Dicke Küsse aus dem Bunker

Luca Morisi hat mit seinem teuflisch genialen «Spiegelspiel» Matteo Salvini gross gemacht. Dem Spindoktor des rechten Innenministers ist es gelungen, dass Italien nur von seinem Chef redet.

«Die Diktatur des Selfies»: Matteo Salvini auf dem Balkon, auf dem sich auch Diktator Benito Mussolini präsentierte. Foto: Reuters

«Die Diktatur des Selfies»: Matteo Salvini auf dem Balkon, auf dem sich auch Diktator Benito Mussolini präsentierte. Foto: Reuters

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In der Nähe des italienischen Innenministeriums, mitten im alten Zentrum Roms, gibt es einen «Bunker». So nennt Luca Morisi sein Büro, er verbringt darin viel Zeit. Vor vier Bildschirmen, je einer für Facebook, Twitter und Instagram, über den vierten laufen die Nachrichten. Wenn Morisi nicht dort ist, sitzt einer seiner jungen Kollegen vor den Bildschirmen. 17 Angestellte sind es insgesamt, 7 arbeiten Vollzeit. Der «Bunker» ist 24 Stunden am Tag besetzt, auch am Wochenende. Es gibt keine öffentlichen Fotos des Büros. Überhaupt wissen die Italiener nur wenig darüber. Aber sie bezahlen dafür: 314'000 Euro im Jahr, schrieb das Nachrichtenmagazin «L’Espresso».

Luca Morisi (46), Philosoph aus dem norditalienischen Mantua, ein schmaler Mann mit jungenhaftem Gesicht und nervösen Augen, ist der «strategische Kommunikationsberater» von Innenminister Matteo Salvini. So lautet die offizielle Jobbeschreibung. Morisi und sein Team stehen auf der Lohnliste des Ministeriums.

«Salvinis Gehirn»

Die italienischen Medien überschlagen sich mit inoffiziellen Prädikaten, die das, was er macht, wohl besser ausdrücken. «Salvinis Lautsprecher» nennen sie Morisi, dessen «Guru» und «Spindoktor». Und: «Salvinis Gehirn». Selbst politische Gegner, die seinen Kommunikationsstil verwerflich finden, halten ihn für ein Genie. Morisi sei ein grosses Mysterium, schreibt der «Corriere della Sera». Er zeigt sich nur selten in der Öffentlichkeit, geht nie ans Telefon, er gibt auch fast keine Interviews. «L’Espresso» sieht in ihm «einen der einflussreichsten Männer Italiens».

Morisi sorgt dafür, dass Italien ständig nur von Salvini spricht, auf allen Kanälen, vor allem aber im Netz. Er analysiert die Themen, die ziehen, die «trending» sind, und nährt sie dann mit süffigen Zugaben aus dem Repertoire Salvinis. Man hört, Morisi habe einen Algorithmus entwickelt, der die Informationsflüsse sortiert und die mehrheitsfähigste Position aus den Kommentaren filtert, das Grundrauschen aus dem Volk, um es zu bedienen. Das geht ganz leicht. Salvini zeichnet kein Bild der Zukunft, er hat keine Visionen. Er redet dem Volk nach dem Mund, und das bringt Likes – und Stimmen. Morisi nennt seine Konsensmaschine «la bestia».

Im Durchschnitt pustet die Bestie jede Stunde einen neuen Post raus. Mal ist es eine Provokation gegen Europa, gegen Emmanuel Macron, die «Gutmenschen» oder die Seenotretter im Mittelmeer. Dann immer wieder eine neue Polemik zur Immigration, aufgehängt an einer vermischten Meldung, in der ein Zugewanderter negativ aufgefallen ist. Das kann auch eine «Fake News» sein, entschuldigen würde man sich nie. Dazwischen schaltet Morisi Fotos vom Chef im privaten, fast intimen Rahmen: Salvini beim Pastaessen; Salvini abends in seiner Küche mit einer Flasche Nebbiolo; Salvini mit seiner Tochter auf dem Weg zur Schule. Dann auch mal einen Kommentar zum Fussball. Salvini als Durchschnittsitaliener.

Video: Salvinis Aufstieg zum grössten Rechtspopulisten

Der Trump Italiens? Matteo Salvini polarisiert und provoziert mit seiner rechts-populistischen Politik. Wie er so mächtig wurde erklärt Auslandredaktor Sandro Benini im Video.

Am liebsten postet Morisi aber Videos, die der Minister selbst gedreht hat – mit dem Handy, im Selfiemodus. Möglichst viele davon soll er machen, überall, wo er hingeht. Und wenn Salvini mal im Ministerium ist, was nicht oft vorkommt, geht er aufs Dach des Palazzo und filmt sich dort oben, mit den Kuppeln der Kirchen im Hintergrund, und erzählt von seinen Taten. Kürzlich kreiste eine fette Möwe über dem Haupt des Ministers, das brachte ihn kurz aus der Fassung. Diese Videos sind populär bei den Fans, gerade weil sie amateurhaft gemacht sind. Sie wirken authentisch. Was kann sich ein Populist eher wünschen, als dass er volksnah rüberkommt?

Ein politischer Nerd

Die Frequenz der Posts ist dermassen hoch, dass die Italiener den Eindruck gewinnen, der Vizepremier sei überall gleichzeitig, körperlich und virtuell, ständig live und online. Morisi nennt die Methode «Spiegelspiel»: Jeder Auftritt auf der Piazza kommt auch im Netz, dann im Fernsehen, blitzt wieder im Netz auf, wieder im Fernsehen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Löst die Provokation Entrüstung aus, umso besser, dann geht alles von allein, hin und her. Es ist dann, als gebe es nur Salvini. Und das ist wohl einer der Hauptgründe für seinen irrsinnig schnellen Aufstieg. Das Verdienst Morisis.

Kennen gelernt haben sie sich 2012, da war Salvini noch nicht einmal Parteichef der Lega. Morisi gefiel die Art, wie Salvini in den Talkshows auftrat: selbstsicher, schnell im Kopf, er hat immer griffige Formeln parat. Weil die Kassen der Lega leer waren, überzeugte Morisi Salvini, auf die neuen Medien zu setzen, das sei fast gratis. Auf Facebook, das besonders wichtig werden sollte in der Folge, hatte Salvini damals 18'000 Likes, zwei Jahre später waren es 520'000, nun sind es 3,6 Millionen. Kein europäischer Politiker ist grösser auf Facebook als Salvini. Auf Instagram folgen ihm 1,5 Millionen, auf Twitter 1,1 Millionen.

Morisi kennt alle Tricks, damit es immer mehr werden, auch die technischen. Schon als Kind war er ein Nerd. Mit 10 programmierte er seinen ersten Computer, einen Commodore 64. Später studierte er Philosophie, gründete eine kleine Internetfirma, die interne Netzwerke und Datenbanken für lombardische Krankenhäuser entwickelte, dozierte nebenbei an der Universität von Verona. Der Lega trat er mit 19 bei und wurde bald Provinzrat. Er war also schon politisch engagiert, lange bevor er Salvini kennen lernte.

Als im vergangenen Jahr Lega und Cinque Stelle ihren Koalitionsvertrag aushandelten, sass Morisi mit am Tisch. Und so fragt man sich in Italien, ob der «digitale Philosoph» vielleicht etwas mehr ist als nur ein Webexperte. Bestimmt er etwa die politische Linie des «Capitano» mit? «Kapitän» – so rufen die Fans Salvini. Der Spitzname war eine Idee Morisis. Er brachte Salvini auch bei, möglichst oft «io» zu sagen, ich. In einer Umfrage sagten sieben von zehn Wählern, sie würden Lega wählen, weil Salvini dort Chef sei. Seine ganze Kommunikation schreit: Ich bin hier der Chef.

Luca Morisi steuert Matteo Salvinis Kommunikation. Foto: Reuters

Morisi spielt seinen Einfluss gerne herunter. Dem Talkmaster Bruno Vespa erzählte er, Salvini sei ein Naturtalent, einer mit sicherem Instinkt für das, was die Leute hören wollten, er müsse die Botschaften nur portionieren, verpacken, versenden. Oftmals versieht Morisi die aggressivsten Posts mit einer rhetorischen Frage: «Denkt ihr nicht auch?» Oder: «Was haltet ihr denn davon?» So schiebt er die Interaktion an, den Schwall der Kommentare. Die meisten sind auf Linie, nur noch ungehaltener und unsäglicher.

Um prominente Kritiker aus der Zivilgesellschaft zu verunglimpfen und zu verhöhnen, verwendet Morisi alias Salvini meist dieselbe Masche: Er fordert sie auf, sich um ihren eigenen Kram zu kümmern. Etwa Mario Balotelli. Der italienische Fussballstar mit afrikanischen Wurzeln machte sich einmal für die Einführung des «Ius soli» stark, für das Bürgerrecht für Ausländer also, die in Italien geboren werden. Auf @matteosalvinimi, dem offiziellen Twitter-Profil, kam zurück: «Lieber Mario, das Ius soli ist weder meine Priorität noch jene der Italiener. Renn du mal dem Ball nach.»

Damit das Harsche süss klingt, hängt Morisi oft Emoticons an: Kussmünder etwa. Unlängst nahm Salvini ein Video auf, in dem er Roberto Saviano, dem Autor von «Gomorrha» und linken Intellektuellen, triumphierend mitteilte, dass sein Ministerium die Kriterien für die Leibwache bedrohter Politiker, Richter, Journalisten reformiere. Saviano steht seit vielen Jahren unter ständigem Polizeischutz, nachdem die neapolitanische Mafia mehrmals damit gedroht hat, ihn umzubringen. «Einen dicken Kuss an Roberto Saviano», so fing die Botschaft an. Der Europarat fand, das Video sei eine Einschüchterung.

Für einen Innenminister der Republik gehört es sich natürlich nicht, dass er seine Kritiker lächerlich macht, ihnen droht, sie dem Hass seiner Fans freigibt. Doch genau deshalb funktioniert die Kommunikation: weil sie mit dem Kanon des politisch Korrekten bricht, weil sie an den Eingeweiden rührt.

«Wir sind bewaffnet»

Morisi führt Regie. Auch die Idee mit den bedruckten Pullovern war seine Idee. Wenn Salvini in eine Stadt fährt für einen Wahlkampfauftritt, trägt er meistens Pullover mit dem Namen der Stadt drauf. Jeden Tag einen anderen, er ist eben überall. Seit er regiert, trägt Salvini gerne T-Shirts und Jacken der Polizei, der Feuerwehr, der Armee. Die Botschaft: Der Chef beschützt uns und sichert unsere Grenzen. Morisi war es auch, der ihm nahelegte, den Slogan «Prima gli italiani» auszugraben, «Die Italiener zuerst».

Und natürlich war es auch Morisi, der ihm sagte, ab sofort bei jeder Gelegenheit mit dem Rosenkranz zu wedeln und das unbefleckte Herz Marias zu bemühen. Die Sache mit der Frömmigkeit kam über Nacht. Im Bunker wurde man sich wohl gewahr, dass da noch eine ganze Wählerschaft brachliegt, die bedient werden möchte. Doch ob die den Post zu Ostern geschätzt hat?

Da schaltete Morisi auf seinem eigenen Twitter-Konto ein Foto, das ihn mit Salvini zeigt, der ein Maschinengewehr in den Händen hält. Dazu gab es diesen Kommentar: «Habt ihr gemerkt: Die Europawahlen kommen näher, und alle werfen mit Schlamm nach der Lega, um den Capitano zu stoppen. Doch wir sind bewaffnet und tragen einen Helm! Auf gehts! Schöne Ostern.» Die Entrüstung war gross, es gab sogar Rücktrittsforderungen. Besser gehts nicht.

Erstellt: 22.06.2019, 19:26 Uhr

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