Die Kritik verstummt vor dem Gipfeltreffen

Lucien Favre erlebte gegen Inter Mailand ein Wechselbad der Gefühle. Am Samstag steht der Klassiker in München an.

Lucien Favre hat gut lachen nach dem Inter-Spiel. (Bild: freshfocus)

Lucien Favre hat gut lachen nach dem Inter-Spiel. (Bild: freshfocus)

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Es sind immer die Bilder, die von einem spektakulären Ereignis bleiben. Wie Achraf Hakimi nach seinem Tor zum 3:2 auf eine Werbebande vor der imposanten Dortmunder Südtribüne steigt und die Arme ausbreitet – als wolle er einen Tag nach seinem 21. Geburtstag abheben und nie mehr landen.

Oder wie der ohnehin ungewöhnlich aktive Lucien Favre nach dem Schlusspfiff losgelöst jubelt.

Schwarz-gelbe Glückseligkeit allenthalben nach dem heroischen Comeback gegen Inter Mailand am Dienstagabend in der Champions League. Ein paar Minuten nach Spielende sitzt Favre an der Medienkonferenz, analysiert sachlich, spricht leise und von einem verrückten Spiel. «Wir waren schon vor der Pause gut, lagen aber 0:2 hinten, Inter ist ein starkes Team.» Nach der Pause habe Dortmund offensiv weitergemacht, mit viel Ballbesitz, mit Geduld, Tempo, Intensität. «Das war ein sehr, sehr schönes Spiel», sagt Favre.

Die heftigen Vorwürfe

62 Jahre alt ist Favre, er hat längst bewiesen, ein ausgezeichneter Fussballlehrer zu sein. Er macht Spieler besser und teurer, Vereine grösser und erfolgreicher. Und doch hängt ihm in Deutschland der Ruf an, ein Kauz zu sein, kompliziert und zweifelnd und ängstlich. In Berlin und bei Gladbach war sein Ende unschön, aber seinen schwierigsten Kampf erlebt er in Dortmund. Und es sieht nicht so aus, als ob er diesmal aufgeben würde.

Artikel wie Abschiedstexte

Dabei begleiten ihn schon seit bald einem Jahr ernsthafte Zweifel. Die sehr schwachen Leistungen bei Inter (0:2) und Schalke (0:0) lösten kürzlich Artikel gut informierter Journalisten aus, die wie Abschiedstexte daherkamen. Favre würde der Rückhalt in Verein und Team fehlen, er kommuniziere ungenügend und passe nicht zum BVB, hiess es, die Mannschaft habe sich nicht weiterentwickelt und spiele planlos, es sei Handbremsenfussball. Sachen, die den Schweizer ziemlich einsam wirken liessen. Zumal die Vereinsführung nicht den Eindruck erweckte, den Trainer bedingungslos zu stützen.

Der mächtige Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke etwa schreibt im Mitte Oktober erschienenen Buch «Echte Liebe – ein Leben mit dem BVB»: «Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn wir die ganze Mannschaft ausgetauscht hätten – und nicht den Trainer. Denn so einen Trainer, das war mir klar, würden wir nie mehr wieder bekommen, gute Spieler aber schon.» Es geht um seinen Freund Jürgen Klopp, von Wirken und Wesen her das Gegenteil Favres. Und «Kloppo», diesem leidenschaftlichen Kumpeltyp, der nun in Liverpool grosse Erfolge feiert, trauern sie in Dortmund immer noch nach.

Zauberer oder Zauderer?

Noch Anfang letzter Woche stand Favre schwer im Abseits, im Englischen gibt es einen angemessenen Ausdruck für diese Situation: «Dead Man Walking». Ein Angestellter also, der kurz davor steht, entlassen zu werden. Namen von möglichen und unmöglichen Nachfolgern wurden feilgeboten, José Mourinho etwa und Ralf Rangnick, doch Favre gelang innerhalb einer Woche eine bemerkenswerte Entfesselung. 2:1 im Cup gegen Bundesliga-Leader Gladbach dank zwei späten Toren von Julian Brandt, 3:0 in der Liga gegen das zuvor ungeschlagene Wolfsburg, nun dieses grosse 3:2 gegen Inter Mailand.

Und auf einmal ist Favre wieder ein Sieger. Zauberer statt Zauderer. Es geht schnell, besonders schnell in der Bundesliga. Schwarz oder Weiss. Der Erfolg gegen Inter ist für Favre auch eine Genugtuung, weil er mit Antonio Conte einen der grössten Masterminds des Fussballs geschlagen hat. Contes Matchplan war zwar stark, wie vor ein paar Wochen in Barcelona, als Inter zur Pause sogar 3:0 hätte führen müssen, nach einem 1:0 aber noch 1:2 verlor.

«So können wir unser Spiel nicht durchziehen.»Lucien Favre

Seinem Team ging in Dortmund erneut der Saft aus, Schlüsselspieler sind müde, das Kader ist zu wenig breit, genau das moniert der Coach regelmässig. «Wir müssen unsere Fehler bei der Planung schleunigst korrigieren», sagt er. «So können wir unser Spiel nicht durchziehen.»

Die Ausgangslage in der Gruppe F hinter Barcelona jedoch bleibt spannend. Dortmund hat zwar drei Punkte mehr als Inter, das am Ende bei Gleichstand aber dank der besseren Bilanz aus den Direktbegegnungen vor der Borussia wäre. «Alles ist möglich», sagt Favre, «das ist eine Supergruppe. Auch Slavia Prag ist sehr, sehr gut.»

Aufsteiger Hakimi

Lucien Favre in der Rolle des Warners – in Dortmund werden sie sich wohl nie ganz daran gewöhnen. Gefeierter Held bei den entfesselten Borussen war ohnehin Real-Madrid-Leihgabe Achraf Hakimi, der nun vier von fünf Champions-League-Toren in dieser Saison erzielt hat. Als Aussenverteidiger. «Er spielt sehr, sehr offensiv», sagt Favre, «er spürt die Situationen, hat Klasse und viel Mut.» Wie Favre, denn es ist kein Coaching mit der Handbremse, den defensiv nachlässigen Hakimi hinten rechts aufzustellen.

Sowieso: Die Kritik ist verstummt, der Wind hat schnell gedreht. Vielleicht wird man irgendwann behaupten, das 3:2 gegen Inter Mailand Anfang November sei der Wendepunkt in der komplexen Beziehung Favres zur Borussia gewesen. Doch es geht weiter, immer weiter, am Samstag steht der Klassiker an bei den kriselnden Bayern, die den Trainer gewechselt haben. Hans-Joachim Watzke meldet nach dem rauschhaften Abend gegen Inter: «Wir sind bereit für die Bayern.»

Lucien Favre sagt, es werde in München sehr, sehr schwierig.

Erstellt: 07.11.2019, 15:03 Uhr

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