Die reiche Schweiz: Eine notorische Schmarotzerin

Unser Gesundheitswesen stützt sich zunehmend auf ausländische Ärzte. Das ist unethisch. Die Schweiz muss deutlich mehr ausbilden.

Ein Land profitiert von Fachkräften aus dem Ausland: Schutzbekleidung in einer Schweizer Privatklinik. Foto: Simon Tanner

Ein Land profitiert von Fachkräften aus dem Ausland: Schutzbekleidung in einer Schweizer Privatklinik. Foto: Simon Tanner

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In Zürcher Arztpraxen hat sich der Anteil ausländischer Fachärztinnen und Fachärzte seit 2010 verdreifacht. Spitäler könnten ohne ausländische Ärzte ihren Betrieb nicht aufrechterhalten. Das Schweizer Gesundheitswesen ist auf die Zuwanderung aus dem Ausland angewiesen. Und dies je länger, desto mehr, wie Zahlen des Bundes zeigen. 2018 haben rund 1000 Personen ihr Medizinstudium an einer Schweizer Uni abgeschlossen. Gleichzeitig hat der Bund 3300 ausländische Diplome in Humanmedizin anerkannt. Das heisst: Mehr als drei Viertel aller neuen Ärztinnen und Ärzte kommen aus dem Ausland; vor zehn Jahren waren es rund zwei Drittel.

Das ist an sich kein Problem. Im Gegenteil: Dank der bilateralen Verträge kann die Schweiz ihren Bedarf an Medizinern einfach aus anderen europäischen Ländern decken. Und auch wenn man ab und zu Klagen von Schweizer Ärzten hört, die Ausbildung der ausländischen Kollegen sei weniger gut, funktioniert das System im Grossen und Ganzen gut. Die Schweiz profitiert. Doch sie tut dies auf Kosten anderer Länder, die Mediziner teuer ausbilden und dann nichts von ihnen haben. Am meisten Ärzte zieht die Schweiz aus Deutschland ab, gefolgt von Frankreich, Italien, Österreich, Griechenland, Belgien und Rumänien.

Der Braindrain aus ärmeren Ländern ist aus ethischer Sicht unhaltbar. Die reiche Schweiz ist eine notorische Schmarotzerin. Sie bildet viel zu wenig Ärztinnen und Ärzte aus. Das ist seit Jahren bekannt. Es gibt zwar Ansätze zu Verbesserungen, doch die genügen bei weitem nicht. Die Uni Zürich hat die jährliche Aufnahmekapazität von 240 auf 300 erhöht, und bis 2021 entstehen landesweit rund 450 zusätzliche Studienplätze. Der Bund hat dafür eine Anschubfinanzierung von 100 Millionen Franken bewilligt. Die langfristige Finanzierung ist allerdings nicht gesichert. Denn die ist Sache der Kantone, welche die Hochschulen betreiben. So bleibt das Ganze ein Flickwerk. Es fehlt der politische Wille, die Zahl der Studienplätze deutlich zu erhöhen und dafür richtig viel Geld zu investieren.

Dazu kommt das Unvermögen, die jungen Ärztinnen und Ärzte in jene Fachbereiche und Regionen zu lenken, wo sie am meisten gebraucht werden. Im Kanton Zürich hat sich zum Beispiel die Zahl der selbstständigen Hautärzte seit 2010 verdoppelt – nicht zuletzt weil sie einen Teil ihres Einkommens mit Schönheitsbehandlungen erzielen können, wofür Zürich ein gutes Pflaster ist. Ländliche Gebieten sind hingegen unterversorgt.

Kritisch ist die Lage bei den Hausärztinnen und Hausärzten. Die Zürcher Ärztegesellschaft warnte schon früh und wiederholt vor einem Engpass, wenn die Generation der Babyboomer ins Pensionsalter kommt. Das ist jetzt der Fall. Weil die jungen Berufsleute heute meist Teilzeit arbeiten, braucht es als Ersatz für einen alten Arzt oft zwei junge. Diesen Bedarf einigermassen zu decken, war bisher nur dank Zuwanderung möglich.

Es ist gut, wenn der Kanton Zürich seine Bewilligungspraxis überprüft. Sinnvoll ist eine ungehinderte Zulassung in jenen Fachgebieten, die einen ausgewiesenen Bedarf an zusätzlichen Ärztinnen haben, und in Regionen mit Unterversorgung. Wo aber ein Überangebot besteht, sollten neue Arzt­bewilligungen limitiert werden.

Unabhängig davon, bleibt am wichtigsten, kräftig in die Ausbildung zu investieren. Interessierte fürs Medizinstudium gibt es mehr als genug.

Erstellt: 06.11.2019, 22:41 Uhr

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