Schwarzenbachs Kunstschätze werden zwangsversteigert

Der Besitzer des Hotels Dolder weigert sich seit Jahren, der Zollverwaltung eine Steuerschuld von 11 Millionen Franken zu bezahlen. Nun lässt die Behörde 114 Kunstwerke verkaufen.

Die Zollverwaltung lässt bei der Razzia im Hotel Dolder Bilder abhängen. Foto: Reto Oeschger

Die Zollverwaltung lässt bei der Razzia im Hotel Dolder Bilder abhängen. Foto: Reto Oeschger

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Der Tag, an dem der Schweizer Staat beginnt, Kunstschätze von Urs Schwarzenbach zu versteigern, ist gesetzt. Es ist der 5. Dezember 2019.

Die Galerie Koller in Zürich wird an diesem Tag in einer ­Auktion im Auftrag der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) 114 Kunstgegenstände des Hotel-Dolder-Besitzers zwangsversteigern. Das Angebot ist breit. Unter den Hammer kommen zum Beispiel 200'000-Franken-Nipp­sachen von Peter Carl Fabergé, dem russischen Künstler, der für seine Fabergé-Eier bekannt ist. Oder auch Bilder von weltberühmten Künstlern wie Robert Indiana oder Andy Warhol.

Karikatur vergrössern

Damit eskaliert der Konflikt zwischen dem ehemaligen Devisenhändler und heutigen Kunstsammler und der EZV. Sie führt seit 2013 mehrere Verfahren gegen den 71-Jährigen, weil sie ihm vorwirft, er habe Kunst­werke im Wert von über 100 Millionen Franken in die Schweiz gebracht, ohne dafür Einfuhrsteuern zu bezahlen. Die meisten Verfahren sind noch vor verschiedenen Gerichten hängig. Doch eine Forderung von über 11 Millionen Franken ist bereits rechtskräftig.


Stilleben von Tamara de Lempicka, Auktionspreis 35’500 Fr.


Dabei geht es um die Einfuhrsteuer für Kunstschätze, die Schwarzenbach zwischen 2009 und 2013 zum Teil in seinem Privatjet in die Schweiz gebracht hat, ohne sie beim Zoll zu deklarieren. Am 12. September 2012 wurde er dabei beim Privatflughafen Zürich ertappt. Als ihn die Zollfahnder einvernahmen, meinte er, er hätte keine Zeit gehabt für aufwendige Zollformalitäten. Darauf startete die Zollbehörde umfassende Ermittlungen gegen den Multimillionär.

Bei mehreren Razzien Bilder beschlagnahmt

Zwar ist die Schuld von 11 Millionen Franken rechtskräftig, Urs Schwarzenbach kann sich ju­ristisch somit nicht mehr dagegen wehren. Trotzdem lässt er seit Jahren Zahlungsfristen verstreichen.


Kompass von Fabergé, Preis 49’000 Fr.


Deshalb begann die EZV, bei verschiedenen Razzien Kunstwerke des Sammlers entweder mit einem Arrest zu belegen, sodass sie Schwarzenbach nicht mehr verschieben durfte. Oder sie zu beschlagnahmen. Die letzte Aktion fand im März 2017 statt, als die Behörde im Hotel Dolder Grand auf dem Zürichberg Bilder und Kunstobjekte im Wert von insgesamt über 50 Millionen Franken konfiszierte.

Doch auch das brachte Urs Schwarzenbach nicht dazu, den Zahlungsbefehlen der Zollverwaltung nachzukommen. Bis heute stellt er sich auf den Standpunkt, dass er das Geld nicht schulde. Zudem liess er verlauten, die Kunstwerke gehörten gar nicht ihm, er verwalte sie nur. Wer denn der ominöse Besitzer sei, wollte er bisher aber nicht preisgeben.


Robert Indiana, «Chief», Preis 79’500 Fr.


Jetzt ist der Zollbehörde offenbar der Geduldsfaden gerissen. Mit der Auktion beginnt sie nun in einem ersten Schritt, einen Teil der beschlagnahmten Kunstschätze zu Geld zu machen. Die 114 Kunstwerke, die am 5. Dezember versteigert werden, bietet das Auktionshaus zu einem Mindestpreis von insgesamt 2,8 Millionen Franken an. Der Erlös aus der Zwangsversteigerung dürfte deutlich höher ausfallen, denn es ist davon auszugehen, dass die wertvollen Kunstschätze eine grosse Anzahl von potenziellen Käufern anziehen werden, welche die Preise hochtreiben dürften. Sollte die Auktion nicht genug einbringen, hat die Zollverwaltung noch viele weitere Werke von Schwarzenbach, die sie zu Geld machen kann. Oder auch ein arretiertes Aktienpaket, das dem Multimillionär gehört.

Ein Kompass für 200'000 Franken

Unter den Kunstwerken figurieren 17 Bilder, darunter das Werk «Chief» des amerikanischen Künstlers Robert Indiana zum Anfangspreis von 79500 Franken. Zudem gibt es 97 Nippsachen, Schmuckstücke und andere kleinere Objekte. Zum Beispiel 27 wertvoll verzierte Gehstöcke, jeder im Wert von mehreren Tausend Franken; ein Kompass aus Nephrit, Saphir und Gold zum Preis von 200'500 Franken; ein Renaissance-Schmuckstück aus Gold mit einem grossen grünen Smaragd für 80'000 Franken oder eine Golddose aus dem ­Besitz von König Ludwig I. von Bayern aus dem Jahr 1825. Mindestpreis bei der Versteigerung: 21'000 Franken.


Chalcedon Sau von Fabergé, Preis 27'000 Fr.


Die Galerie Koller verdient an der Versteigerung pro Werk zwischen 15 bis 25 Prozent Kommission. Der Rest geht zur Tilgung von Schwarzenbachs Schulden in die Staatskasse. Die Eidgenössische Zollverwaltung weist in einer Erklärung zur Auktion ausdrücklich darauf hin, dass der Anlass auch kurzfristig abgesagt werden könnte. Kunstsammler Schwarzenbach hat somit noch bis 5. Dezember Zeit, die offene Rechnung bei der Zollverwaltung zu begleichen.

Der Patron des Hotels Dolder lässt auf Anfrage ausrichten, er sei keineswegs einverstanden damit, dass die Zollverwaltung nun seine Kunstschätze versteigern lasse. Zurzeit würden seine Anwälte rechtliche Schritte prüfen, um die Zwangsversteigerung noch zu verhindern. Bisher sei aber noch keine Beschwerde eingereicht worden. Die EZV in Bern will sich nicht äussern.

Erstellt: 08.11.2019, 21:29 Uhr

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