Grün, die neue Religion

Wie wir mit Gretas apokalyptischen Ängsten am intelligentesten umgehen.

Religiöse Menschen folgen gerne dem Alphatier ihrer Herde, sei das nun Moses, Jesus, Mohammed, Marx oder Greta. Bild: AP/Melissa Renwick

Religiöse Menschen folgen gerne dem Alphatier ihrer Herde, sei das nun Moses, Jesus, Mohammed, Marx oder Greta. Bild: AP/Melissa Renwick

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Religionen sind Weltanschauungen, deren Grundlage der Glaube an transzendente Kräfte ist. Das Transzendente ist nicht beweisbar. Es beruht auf dem Glauben an bestimmte Vermittler. Religion kann Wertvorstellungen beeinflussen, ökonomische, politische und psychologische Funktionen erfüllen und so religiöse Ideologien erzeugen. Naturwissenschaft dagegen forscht mit aufgeklärter Skepsis. Auch ihr Wissen ist niemals absolute Wahrheit, sondern beruht letztlich immer nur auf Glauben, doch gründet dieser Glaube auf objektiven, empirischen Wahrnehmungen.

Der Mensch ist in der Evolution geformt worden zu einem sozialen Herdentier mit leistungsfähigem Verstand und einem gewissen Mass an Vernunft. So hat er ein Bedürfnis nach Religion entwickelt: Er will die Welt verstehen und wissen, was für die Herde als Ganzes gut ist. Die einfachste Antwort auf diese Fragen lautet «Gott».

Damit ist natürlich überhaupt nichts erklärt. Jede Religion oder Ideologie definiert den Begriff Gott eigenständig, und jeder kann dann für sich selbst entscheiden, ob er das glauben will. Religiöse Menschen folgen gerne dem Alphatier ihrer Herde, sei das nun Moses, Jesus, Mohammed, Marx oder Greta.

Oft werden rationale Meinungen als «politisch unkorrekt» unterdrückt.

Wie lässt sich verhindern, dass die neue Grün-Religion abdriftet in ein Desaster, so wie das mit allen Religionen mindestens vorübergehend geschehen ist? Zuerst einmal sollte die Gesellschaft anerkennen, dass es eine absolute Wahrheit niemals geben kann.

Das ist am ehesten möglich in einer Demokratie, wo alle Bürger selbstständig denken, entscheiden und handeln dürfen, solange sie damit nicht die Menschenrechte anderer verletzen. So wird seit der Aufklärung die Menschenwürde definiert. Doch oft werden rationale Meinungen als «politisch unkorrekt» unterdrückt.

Mit ihrem doktrinären Verhalten behindern die AKW-Gegner jede rationale Diskussion.

Dazu nur ein Beispiel: Das «grösstmögliche Katastrophenrisiko für die Schweiz» ist gemäss Bundesamt für Bevölkerungsschutz eine schwere Strommangellage im Winter. Dabei werden etwa 2000 Todesopfer und ein Schaden von über 100 Milliarden Franken erwartet. Dies bei einer Wahrscheinlichkeit von einmal in 30 bis 100 Jahren.

Im Vergleich dazu sind das Risiko von Todesfällen und der wirtschaftliche Schaden bei einem Schweizer AKW-GAU (etwa einmal in 25'000 Jahren) mindestens hundertmal geringer: In Fukushima gab es keinen einzigen Todesfall infolge Verstrahlung, und die Radioaktivität dort ist heute zehnmal geringer als die natürliche Radioaktivität in Davos seit Millionen Jahren. Die Strommangel­lage könnte verhindert werden mit AKW, die den Strom fast CO2-frei liefern, oder mit teuren Gaskombikraftwerken mit jährlich 20 bis 100 Millionen Tonnen CO2.

Und was tun die gläubigen, ideologisch motivierten AKW-Gegner? Sie wollen alle bestehenden AKW abschalten und neue, inhärent sichere AKW verbieten, zwingen so die Stromlieferanten zu riesiger CO2-Produktion im In- oder Ausland und verhundertfachen das Risiko von Todesfällen und wirtschaftlichem Schaden. Mit ihrem doktrinären Verhalten behindern sie jede rationale Diskussion und damit die konkreten Massnahmen zur Entlastung der Umwelt.

Ohne eine Abkehr von jeder Form fundamentalistischer grüner Ideologie wird das nicht möglich sein.

Vor 500 Jahren setzten sich Zwingli als Reformator und Erasmus von Rotterdam mit ähnlichen irrationalen, religiösen und ideologischen Missständen auseinander. Zwingli bekämpfte die Altgläubigen in einem unnötigen Bürgerkrieg, den er verlor. Erasmus dagegen lehrte überzeugend und rational seinen Humanismus. Die Werte des Humanismus sind Respekt, Verantwortung, Integrität, Gerechtigkeit, Gemeinsinn, Nachhaltigkeit und Transparenz. Sie sind weltweit von allen Religionen, auch von den Atheisten, akzeptiert als Menschenpflichten.

Mit Gretas apokalyptischen Ängsten gehen wir am intelligentesten um, wenn wir das rationale Denken der Aufklärung verbinden mit dem Humanismus von Erasmus. Ja, nach 500 Jahren ist die Schweiz reif für eine neue Reformation.

Doch wo ist der Reformator, der endlich etwas Tapferes tut, so wie Zwingli das gefordert hat? Ohne eine Abkehr von jeder Form fundamentalistischer grüner Ideologie wird das nicht möglich sein.


Der ehemalige freisinnige Zürcher Stadtrat Hans Wehrli ist promovierter Naturwissenschafter.

Erstellt: 01.11.2019, 21:37 Uhr

Hans Wehrli

Der ehemalige freisinnige Zürcher Stadtrat ist promovierter Naturwissenschafter.

Artikel zum Thema

«Die grüne Welle scheint ein echter Trend zu sein»

Gemäss TA-Umfrage dürften GLP und Grüne bei den Zürcher Nationalratswahlen je zwei Sitze zulegen – auf Kosten von vier Parteien. Mehr...

Zürcher Ständeratsrennen: Die GLP will sich nicht entscheiden

Marionna Schlatter oder Ruedi Noser? Die Grünliberalen bleiben neutral. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...