Entlassen – und temporär weiterbeschäftigt

Mit einem Trick sparen Baufirmen auf dem Buckel älterer Mitarbeiter. Diese erleiden finanzielle Einbussen.

Mit der Kündigung erhielt er ein verkapptes Jobangebot: Manuel Escrivaes, 56, vor dem Denkmal der Arbeit in Zürich. Bild: Philipp Rohner

Mit der Kündigung erhielt er ein verkapptes Jobangebot: Manuel Escrivaes, 56, vor dem Denkmal der Arbeit in Zürich. Bild: Philipp Rohner

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Manuel Escrivaes traute seinen Ohren nicht, als er am 1. November 2016, zehn Monate nach einer berufsbedingten Knieoperation, an seinen Arbeitsplatz bei der Baufirma Anliker zurückkehrte. «Der Personalchef überreichte mir die Kündigung, mit der Begründung, es habe in der Region Zürich zu wenig Arbeit. Dann sagte er: ‹Hab keine Angst, für dich haben wir immer Arbeit.›»

Drei Tage später erhielt Escrivaes einen Telefonanruf eines Stellenvermittlers. «Er sagte, der Personalchef von Anliker wolle mich wieder beschäftigen, einfach als Temporären.» Escrivaes lehnte wütend ab. «Ich sagte: Wenn ihr keinen Platz für mich als festen Mitarbeiter habt, dann habt ihr auch keinen Platz für mich als Temporären. Ich war sehr enttäuscht, nach fast zehn Jahren bei der gleichen Firma so behandelt zu werden. Ich erhielt nicht einmal ein Dankeschön.»

«Niemand will einen in diesem Alter einstellen.»Manuel Escrivaes

Im Vergleich zu anderen Betroffenen hatte Escrivaes noch einigermassen Glück im Unglück. Der 56-jährige Portugiese, der seit 28 Jahren in der Schweiz wohnt und während insgesamt 22 Jahren bei Anliker und verschiedenen Vorläuferfirmen als Schaler arbeitete, fand als erfahrener Berufsmann rasch wieder eine Arbeit – wenn auch keine feste Stelle.

«Niemand will einen in diesem Alter einstellen», sagt er. Seit März 2017 arbeitet er als Temporärer auf Baustellen der Firma Marti. Statt eines Monatslohns erhält der verheiratete Vater eines Sohns und einer Tochter einen Stundenlohn. Dieser ist sogar etwas höher als der vorherige Lohn bei Anliker – was zeigt, dass Escrivaes auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist, und es entgegen den Behauptungen des Personalchefs durchaus Arbeit gibt.

Eine empfindliche Einbusse wird er hingegen bei der künftigen Rente erleiden. Denn die Einzahlungen in die Pensionskasse sind bei Temporären deutlich tiefer als bei Festangestellten. Das bietet den Baufirmen den falschen Anreiz, ältere Mitarbeiter zu entlassen. Und die Kündigungsfrist von gerade mal sieben Tagen ist für einen 56-jährigen Familienvater auch nicht gerade das, was er sich erträumt hat.

Betroffen sind vor allem über 50-Jährige

Schlimmer ergeht es anderen Bauarbeitern, die von ihrer Firma entlassen wurden und dann als Temporäre weiterarbeiten. Sie können jederzeit auf die Strasse gestellt werden, wenn das Wetter schlecht ist und es gerade mal keine Arbeit gibt. Der SonntagsZeitung sind mehrere solche Fälle bekannt, darunter jener von Francisco Sequeira, 58, aus Zürich. Er arbeitete während 15 Jahren als Schaler für die Frutiger AG und erhielt im November 2016 die Kündigung. Der Grund: Die Firma wollte seinen Lohn senken. Er war damit nicht einverstanden. Die Firma bot ihm nach der Kündigung eine Stelle als Temporärer an – er lehnte ab.

Nun arbeitet Sequeira als temporär Beschäftigter auf Baustellen verschiedener grosser Firmen wie Anliker, Corti, Specogna und Robert Spleiss. Doch die Arbeitsplatzsicherheit ist dahin: Wenn die Unternehmen vorübergehend keine Arbeit haben, erhält er auch keinen Lohn. Die Pensionskasse wird auch weniger gut gefüllt als vorher. Sequeira sagt, er kenne mehrere Berufskollegen, denen es bei ihren Arbeit­gebern – den Baufirmen Strabag und Feldmann – ähnlich ergangen sei. Sie alle seien über 50 Jahre alt.

Besonders absurd ist der Fall von Álvaro* aus Genf. Er arbeitet als temporärer Maurer für die gleiche Firma, die ihn als Festangestellten entlassen hat. Der 52-Jährige war von Januar 2012 bis Oktober 2013 bei Implenia auf der Lohnliste. Dann erhielt er die Kündigung und war während längerer Zeit arbeitslos. Seit 1. Juli 2016 darf er erneut auf Baustellen von Implenia arbeiten – als Temporärer mit tieferem Lohn und tieferer Pensionskasse.

Baufirmen und Gewerkschaften schieben sich die Schuld zu

«Wir beobachten sehr viele Beispiele, bei denen langjährige Mitarbeiter entlassen werden, weil es angeblich zu wenig Arbeit gibt, und die dann als Temporäre weiterbeschäftigt werden», sagt Antonio Fialho von der Unia. Die Gewerkschaft sagt, sie treffe immer wieder Baustellen an, auf denen bis zu 7 Prozent aller Bauarbeiter temporärbeschäftigt seien. Einen hohen Anteil Temporärer hat sie etwa auf der Baustelle für das Dienstleistungszentrum The Circle am Flughafen Zürich ausgemacht. Und auf jener der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf.

Tatsächlich gibt es auf Schweizer Baustellen immer mehr temporäre Bauarbeiter. Das zeigt eine Studie der Stiftung für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe, die von den Sozialpartnern getragen wird. Zwischen 2014 und 2016 sank die Zahl der Festangestellten um 4 Prozent, gleichzeitig stieg die Zahl der temporär Angestellten um 19 Prozent. Überdurchschnittlich stark war diese Zunahme bei den über 50-Jährigen.

Der Schweizerische Baumeisterverband bestreitet die Zahlen nicht. Doch er weist den Vorwurf der Unia zurück, die Arbeitgeber sparten systematisch auf dem Buckel der älteren Mitarbeiter. «Es gibt sicher Fälle, in denen sich eine Baufirma gegenüber ihren Mitarbeitern nicht korrekt verhält», sagt Sprecher Bernhard Salzmann. «Selbstverständlich ist das schlecht, und das verurteilen wir. Aber dass es einen systematischen Missbrauch geben soll, ist eine polemische und nicht belegte Behauptung der Gewerkschaften.»

«Diese Verweigerungshaltung ist ein Förderprogramm für Temporärarbeit.»Bernhard Salzmann, Sprecher Schweizerischer Baumeisterverband

Der Baumeisterverband beschuldigt diese, sie seien grösstenteils schuld an der Zunahme der Temporären auf den Baustellen. «Den Schwarzen Peter haben die Gewerkschaften, die mit ihrer ideologischen Politik systematisch gegen die eigenen Leute arbeiten», sagt Salzmann. Die Baufirmen seien darauf angewiesen, die Mitarbeiter dann einzusetzen, wenn das Wetter gut und Arbeit da ist. Doch die Unia und auch die Syna seien nicht bereit, in den Verhandlungen zum neuen Landesmantelvertrag nur das geringste Zugeständnis zu machen für die Flexibilisierung der Arbeitszeiten. «Diese Verweigerungshaltung ist ein Förderprogramm für Temporärarbeit und das Subunternehmertum», sagt Salzmann.

Diese Woche warfen sich Baumeister und Gewerkschaften gegenseitig vor, sie verharrten stur auf ihren Forderungen. Unia und Syna kündigten ab Oktober Protesttage auf den Baustellen an. Streiks sind nicht ausgeschlossen. Nach einer friedlichen Lösung sieht es also nicht aus.

* Name der Redaktion bekannt (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.09.2018, 21:23 Uhr

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