Die Kampfzone wird ausgeweitet, das Klima verliert an Bedeutung

Die Klimabewegung will mit den Gewerkschaften zusammenspannen – ein fataler Fehler.

Die Klimajugend kämpft jetzt nicht mehr nur für den Klimaschutz, sondern auch gegen die Ausbeutung des Menschen. Foto: Keystone

Die Klimajugend kämpft jetzt nicht mehr nur für den Klimaschutz, sondern auch gegen die Ausbeutung des Menschen. Foto: Keystone

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An den Klimademos gelten klare Vorgaben: Es sind keine Parteifahnen erlaubt und auch keine Flyer, selbst T-Shirts in der Farbe einer einschlägigen Partei gelten als unangemessen. So kam es auch denkbar schlecht an, als die Jungen Grünen begannen, an Klimastreiks mit Flyern um Neumitglieder zu werben. Die Aktivistinnen und Aktivisten hatten bei jeder Gelegenheit klargemacht: Sie wollen sich von keiner Partei und von keiner Organisation vereinnahmen lassen. Auch nicht von solchen, die ihnen inhaltlich nahestehen.

Nun aber sind die Aktivisten selber an den Schweizerischen Gewerkschaftsbund gelangt. Sie wollen im nächsten Mai einen nationalen Streiktag durchführen, einen grossen Streik wie jenen der Frauen im vergangenen Juni. Oder auch noch grösser. Dafür brauchen sie die Hilfe der Gewerkschaften, denn nur durch sie erreichen die Schüler und Studenten auch die Erwerbstätigen und damit einen grossen Teil der Bevölkerung.

Nun ist die Umwelt nicht das Anliegen der Gewerkschaften, manche Klimamassnahmen laufen gar deren Zielen zuwider. Etwa, wenn Häuser möglichst energiesparend erstellt werden und die höheren Baukosten das kleine Budget belasten. So werden die Gewerkschaften erst «sorgfältig darüber diskutieren», wie es beim Gewerkschaftsbund heisst, ob sie sich auf das Angebot einlassen wollen.

Nun auch gegen die Ausbeutung des Menschen

Damit es inhaltlich noch stimmt, haben die jungen Aktivistinnen und Aktivisten ihr Programm angepasst: An ihrem grossen Tag wollen sie sich nicht mehr nur gegen die Ausbeutung der Erde, sondern auch gegen jene des Menschen wehren.

Die Klimakrise, so erklärten die Jugendlichen diese Woche vor den Medien, sei untrennbar mit sozialen Fragen verknüpft. Und sie stellten diese Fragen so, dass klar wurde: Die Reichen verursachen zur Hauptsache die Klimakrise, und die Leute mit wenig Geld bezahlen dafür.

Wenn die Klimajugend ihr Ansinnen mit dem Klassenkampf koppelt, schreckt sie viele ab.

Auf diese Weise versuchen die Aktivisten, ihre Anfrage an die Gewerkschaften als ein folgerichtiges, ja natürliches Zusammengehen darzustellen. Was das für den «Strike for Future» im nächsten Mai bedeutet, zeichnete sich bereits an ihrer Medienkonferenz ab. Da fielen Schlagwörter wie Soli­darität, Gleichstellung, Lohnabbau, eine frühe Rente, Arbeitskampf, Kurdistan und Femizid. Die Kampf­zone wird ausgeweitet – und das eigentliche Thema, das Klima, verliert an Bedeutung.

Weshalb tun das die Jugendlichen? Weshalb ändern sie nach ihren grossen Erfolgen auf der Strasse und an den kantonalen Wahlurnen ihre Strategie? Weshalb gehen sie dieses Risiko ein? Weil es so manchen unter ihnen zu langsam geht. Die Zeit renne ihnen davon, sagen sie. Und bald sei das Klima nicht mehr zu retten.

Die eigenen Vorgaben werden missachtet

Damit begehen die jungen Aktivisten einen fatalen Fehler. Wenn sie mit den Gewerkschaften zusammenspannen, dann gehen im Mai vielleicht einige Zehntausend Personen mehr auf die Strasse, aber gewonnen hat die Klimabewegung damit nichts. Der Druck, den sie auf die Politik aufbauen will, wird deshalb kaum grösser. Und schneller geht es auch nicht.

Hingegen verlieren sie mit ihrem Vorgehen viel. Das Klima ist das einzige Thema, das jeden Menschen unabhängig von seiner politischen Gesinnung betrifft und das jeder mit seinem alltäglichen Verhalten beeinflusst. Viele beginnen das – gerade wegen der Klimastreiks – langsam zu begreifen; sie gehen das erste Mal überhaupt in ihrem Leben an eine Demo, sie reisen auch ohne gesetzliches Gebot mit dem Zug statt mit dem Flugzeug in die Ferien und wären auch bereit, sich über die Demo hinaus zu engagieren.

Wenn die Aktivisten nun aber die Klimaproblematik mit dem Klassenkampf koppeln, dann wird dies viele Wohlgesinnte abschrecken. Sie verlieren nicht nur viel Goodwill, sondern, schlimmer noch, ihre Kraft. So kann man den Aktivisten nur eines raten: dass sie sich selber an die Vorgaben halten, die sie aufgestellt haben.

Erstellt: 17.10.2019, 18:35 Uhr

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