Umweltbewusste scheitern fast zwingend

Verzichtet man auf Avocados, schreit es bald: «Heuchler!» Dabei muss man irgendwo anfangen.

Sie gilt als Umweltsünde schlechthin: die Avocado-Frucht.

Sie gilt als Umweltsünde schlechthin: die Avocado-Frucht. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jenen Menschen, die es gut meinen mit der Umwelt, ergeht es wie gläubigen Katholiken. Sie können sich noch so sehr anstrengen, nie ist es genug. Das schlechte Gewissen will nicht weichen.

Zum Beispiel: Ein Zürcher Café streicht die Avocado von der Karte, denn deren Ökobilanz sei eine Katastrophe. Sofort kommt der Vorwurf: Opportunismus. Denn das Café tischt weiterhin Fleisch auf. Oder die EU. Sie verbietet Wegwerfplastik. Rasch heisst es: Symbolpolitik. Man sollte lieber die Billigfliegerei stoppen. Oder die Tausenden Deutschen, die gegen die Rodung des Hambacher Forsts demonstrierten. Scheinheilige Baum-Romantiker werden sie geschimpft. Weil auch für Windturbinen müssten Wälder geholzt werden.

Viele Debatten laufen heute nach diesem Muster: Jemand unternimmt etwas Gutes für die Umwelt, unverzüglich wird nachgewiesen, dass der Wohltäter gleichzeitig viel schlimmere Dinge tut oder zumindest duldet. Heuchler überall. Dieser Einwand hat etwas Spielverderberisches, trotzdem müssen die Avocado-Verzichter damit leben. Sie haben sich auf ein moralisches Modell eingelassen, dessen Grundsatz lautet: Es ist schlecht, die Natur zu schädigen. Solche Prinzipien verlangen, dass man sie durchzieht, ohne Ausnahme. Das wissen schon Kinder. Sie finden es ungerecht, wenn Eltern vor der Schädlichkeit des Smartphones warnen und ständig selber daran herumfingern.

Wir müssen Verhaltensweisen ändern, die tief eingeübt sind in unserem Zusammenleben und Wirtschaften.

Bei der Konsequenz wird es schwierig. Wissenschaftler haben kürzlich die vier wirksamsten Methoden berechnet, um den eigenen C02-Ausstoss zu verringern: 1. Ein Kind weniger haben. 2. Autofrei leben. 3. Nicht fliegen. 4. Sich pflanzlich ernähren. Damit sind wir erst beim CO2. Dazu wollen Umweltbewusste Produkte kaufen, deren Hersteller gute Löhne bekommen; Produkte, für die weder Tiere gequält noch Landschaften verseucht werden.

Um ein solches Konsumverhalten zu erreichen, müssten wir Verhaltensweisen ändern, die tief eingeübt sind in unserem Zusammenleben und Wirtschaften. Daher scheitern Umweltbewusste fast zwingend. Zur Beruhigung gibt es Biofleisch und eine neue Minergieisolierung. Doch das schlechte Gewissen wühlt weiter. Der katholische Ausweg, das Beichten, funktioniert in diesem Fall leider nicht.

Kritiker finden: fertig Selbstgeisselung. Die Moralisierung des Konsums beschneide unsere Freiheit. Sie trauern jenen Zeiten nach, als man noch unbeschwert shoppen konnte. Ein seltsamer Einwand. Nur weil bestimmte Praktiken einst als unproblematisch galten, heisst es nicht, dass sie es auch sind. Wahrscheinlich haben sich im 19. Jahrhundert auch amerikanische Sklavenhalter über die Moralisierung ihres Geschäftsmodells und die Einschränkung der Gewerbefreiheit beklagt.

Die Last für den einzelnen ist zu gross. Konsumentinnen allein können die Welt nicht retten.

Doch ein Teil des Einwurfs stimmt: Die Last für den einzelnen ist zu gross. Konsumentinnen allein können die Welt nicht retten. Das Gegenmittel heisst aber nicht: zurück zum kummerlosen Kaufen. Es heisst: Politik. Sie sollte die Lebensbedingungen so umgestalten, dass das schlechte Gewissen seine Ursachen verliert; wie im 19. Jahrhundert, als es nach dem Sklavereiverbot Baumwolle ohne Zwangsarbeit zu kaufen gab.

Oft geht politischen Umbrüchen die Moralisierung eines Themas voraus und erzeugt die nötige Dringlichkeit. Ein solcher Druckaufbau kann lange dauern. Und ja, auch der öffentliche Verzicht auf Avocados gehört dazu.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2018, 19:09 Uhr

Artikel zum Thema

Diese Frucht bedroht die Welt

Ihre Produktion verbraucht Unmengen an Wasser und ist vor allem für Drogenkartelle lukrativ. Zu Besuch auf einer Avocado-Plantage in Peru. Mehr...

Aktivisten wehren sich weiter gegen Räumung des Hambacher Forsts

Bei der Räumung des von Braunkohlegegnern seit Jahren besetzten Hambacher Forsts bei Köln treffen die Einsatzkräfte auf erbitterten Widerstand. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...