Hinter dem grünen Vorhang

Wer sich per Kanu ins Labyrinth des Donaudeltas wagt, lernt eine neue Welt kennen – mit Schilfinseln in der Hauptrolle und rosa Pelikanen als Überraschungsgästen.

Das Donaudelta besteht aus Sümpfen, Auwäldern, Feuchtwiesen und Steppen – und es verändert sich ständig. Foto: Calin Stan (Alamy)

Das Donaudelta besteht aus Sümpfen, Auwäldern, Feuchtwiesen und Steppen – und es verändert sich ständig. Foto: Calin Stan (Alamy)

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Cosmin Cocos hat das Boot in eine Einbuchtung im Schilfgürtel gelenkt, bleibt dann aber im grünen Dschungel stecken. «Hier ging es letzte Woche noch weiter», knurrt er. Der 100-Kilo-Mann wuchtet sich aus dem Kanu und zieht es mit einem ­heftigen Ruck weiter. Schilfblätter streifen Cocos’ Gesicht. Mücken umkreisen den hochroten Kopf. Plötzlich verschwinden die schwarzen Locken und mit ihnen das türkisfarbene Kanu. Wie ein Vorhang schliesst sich das Grün der Sumpflandschaft hinter dem rumänischen Guide. Man hört planschen, dann breitet sich Stille aus. Die acht Leute in den vier weiteren Kanus bleiben ratlos zurück.

Gerade eben noch hatte sich das weite Wasser eines der rund 300 Seen im Donaudelta überraschend vor der Gruppe aufgetan. Bei jedem Windhauch kräuselte sich das silbrige Blau leicht. Mit diesem Szenario hatte niemand gerechnet, als man sich zuvor durch das Labyrinth des Deltas kämpfte, durch enge Wasserstrassen. Und nun ist Cosmin Cocos hinter dem grünen Vorhang verschwunden und scheint nicht mehr aufzutauchen. Plötzlich erschallt ein enttäuschter Ruf: «Hier geht es definitiv nicht weiter!» Der schwarzgelockte Kopf taucht wieder zwischen den Schilfrohren auf. Kurze Zeit später gleitet das Boot zurück ins Wasser des Sumpfsees, und der Guide schaut nachdenklich: «Hier haben sich die Türen verschlossen! Wir drehen um!»

Schilfinseln verschliessen die Eingänge

Merkwürdige Dinge passieren im Donaudelta in Rumänien. Das 5800 Quadratkilometer grosse Biosphärenreservat, in dem sich der Strom in drei Teile verzweigt und dazwischen eine Welt aus Seitenarmen, Sümpfen, Steppen, Feuchtwiesen und Auwäldern bildet, verändert sich ständig. Jährlich schiebt sich die Donau drei Zentimeter weiter ins Schwarze Meer. Die Sedimente, die der Fluss auf seiner Reise durch zehn Länder sammelte, machen es möglich. Schilfinseln treiben auf den Sumpfseen, verändern die Uferlinie und verschliessen Eingänge.

Über Jahrmillionen hat sich hier am östlichsten Punkt der EU eine einmalige Landschaft gebildet. Im Delta, das auf der Liste des Unesco-Weltnaturerbes steht, leben 5200 verschiedene Tier- und Pflanzenarten – ein Wunderwerk der Natur. In diesem Biotop wohnen nur gerade 12000 Menschen. Während sich die allermeisten Touristen auf Kreuzfahrtschiffen über einen kanalisierten Donauarm Richtung Schwarzmeerküste treiben lassen, stossen Individualreisende in Kanus oder kleinen Motorbooten ins Herz des Deltas vor. Aber nur eine limitierte Anzahl darf sich gleichzeitig im Naturschutzgebiet aufhalten.

In Crisan, einem Dorf, das nur aus einer langen Häuserreihe ­besteht, ist am Abend das normale Leben im Gange: Fischer flicken ihre Netze, und in den zwei Dorfläden, die mit den von Neonlicht beschienenen Regalen so aussehen wie zu kommunistischen Zeiten, sind neue Waren eingetroffen. Frauen mit Kopftüchern füllen die Plastiktaschen. Draussen auf der einzigen Strasse des auf einer Sandbank gelegenen Ortes flitzen Kinder auf Velos umher.

Regula aus dem Aargau, die zu der Kanureisegruppe gehört, hat sich mit Äpfeln und Mineralwasser eingedeckt. In der Pension Vasiliu, in der die naturbegeisterten Touristen untergebracht sind, stellt sie fest: «Mein Portemonnaie wurde gestohlen!» Hatten die Skeptiker doch recht, die sie vor der Reise nach Rumänien warnten? Doch Cocos bringt eine Viertelstunde später gute Nachrichten. Er kommt mit der Geldbörse wedelnd durchs Gartentor. Die Schweizerin hatte sie wohl auf dem Weg verloren, ein Nachbar hob sie auf und fragte den Guide, ob sie jemandem aus seiner Reisegruppe gehöre. «Die Welt hier im Delta ist extrem klein», erzählt der Rumäne mit der sonnengebräunten Haut. «In den Dörfern kennt jeder jeden.»

Ceausescu wollte das Delta trockenlegen

44 Jahre Kommunismus hatten die Wände grau und die kleinen Turmdächer auf den Häusern windschief werden lassen. Diktator Ceausescu wollte das Donaudelta trockenlegen und Mais anbauen. Es kam nicht dazu, trotzdem lasten die Schatten der kommunistischen Misswirtschaft noch schwer auf diesem naturschönen Teil Rumäniens.

Die Paddler werden beim nächsten Ausflug in die stille Wasserwelt von Hunderten Pelikanen überrascht. Langsam und fast geräuschlos nähern sich die fünf Kanus den rosafarbenen ­Vögeln. Die unbewegte Wasserfläche spiegelt das Blau des wolkenlosen Himmels. Als sich die Gruppe bis auf 80 Meter nähert, verraten die Pelikane Unruhe. Einige beginnen, mit den Flügeln zu flattern. Man sieht jetzt die schwarzen Spitzen des weissen Gefieders und die immense Spannweite – bis zu dreieinhalb Meter. «Ein echter Glücksfall!», sagt Petre Vasiliu, der auf Vogelbeobachtung spezialisierte Donaudelta-Führer, später beim Abendessen in seiner Pension. Seit der Kindheit ist er fast täglich mit dem Boot im Wasser­labyrinth unterwegs. Aber dieses Jahr hat er erst fünfmal Pelikane beobachtet.

Das Naturwunder Donau­delta offenbart im Norden an der Grenze zur Ukraine eine andere Seite: In einem lianenüberwucherten Urwald türmen sich bis zu 14 Meter hohe, fast weisse Sanddünen. Cocos beweist, dass er sich auch auf diesem Terrain heimisch fühlt: «Hier ist vor kurzem ein Schakal entlanggelaufen. Und dort war eine Natter unterwegs.» Er deutet auf die Spuren im Sand.

«Das Donau­delta ist eigentlich wie eine Stadt», erzählt der Guide, während er später zusammen mit der Kanugruppe im Dorf C.A. Rosetti sitzt und Pflaumenschnaps trinkt. «Es gibt Wasserstrassen wie Boulevards, Seen wie Plätze, Inseln wie Märkte.» Und es finden sich in dem geschützten Areal eben auch Sanddünen, Urwälder und steppenartige Flächen, die die Pflanze Queller Ende des Sommers in violettfarbene Meere verwandelt. Im Kontrast dazu wurde einigen alten Holzhäusern im 800-Seelen-Dorf ein grüner und blauer Neuanstrich gegönnt. Passend zu den grünen Schilfinseln, die auf dem Blau der Sumpfseen schwimmen und schon mal den Weg ins Herz des Deltas verschliessen.

Die Reise wurde unterstützt von Hauser Exkursionen.

Erstellt: 06.09.2019, 14:05 Uhr

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Expedition ins Donaudelta

Anreise: Flug mit Swiss ab Zürich nach Bukarest. www.swiss.ch; weiter mit einem Überlandbus bis Tulcea, ab dort per Wasser­taxi bis Crisan.

Touren: Eine Woche Paddeln im Donaudelta plus eine Woche Wandern in den Karpaten inkl. Halbpension, Flüge und Anreise ab ca. 1800 Fr. Nächste Termine: 9.–23.5., 30.5.–13.6, 29.8.–12.9., 12.–26.9., 29.9.–10.10.2020. Hauser Exkursionen (www.hauser-ex­kursionen.de), buchbar über die CH-Vertretung B&B Travel, Zürich (www.bandbtravel.ch).

Beste Reisezeit: Mai bis Mitte Oktober.

Allg. Infos: romaniatourism.com

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