Federers Zeitfenster wird immer kleiner

Es deutet alles darauf hin, dass Roger Federer sich auch 2020 wieder Chancen auf grosse Turniersiege erarbeiten wird.

Vergebene Chancen: Auch das gab es 2019 bei Roger Federer.

Vergebene Chancen: Auch das gab es 2019 bei Roger Federer. Bild: Will Oliver/Keystone

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Es läuft am ATP-Finale das erste Game des Halbfinals zwischen Roger Federer und Stefanos Tsitsipas. Der Grieche testet den Schweizer gleich mit einem guten Stoppball, doch Federer erläuft diesen und punktet. Kurz darauf sprintet er nach einem Netzroller nach vorne und schafft es tatsächlich noch, den Schlägerkopf über den Ball zu bringen. Die meisten Zuschauer in der prall­vollen O2-Arena schreien vor Begeisterung auf, und viele dürften sich denken: Dieser Mann soll 38 Jahre alt sein?

«Der bemerkenswerteste Aspekt von Federers Beziehung zur Zeit ist, dass er anders altert als jeder andere Tennisspieler in der Geschichte – eigentlich scheint er gar nicht zu altern», stand am Samstag im Programmheft, das am ATP-Finale jeweils an die Besucher verteilt wurde.

Logischerweise wird selbst eine Ausnahmeerscheinung wie der Baselbieter den Alterungsprozess nicht aufhalten können, ein wenig verzögern aber schon. Jedenfalls macht der Körper derzeit noch mit. Das hat Federer nicht nur in den eingangs erwähnten Szenen bewiesen, sondern etwa auch im Gruppenspiel gegen Novak Djokovic, als er, um eine Metapher Muhammad Alis zu verwenden, wie ein Schmetterling über den Court schwebte und mit präzisen Grund- sowie Aufschlägen wie eine Biene zustach. Im Wimbledonfinal gegen denselben Widersacher hatte Federer fünf Stunden lang auf allerhöchstem Niveau agiert. Dazu ist nur in der Lage, wer topfit ist.

Fehlt die mentale Härte bei Big Points?

Die Physis ist auch gegen den 17 Jahre jüngeren Tsitsipas nicht das Problem. Und doch schliesst sich am Ende mit der 3:6-4:6-Niederlage für Federer auf unheilvolle Art ein Kreis, hat er gegen den Aufsteiger doch schon am Australian Open verloren, seinem ersten offiziellen Turnier im Tennisjahr 2019. Die eine Niederlage ist so unnötig wie die andere; in London wie in Melbourne ­wirkte er zuweilen verkrampft, agierte in wichtigen Momenten passiv, liess viele Breakchancen aus und baute so seinen ­begabten Gegner auf.

Körperlich kann Federer noch mithalten, spielerisch muss er sich sowieso vor niemandem verstecken, aber es scheint, dass ihm bei den Big Points manchmal die mentale Härte fehlt. Während Aufsteiger wie Tsitsipas und Dominic Thiem mit einer Ich-erobere-die-Welt-Attitüde auftreten, wirkt der Schweizer oft zögerlicher als früher.

Indirekt gibt Federer das selber zu. Er müsse künftig noch einen besseren Job machen, um herauszufinden, wie er mit diesen Momenten umzugehen habe. «Denn die Möglichkeiten waren da, wie schon in Indian Wells und in Wimbledon. Und solche Momente können eine ganze Saison verändern.» In der Tat: Hätte er im Wimbledon-Final einen Matchball verwertet, würde die Jahresbilanz nun nicht gut (53 Siege, 10 Niederlagen, 4 Titel, Nummer 3), sondern hervorragend ausfallen.

Zuweilen fehlt die Frische im Kopf

Mögliche Ursachen gibt es diverse. Vielleicht hat Federer mit vier Kindern, seiner Stiftung, den Verpflichtungen gegenüber Sponsoren und der Promotion des Laver-Cups neben seinem Hauptjob als Tennisprofi derart viel am Hals, dass zuweilen im Kopf die nötige Frische fehlt. Genauso wahrscheinlich ist aber: Wenn nicht alles nach Plan läuft, verkrampft er sich, weil er um das nur noch einen Spalt offene Zeitfenster weiss. Die Lust auf Tennis und Erfolge ist nämlich gross wie eh und je. Doch allzu viele Chancen, ganz grosse Titel zu gewinnen, werden sich Federer nicht mehr bieten – das erzeugt Druck, der leistungshemmend wirken kann.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist zudem die starke Konkurrenz. Weil viele Akteure im Alter zwischen 18 und 24 Jahren grosse Fortschritte erzielen, gibt es immer mehr Gegner, die in der Lage sind, von kleinen Schwächen zu profitieren. Diese Erfahrung machen auch Djokovic und Rafael Nadal.

Die Ausgangslage fürs Tennisjahr 2020 ist jedenfalls extrem spannend: Findet die Wachablösung statt? Oder dominieren die drei Superstars einmal mehr die Grand-Slam-Turniere? Wenn er sich mit den vielen Schaukämpfen in den nächsten Monaten nicht überfordert und gesund bleibt, hat Federer auf jeden Fall noch die Physis und die Klasse, im Kampf um die bedeutenden Titel mitzumischen. Ob er anders als 2019 einen davon gewinnen wird, ist dennoch unsicher. Manchmal macht ein einziger Ballwechsel den Unterschied zwischen Trübsal und Glückseligkeit aus. Wie in Wimbledon in diesem Jahr.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 17.11.2019, 20:02 Uhr

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