Ein Wassertrinker besingt den Schnaps

Stephen Parkers Biografie von Bertolt Brecht erlaubt neue Blicke auf den schwierigen Klassiker. Das Buch stellt einen kränkelnden Mann vor, der in seiner Kunst die Kraftmeier-Attitüde pflegte.

Mit Lederjacke und Zigarre: Bert Brecht 1927 in Augsburg. Foto: Konrad Ressler (bpk, Münchner Stadtmuseum)

Mit Lederjacke und Zigarre: Bert Brecht 1927 in Augsburg. Foto: Konrad Ressler (bpk, Münchner Stadtmuseum)

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Wenn der Suhrkamp-Verlag damit wirbt, Stephen Parker lege mit seiner neuen Brecht-Biografie auf gut 1000 Seiten «die endgültige Darstellung von Bertolt Brechts Leben und Werk» vor, kann man kurz misstrauisch werden. Gibt es über den Dichter (1898–1956), der sich in seinem Werk um grösstmögliche Klarheit bemühte und in seinen sexuellen wie politischen Wegen und Abwegen hinreichend skandalisiert wurde, wirklich noch Unbekanntes zu sagen?

Schon die letzten drei voluminösen Brecht-Biografien, die ressentimentvergiftete von John Fuegi, bei dem der Schriftsteller zum misogynen Giftzwerg und menschenverachtenden Ideologen schrumpft (1086 Seiten), die vor allen Dingen in den Werkanalysen ordentliche von Jan Knopf (560 Seiten) und die deutlich von den Sichtblenden der DDR-Germanistik geprägte von Werner Mittenzwei (1400 Seiten) liessen es nicht an Detailfreude und -genauigkeit fehlen.

Auch das Bedürfnis nach lebensnahen Einblicken und menschelnder Annäherung, nach popkulturellem Starkult und wohligem Schauder wird andernorts grosszügig bedient. Zuletzt konnte man dem Dichter im Kino in einem prominent besetzten Musical-Film («Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm») und in Heinrich Breloers neuer Doku-Fiktion begegnen.

Britisch nüchtern,zeitlich distanziert

Wer es genauer wissen will, ist bei Stephen Parker an der richtigen Adresse. Nicht nur, weil neben seinem glänzend geschriebenen Buch die Werke seiner Konkurrenten ein wenig steif wirken, dürfte es für lange Zeit die gültige Biografie des schwierigen Klassikers bleiben. Parker, Germanistik-Professor an der Universität von Cardiff, hat den Vorteil der britischen Nüchternheit und des räumlichen wie zeitlichen Abstands zu den ideologisch aufgerüsteten Scharmützeln der Brecht-Exegese. Der Dichter ist für ihn weder Hass- noch Verehrungsobjekt, sondern ein Forschungsgegenstand.

Zu den überraschenden Akzenten, die Stephen Parker setzt, gehört die detailliert nachgezeichnete Krankheitsgeschichte des Schriftstellers. Zeit seines Lebens laborierte der schmächtige Bertolt Brecht an Herz- und Nierenproblemen. Der forcierte Vitalismus, die besonders im Frühwerk gepflegte Kraftmeier-Attitüde in der Pose des wilden Mannes mit Lederjacke und Zigarre im Baal-Stil wirken vor diesem Hintergrund wie Kompensationsmanöver: Ein Wassertrinker besingt den Schnaps.

Die Beschreibung des jugendlichen Augsburger Punks, der unbekümmert seine Bürgerschreckspiele geniesst und offenbar ziemlich unwiderstehlich ausgesuchte Höflichkeit mit unverschämter Frechheit verbindet, lässt etwas von der Faszinationskraft des werdenden Genies ahnen.

Kunst als Manöverzur Distanzierung

Umgekehrt gehören die neusachliche Kühle, etwa im «Lesebuch für Städtebewohner», und die sehr dezidierte Abwehr des Gefühls im Theater zu den Verhaltenslehren der Kälte, die sich Bert Brecht verordnet. Ihnen folgen auch die ohne grössere Rücksichten eingesetzten Distanzierungsmanöver, mit denen er sich die zahlreichen Liebesverhältnisse vom Leib, oder eher: vom Herzen, fernhält. Die kokette Warnung, «in mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen», war oft genug durchaus wörtlich gemeint.

Dank Parker kann man diese Techniken des Sich-Entziehens auch als Versuche lesen und verstehen, die eigene schwache Konstitution zu schützen. Der Biograf ist ein fairer Autor, deshalb zeichnet er die neben der Ehefrau Helene Weigel wichtigen Frauen in Brechts Leben, etwa die Kommunistin Margarete Steffin, die in Stalins Gulag umgekommene Carola Neher oder die selbstzerstörerische Ruth Berlau, als starke undunabhängige Persönlichkeiten– also als Gegenteil missbrauchter Opfer.

Die manische literarische Produktion dient immer wieder nicht nur der Selbstverständigung und Selbststilisierung, sondern auch der Stabilisierung eines so haltlosen wie in vieler Hinsicht labilen Künstlers. Nicht sehr originell, aber schlüssig zeigt Stephen Parker, dass sich Brechts Annäherung an den Kommunismus auch als Versuch einer Selbstdisziplinierung verstehen lässt.

Fehlende Überheblichkeit des Nachgeborenen

An Details wird sichtbar, wie politisch naiv Bertolt Brecht noch zu Beginn der Dreissigerjahre sein konnte. Wenige Monate vor der «Machtergreifung» der Nationalsozialisten investiert er sein gesamtes Vermögen in den Kauf eines Landhauses in Bayern – und verschwendet keinen Gedanken daran, dass die Emigration notwendig werden könnte. Gegenüber Brechts politischer Radikalisierung (samt der zumindest nach aussen loyalen Haltung gegenüber dem Regime Stalins) bleibt Parker nüchtern analytisch.

Auch wenn er sich über ideologische Frontbildungen wundert und etwa die für Brecht gefährlichen Intrigen der parteifrommen Apparatschiks im Moskauer Exil in ihrer ganzen Verbohrtheit zeichnet, kommt er ohne die sonst weit verbreitete Überheblichkeit des Nachgeborenen aus. Er versucht, das Verhalten Brechts aus der Zeit heraus zu erklären. Genau darin eröffnet er immer wieder, etwa beim Theaterstück «Galilei», aufregende Interpretationen der Werke.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.04.2019, 18:16 Uhr

Stephen Parker

Bertolt Brecht. Eine Biografie.

Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019., 1030 S., ca. 84 Fr.

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