selbst, on demand, auf ihr Handy. Während bei dieser Zielgruppe der Medienkonsum insgesamt eher zunimmt, verwenden sie laut einer Studie von Mediapulse fürs klassische Fernsehen nur noch 64 Minuten pro Tag. 2013 warens noch 86.

3+ soll laut der «Weltwoche» in diesem Jahr einen Gewinn von 14 Millionen Franken einfahren.

Roger Elsener muss auf diese Entwicklung Antworten finden. Auch darauf, wie sich in einem Markt, der immer globalisierter und kleinteiliger wird, nachhaltig Geld verdienen lässt. Denn auch hier gehen die Werbeeinnahmen zurück. 3+ soll laut der «Weltwoche» in diesem Jahr einen Gewinn von 14 Millionen Franken einfahren. Die meisten Branchenbeobachter sind sich aber einig, dass damit der Zenit erreicht ist und es nur noch abwärtsgehen kann.

Doch davon will Elsener nicht sprechen. Auf seiner Roadtour will er den Mitarbeitern lieber von den Chancen der Zukunft erzählen. Als erste kommen die Mitarbeiter von Radio Pilatus in den Genuss seiner Motivationsrede. Voller Elan tritt Elsener in den Versammlungsraum der Luzerner Sendezentrale. Die Tür schliesst sich hinter ihm.

Erstellt: 14.11.2019, 11:27 Uhr

Der Mega-Deal der CH Media

Die Nachricht sorgte Mitte Oktober für Aufsehen: CH Media kauft den Privatsender 3+. Kolportiert wurde eine Kaufsumme von über 160 Millionen Franken. Auf Anfrage meint der Konzern nur, diese Zahl sei falsch.

Sicher ist: Peter Wanner, der Verleger von AZ Media, wollte diesen Deal unbedingt. Denn die Kräfteverhältnisseim hart umkämpften Schweizer TV-Markt ändern sich damit fundamental. CH Media, ein Joint Venture der NZZ-Mediengruppe und der AZ Medien, ist hinter der SRG mit einem Schlag mit zehn Prozent Marktanteil der stärkste Player.

Dazu gehören neben der 3+-Gruppe Lokalsender wie Tele M1, TeleBärn oder TV 2. Konkurrenz gibts aus Deutschland mit dem Schweizer Fenster von Sat 1/Pro 7, im nächsten Jahr kommt Blick TV dazu. (cix)

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