Die Nette und der Hitzkopf – zwei Trümpfe für Australien

Ashleigh Barty und Nick Kyrgios tragen die Hoffnungen eines ganzen Kontinents. Die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein.

Aufbrausend und undiszipliniert: Nick Kyrgios (24).

Aufbrausend und undiszipliniert: Nick Kyrgios (24). Bild: Foto: Getty Images

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Mark Edmondson war ein schnauzbärtiger Bierfuhrmann, der auch ziemlich gut Tennis spielte, vor allem am Netz. Dennoch verblüffte er alle, als er 1976 im Final des Australian Open, damals noch auf dem Rasen des Kooyong-Stadions, den grossen John Newcombe schlug. Dadurch wurde er als Nummer 212 der bisher am schlechtesten klassierte Sieger eines Grand-Slam-Turniers. Und trotz Grössen wie Pat Cash, Patrick Rafter oder Lleyton Hewitt ist er bis heute der letzte Australier, der in Melbourne triumphieren konnte.

Bei den Frauen wartet die tennisverrückte Nation auch nur zwei Jahre weniger lang auf den nächsten Heimsieg (1978 gewann eine gewisse Chris O’Neil). Die Chancen, dass Australiens Warten endlich zu Ende geht, stehen bei den Frauen aber ziemlich gut. Denn mit Ashleigh Barty stellt das Land momentan die Weltranglistenerste – erst zum zweiten Mal nach der grossen Evonne Goolagong, der Siegerin von 1977. Die konnte sich aber nur zwei Wochen an der WTA-Spitze halten.

Die Australier erwarten viel von Ashleigh Barty. (Bild: Lukas Coch/EPA/Keystone)

Barty gilt hinter Serena Williams bei den Buchmachern zwar nur als zweite Favoritin. Die 23-Jährige steigerte die Erwartungen aber noch, indem sie am Samstag das Turnier von Adelaide gewann und zur ersten einheimischen Siegerin eines WTA-Turniers in Australien seit neun Jahren wurde. Bereits steht fest, dass sie auch nach dem Open die Nummer 1 bleiben wird. Ihre Titeljagd beginnt heute in der ersten Nightsession (ab 9 Uhr MEZ).

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Bei ihr geht es fast nur noch nach oben: Ashleigh Barty nach dem Triumph an den WTA Finals im November. Quelle: Instagram.

Der beste Australier fehlt

Im Männerturnier ereilte die Gastgeber dafür schon vor dem ersten Ballwechsel eine schlechte Nachricht. Alex de Minaur, Roger Federers Finalgegner an den letztjährigen Swiss Indoors und der bestklassierte Australier, musste sich zurückziehen. Der 20-Jährige (ATP 21) hatte sich am ATP-Cup, wo er mit Siegen über Zverev und Shapovalov glänzte, an den Bauchmuskeln verletzt.

So ruhen die grössten Hoffnungen einmal mehr auf Nick Kyrgios, der so ziemlich das Gegenteil der netten und allseits beliebten Barty ist. Der Bad Boy des Tennis befindet sich nach diversen Regelverstössen gerade inmitten einer sechsmonatigen Bewährungsfrist, die bis Ende März dauert. Bei weiteren gröberen Undiszipliniertheiten würde er 16 Wochen gesperrt und mit weiteren 25'000 Dollar gebüsst (113'000 Dollar musste er schon abgeben). In Cincinnati hatte er sich unter anderem mit Schiedsrichter Carlos Murphy angelegt, ihn bespuckt und als «Kartoffel» beleidigt. Die ATP sei korrupt, hielt er später noch fest.

In den letzten Monaten scheint der 24-Jährige nun aber eine 180-Grad-Wende vollzogen zu haben. Am Laver-Cup in Genf, am Davis-Cup-Final in Madrid und nun auch am ATP-Cup zeigte er, wie wertvoll, loyal und einsatzfreudig er als Mannschaftsspieler ist. Auch disziplinarisch liess er sich nichts zuschulden kommen. Angesichts der Buschbrände, die auch seine Heimatstadt Canberra arg getroffen haben, zeigte er zudem eine wenig bekannte, sensible Seite. Er vergoss sogar einige Tränen, als er darüber sprach, und ist eine treibende Kraft bei den Sammelaktionen der Tenniswelt.

«Mentale Schlachten»

«Die vergangenen Wochen waren ziemlich emotionell. Nun freue ich mich, wieder am Australian Open zu sein, wie immer seit ungefähr meinem zwölften Geburtstag», sagte er am Wochenende. «Hier fühle ich mich wohl und wie zu Hause.» Ideal sei für ihn auch die Vorbereitung gewesen, mit dem ATP-Cup vor eigenem Publikum. Angesichts der Umweltkatastrophe sei es allerdings nicht einfach, sich auf das Tennis zu konzentrieren. «Was ist schon eine Vorhand, wenn du siehst, was sonst alles geschieht.»

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Mit solchen Posts macht Kyrgios auf die verheerenden Buschbrände in seiner Heimat aufmerksam. Quelle: Instagram.

Die vergangenen Monate haben Kyrgios verändert, er scheint geläutert. «2019 war ein hartes Jahr für mich. Ich hatte viele Höhen und Tiefen und musste mental einige Schlachten bewältigen», sagt er im Rückblick. «Doch nun fühle ich mich gut und versuche, möglichst viele positive Schwingungen zu verbreiten. Mehr will ich gar nicht.»

Dass der sechsfache Turniersieger eines der grössten Talente seit langem ist, wissen inzwischen alle. «Er ist einer der Spieler, die jedes Turnier gewinnen können, an dem sie teilnehmen», sagt auch Rafael Nadal. Die Frage ist nur, ob er die nötige Konstanz mitbringt für ein Grand-Slam-Turnier, und wie lange seine gute Phase anhält.

Denn Nick Kyrgios hat schon oft gezeigt, dass er wie ein Pulverfass mit kurzer Lunte ist und sein Temperament jederzeit mit ihm durchgehen kann.

Erstellt: 19.01.2020, 19:13 Uhr

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