«Die chinesische Zensur wird sich durchsetzen»

Fredrick Brennan, Erfinder von 8Chan, ein Onlineforum, in dem sich dieses Jahr vier Massenmörder radikalisierten, über die Zukunft des Internets und seine eigene Naivität.

«Trump bedient sich für seine Tweets regelmässig mit Material aus der 8Chan-Gemeinschaft. Wenn er das tut, wird das dort abgefeiert»: Fredrick Brennan, 25. Foto: Ted Aljibe/AFP/Getty Images

«Trump bedient sich für seine Tweets regelmässig mit Material aus der 8Chan-Gemeinschaft. Wenn er das tut, wird das dort abgefeiert»: Fredrick Brennan, 25. Foto: Ted Aljibe/AFP/Getty Images

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In den letzten acht Monaten haben vier Massaker auf drei Kontinenten die Welt erschüttert: Der Angriff auf eine Synagoge in Halle, die Attacke in Poway, Kalifornien, das Massaker in Christchurch, Neuseeland, und dasjenige in El Paso, Texas. Sie alle hatten eine erstaunliche Gemeinsamkeit: Die Attentäter – alles junge, rechtsradikale, weisse Männer – haben sich im gleichen Onlineforum namens 8Chan radikalisiert. Auf der Plattform erfassten die komplett anonymen Nutzerinnen und Nutzer zu Spitzenzeiten über 1,5 Millionen Beiträge pro Monat. Gegründet wurde das Forum vom 25-jährigen, an den Rollstuhl gefesselten Programmierer Fredrick Brennan aus Albany, New York.

Herr Brennan, Sie haben sich nach dem Massaker von El Paso in Texas in den sozialen Medien gefragt: «Werde ich jemals wieder ein normales Leben führen?» Fühlen Sie sich als Erfinder von 8Chan für die schrecklichen Massaker mitverantwortlich?
Ja, das ist so. Ich bereue zutiefst, dass ich 8Chan entwickelt habe.

Warum?
Weil es ein Ort im Internet ist, in dem Hass gefördert wird. Was ich besonders bereue, ist 8Chan dem aktuellen Besitzer geschenkt zu haben. Der Mann wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen, die Plattform endgültig abzuschalten.

Der Besitzer ist Jim Watkins, US-Militär-Veteran und Schweinefarmbesitzer, der sich als Kämpfer für die Meinungs- und Redefreiheit sieht. Weshalb haben Sie ihm Ihre Erfindung geschenkt?
Ich habe das Forum entwickelt und war lange Zeit das öffentliche Gesicht von 8Chan. Doch Jim Watkins kontrollierte die Server. Das tat er schon sehr früh, weil ich es mir als 20-Jähriger nicht leisten konnte, die Rechnerkosten von monatlich rund 10'000 US-Dollar zu tragen. Ich gebe zu, ich war damals sehr von ihm beeindruckt. Ich liess mich von ihm wohl auch beeinflussen. Er hat die erste anonyme Internetgemeinschaft namens 2-Channel erfunden. Jede anonyme Onlinegemeinschaft, die danach kam, und sich der Meinungs- und Redefreiheit verpflichtet sah, baute auf seinen Ideen auf.

Und irgendwann hat Ihr Geschäftspartner die ganze Kontrolle über die Gemeinschaft übernommen?
Es war damals ein kompliziertes Hin und Her, wer der Chef sei. Weil Jim die Server-Rechnungen bezahlte, sass er am längeren Hebel. Am Ende habe ich ihm den Dienst gegeben. Ich möchte betonen, dass ich für 8Chan keinen Cent bekommen habe.

Warum haben Sie 8Chan entwickelt?
Da müssen wir weit zurückgehen. Ich verbringe seit meiner Teenagerzeit viele Stunden in Onlineforen. Auch aufgrund meiner Invalidität. Ich interessierte mich schon immer für Online-Polit- foren und habe dort viele Beiträge veröffentlicht. Aber eines Tages, als ich mich in meine beiden Lieblingsforen einwählte, hatten die Administratoren ganze Themenbereiche einfach gelöscht. Von einem Tag auf den anderen waren alle meine Beiträge weg. Die Administratoren führten sich auf wie Diktatoren. Ich beschloss, selber ein Forum zu entwickeln, in dem nicht mehr Administratoren das Sagen haben, sondern die Nutzer. Daraus ist dann 8Chan geworden.

Das ist also das Besondere an 8Chan: dass die Nutzer über die Themengebiete die totale Kontrolle haben?
Es gibt im Internet kein vergleichbares Onlineforum.

Google hat 8Chan sehr früh auf die schwarze Liste gesetzt – mit dem Effekt, dass 8Chan in der Google-Suche nicht auftauchte. War das für Sie kein Signal, dass hier etwas fundamental falsch läuft?
Es ging damals um Kinderpornografie. Ja, das war eine schwierige Zeit.

Sie argumentierten, dass Kinderpornografie eben der Preis der wahren Meinungs- und Redefreiheit sei. Glauben Sie das noch immer?
Damals befand ich mich in einer sehr seltsamen Situation. Ich war in meiner Firma umgeben von Leuten, die mit allem einverstanden waren, was ich sagte. Doch innerlich hat es mich schwer belastet, als uns Google auf die schwarze Liste genommen hat. Nur gegen aussen liess ich mir nichts anmerken. Ich las mich zu jener Zeit ein in die ganze Rechtsliteratur zur Meinungs- und Redefreiheit. Aber eigentlich war ich überfordert. Ich, ein 20-jähriger Programmierer, musste Antworten auf sehr grosse Fragen finden. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr tun muss. Ich werde niemals mehr eine Gemeinschaft wie 8Chan betreiben.

Hat sich der Ton in den Onlinegemeinschaften generell verschärft?
In den Jahren 2013 bis 2015 herrschte die Meinung, dass alles, was auf Plattformen wie 8Chan veröffentlicht wurde, nur ein grosser Scherz sei. Das Schlimmste, was damals im realen Leben passierte, war vielleicht, dass jemand unverhofft eine ungewollte Hauslieferung Pizza erhielt. Haha! Aber mit der Zeit begann ich zu verstehen, dass viele Teilnehmer in diesen Foren eben keine Witze machten und ihren Rassismus, ihren Sexismus oder die Gewaltandrohungen ernst meinten.

«Als der Nutzer ein Hakenkreuz ins Profilbild lud, wusste ich, dass hier wirklich ­etwas falsch läuft.»

Wie merkten Sie das?
Bei 8Chan kann jeder Nutzer einen eigenen Themenbereich starten. In der Fachsprache heissen diese Bereiche «Boards». Als ich 8Chan gründete, reservierte ich keine Board-Namen. Das ermöglichte es neuen Mitgliedern, die populären Namen zu reservieren. Der Gründer des Boards zum Thema Politik hiess zum Beispiel Heil. Er war ein bekennender Neonazi. Als der Nutzer ein Hakenkreuz ins Profilbild des Boards lud, wusste ich, dass hier wirklich etwas falsch läuft.

Es wird viel darüber geredet, dass Donald Trump in den sozialen Medien absichtlich Öl ins Feuer giesst. Überträgt sich das in Onlinegemeinschaften wie 8Chan?
Natürlich. Trump bedient sich für seine Tweets regelmässig mit Material aus der 8Chan-Gemeinschaft. Wenn er das tut, wird das dort abgefeiert.

Haben Sie ein Beispiel?
Das Bild von Hillary Clinton, das ihr Porträt in einem Meer von Dollarnoten abbildet, etwa. Es ist mit der Textzeile versehen: «Korrupteste Kandidatin aller Zeiten». Der Text ist mit einem jüdischen Davidstern eingerahmt. Die Montage stammte nachweislich direkt aus der rechtsradikalen 8Chan-Gemeinschaft. Trump hat sie via seinem Twitter-Konto weiterverbreitet. Oder die Verschwörungstheorie, dass Bill Clinton den Multimilliardär Jeffrey Epstein ermorden liess. Auch das kursierte zuerst nur auf 8Chan, bis Trump es mit einem Tweet in die breite Öffentlichkeit zerrte. Das sind nur zwei Beispiele. Es gibt viele mehr.

Ist das Problem zu lösen, indem anonyme Sites wie 8Chan gesperrt werden?
Es gibt durchaus Möglichkeiten, solche Sites vom Netz zu nehmen.

«Wenn sie ihre Manifeste ins Darknet gestellt hätten, hätten sie viel weniger Beachtung erhalten.»

Welche?
8Chan zum Beispiel ist seit Wochen nicht mehr online. Die Betreiber finden derzeit keine Sicherheitsfirma, die den Dienst gegen Denial-of-Service-Attacken schützt. Solche Attacken funktionieren folgendermassen: Die Server einer bestimmten Website werden so lange mit Seitenaufrufen bombardiert, bis sie unter der Last der Aufrufe einbrechen. Sich gegen solche Angriffe zu wehren, ist nur mithilfe von grossen Sicherheitsnetzwerken möglich. Wenn sich also alle Anbieter solidarisch verhalten, wie das aktuell geschieht, ist es möglich, eine Site wie 8Chan in die Knie zu zwingen. 8Chan wird derzeit von Web-Aktivisten mit genau solchen Aufrufen bombardiert, und das Forum kann sich dagegen nicht schützen.

Die Macher haben allerdings angekündigt, dass das Forum bald unter neuem Namen wiederkehren wird.
Das ist natürlich eine Möglichkeit. Aber wenn sich die Sicherheitsfirmen wie eben beschrieben weiterhin solidarisch verhalten, dann wird auch die neue Site nur kurze Zeit online zu finden sein.

Wandern die Mitglieder der Onlinegemeinschaften nicht weiter – etwa ins Darknet: dem Teil des Internets, der vollkommen verschlüsselt ist?
Das ist eine Möglichkeit. Aber die grosse Masse der Internetnutzer ist technisch zu wenig versiert, um mit der komplizierten Verschlüsselungstechnologie des Darknets umgehen zu können. Den Nutzern von Onlinegemeinschaften geht es ja auch um Reichweite. Sie wollen gesehen und wahrgenommen werden. Wenn Attentäter wie im Fall von Christchurch oder El Paso ihre Manifeste ins Darknet gestellt hätten, hätten sie viel weniger Beachtung erhalten. Das ist nicht das Ziel dieser Leute.

Sie leben auf den Philippinen. Warum haben Sie die USA verlassen?
Als ich 8Chan verschenkte, bat mich der neue Besitzer, Jim Watkins, darum, dorthin zu ziehen. Ich sollte von den Philippinen aus 8Chan weiteraufbauen. Das tat ich für eine Weile, bis ich begriff, dass es Watkins gar nicht um die Meinungs- und Redefreiheit ging. Für ihn ist 8Chan nur ein Statussymbol. Er geniesst es, eine Online- gemeinschaft zu besitzen, die man weltweit kennt.

Bereut es, das Onlineforum 8chan entwickelt zu haben: Fredrick Brennan. Foto: Ted Aljibe/AFP/Getty Images

Sie wollen heute mit Ihrer Erfindung nichts mehr zu tun haben. Warum kehren Sie nicht in die USA zurück?
Ich habe kürzlich geheiratet und ein kleines Haus gekauft. Die Philippinen sind meine neue Heimat. Ich spreche sogar Philippinisch. Es ist natürlich auch so, dass hier auf den Philippinen die Medikamente, die ich im Alltag unbedingt brauche, viel günstiger sind als in den USA. Hier auf den Philippinen kann ich mir auch eine Teilzeitpflegerin leisten. Auch das wäre in den USA für mich finanziell nur schwer zu tragen. Aber ich möchte hier nicht mehr Informationen über mein Familienleben preisgeben.

China ist von den Philippinen nicht weit weg. Dort wird das Internet gerade in eine alles umfassende Überwachungs-technologie umfunktioniert. Zensur ist an der Tagesordnung. Ist das auch schon auf den Philippinen zu spüren?
Nein. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Nicht nur auf den Philippinen, sondern überall auf der Welt. Wenn die Menschen in einigen Jahrzehnten zurückblicken, wie sich das Internet entwickelt hat, wird China als prägende Macht gesehen werden. Das macht vielen Angst.

Wie meinen Sie das?
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass sich die Version des chinesischen Internets durchsetzen wird. Schauen wir, was in Neuseeland passiert ist nach dem schrecklichen Massaker von Christchurch: Das kleine Land hat hundertfach ausländische Websites und Dienste geblockt, die sich nicht an ihre nationalen Gesetze gehalten haben und sehr detaillierte Bilder der Opfer zeigten. Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass das Land so reagiert hat. Auch 8Chan wurde geblockt. Plötzlich wurde das globale Internet fragmentiert. Und diese Fragmentierung wird weitergehen.

Auch in Europa und in der Schweiz?
Wie lange noch werden europäische Länder die grossen Technologiekonzerne tolerieren, die die jeweilige Gesetzgebung missachten? Die aus dem Ausland ohne Konsequenzen Nutzerdaten von Europäern auswerten und dabei viel Geld machen oder mit Politwerbung Wahlen massiv beeinflussen können? Ich glaube, das wird nicht mehr lange der Fall sein. Das chinesische Modell, das ausländische soziale Medien aussperrt und die eigenen sozialen Netzwerke baut – in China gibt es WeChat statt Facebook oder Weibo statt Twitter –, wird sich durchsetzen. Peking arbeitet bereits daran, sein Modell zu exportieren.

In welche Länder?
Singapur und Thailand sind dabei, die Technologie von China zu kaufen. Die beiden Länder werden wohl sehr bald damit beginnen, gezielt Inhalte auf sozialen Medien auszusperren. Wer weiss, vielleicht werden sie die eigenen Netzwerke etablieren. Und es werden sicher noch andere Länder folgen.

Aber es regt sich doch Protest gegen die Zensur und die Überwachung der Chinesen – in Hongkong zum Beispiel.
Überwachung und Zensur sind zwei gänzlich unterschiedliche Sachen.

Sie sind aber verwandt.
Das ist wahr. Und die Chinesen machen beides. Der Teil des chinesischen Modells, den ich hier meine, ist derjenige der Zensur. Ich bin überzeugt: Viele Nationen werden wie China viele Internetinhalte zu zensurieren beginnen.

Sie distanzieren sich heute vollständig von 8Chan und fordern lautstark die Schliessung der Plattform. Was machen Sie eigentlich sonst?
Ich werde immer wieder gefragt, ob ich eine neue Onlinegemeinschaft aufbaue. Das werde ich nicht. 8Chan hat mir viele Stunden meines Lebens geraubt. Heute entwickle ich eine Software, mit der man neue Schriften kreieren kann. Ich habe von einer sehr grosszügigen Person, die namentlich nicht genannt werden will, viel Geld für die Entwicklung bekommen. Das Resultat meiner Arbeit wird bald frei verfügbar im Internet stehen.

Das ist sehr weit weg vom Aufbau eines Internetforums, das von Rechtsradikalen und Massenmördern genutzt wird.
Nicht wahr? Was ist das Schlimmste, das man mit einem digitalen Schriftengestalter machen kann? Nicht viel, glaube ich. Das Gute daran ist, dass ich von zu Hause aus arbeiten kann. Mit meiner Invalidität ist das ein Segen. Viele würden gern in der Vergangenheit leben. Ich nicht. Ich bin sehr froh, im Internetzeitalter geboren worden zu sein. Trotz 8Chan.

Das vollständige Gespräch mit Frederick Brennan im Originalton.



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Erstellt: 02.11.2019, 20:55 Uhr

120 Knochenbrüche

Fredrick Brennan, 25, ist Programmierer, verheiratet und lebt mit seiner Partnerin auf den Philippinen. Brennan leidet an der Spröden Knochenkrankheit und sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl. Er schätzt, dass er bisher 120 Knochenbrüche erlebt hat. Brennan brachte sich das Programmieren selber bei und schrieb bereits mit 13 Jahren sein erstes Computerprogramm. Er bestand darauf, dass das auf Englisch geführte Gespräch in ganzer Länge auf der Website dieser Zeitung als Audiofile (bit.ly/FredBrennan) publiziert wird. (bsk)

Das Gespräch in ganzer Länge

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