«Rytz ist meine Traumbundesrätin»

Bei den Grünen steigt der Druck, bei der Bundesratswahl im Dezember anzutreten. Mitglieder schwärmen von Regula Rytz und wollen sie portieren.

Regula Rytz beim Schminken vor der Elefantenrunde der Parteipräsidenten anlässlich der eidgenössischen Perlamentswahlen am Sonntag, 20. Oktober 2019 im Bundeshaus in Bern.

Regula Rytz beim Schminken vor der Elefantenrunde der Parteipräsidenten anlässlich der eidgenössischen Perlamentswahlen am Sonntag, 20. Oktober 2019 im Bundeshaus in Bern. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Selbst Präsidentin Regula Rytz gerät ins Wippen, während sich die Schar der gewählten Bundesparlamentarier auf der Bühne versammelt. Aus dem Lautsprecher ertönt «Don’t Stop Me Now» von Queen. Zwei Wochen nach den Wahlen feierten die Grünen gestern Samstag an ihrer Delegiertenversammlung in Bern ausgiebig ihren Sieg. Doch die Feierszene ist keineswegs so harmlos, wie sie im ersten Moment erscheint. Mit dem gewählten Titel signalisieren die Grünen den anderen Parteien, dass sie sich auf dem Weg in den Bundesrat nicht aufhalten lassen wollen. Mehr noch: Der Song kann als eine glatte Provokation an die Adresse der FDP verstanden werden, der die Grünen einen Bundesratssitz abjagen möchten. Ausgerechnet die Freisinnigen warben nämlich im Wahlkampf mit dem verstorbenen Queen-Sänger Freddie Mercury.

Egal, ob das jetzt nur Zufall oder Absicht war: Die Grünen schalten nach dem Wahlsieg zunehmend in den Angriffsmodus. Intern wird jetzt auch der Ruf nach einer Kandidatur für die Bundesratswahlen im Dezember laut. «Wenn die Mehrheit der Fraktion eine Kandidatur unterstützt, müssen wir antreten», sagt die Aargauer Nationalrätin Irène Kälin. Es sei zwar Unsitte, bisherige Bundesräte abzuwählen. «Doch die Schweiz hat bei den Wahlen eine nie da gewesene grüne Welle gesehen, deshalb muss unser Anspruch erfüllt werden.» Auch Nationalrat Michael Töngi aus Luzern sagt, die Grünen müssten antreten, wenn es eine Chance gebe. «Wir wollen mitgestalten, dazu müssen wir im Bundesrat dabei sein.»

Selbst Neugewählte üben bereits Druck auf Parteispitze aus

«Ich fände es gut, wenn wir ins Rennen steigen würden», sagt Katharina Prelicz-Huber, die nach acht Jahren in den Nationalrat zurückkehrt. Für die Haltung der bürgerlichen Bundesratsparteien hat die Zürcher Gewerkschafterin kein Verständnis. «Sie tun immer so wichtig, wenn es darum geht, die Konkordanz hochzuhalten. Uns Grüne würden sie aber gerne wie ein kleines Kind an der Hand nehmen.» Dabei habe die FDP die Wahlen verloren und sei in der Regierung übervertreten. Die Bundesratsfrage muss gemäss Prelicz-Huber in Partei und Fraktion eingehend diskutiert werden.

Das geschieht auch. Am kommenden Freitag trifft sich die stark gewachsene Fraktion in Bern zur ersten Sitzung. Da wird das Thema unausweichlich sein. Zudem sind die Gespräche mit den anderen Parteien mittlerweile angelaufen, in welchen die Grünen ihre Chancen ausloten wollen. Parteichefin Rytz bestätigt dies.

Rytz mag zwar nach wie vor nicht öffentlich eine grüne Kandidatur für die diesjährigen Bundesratswahlen ankündigen. Aber auch sie gibt sich offensiver als noch am Wahltag, als sie zu einer Aussage gedrängt werden musste. Jetzt, zwei Wochen später, kann auch sie an der Delegiertenversammlung selbstbewusst sagen: «Wir Grünen gehören in den Bundesrat.»

Kommt der grüne Angriff, wird kaum ein Weg an einer Kandidatur der Parteichefin vorbeiführen.

Sie wiederholt zudem die Forderung, dass es eine neue Zauberformel brauche. Und sie kritisiert einmal mehr die «taktischen Rücktritte» der CVP-Bundesrätin Doris Leuthard und des FDP-Magistraten Johann Schneider-Ammann im letzten Jahr. Wenn die beiden ordnungsgemäss auf Ende Legislatur zurückgetreten wären, sagt Rytz, könnten die Grünen diesen Dezember die erste Bundesrätin oder den ersten Bundesrat feiern. Was jetzt möglich ist, lässt sie offen.

Kommt der grüne Angriff, wird kaum ein Weg an einer Kandidatur der Parteichefin vorbeiführen. «Rytz ist meine Traumbundesrätin», sagt Irène Kälin. Für sie komme nur eine Frau infrage, bei den Grünen gebe es gute Kandidatinnen. Aber Rytz sei das Gesicht der grünen Welle. Das zeigt sich auch an der Delegiertenversammlung. Bevor Rytz ihre Rede halten kann, wird sie minutenlang gefeiert – wie eine Queen. Für einen Moment hat vielleicht sogar sie das Gefühl, dass derzeitig wirklich nichts und niemand sie stoppen könnte.



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Erstellt: 03.11.2019, 15:18 Uhr

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