Globuli machen den Arztbesuch teurer

Überraschender Befund: Alternative Heilmethoden verursachen pro Patient höhere Kosten. Das zeigt eine neue Analyse.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Akupunkturnadeln gegen eine Erkältung, ein pflanzliches Präparat gegen Nierensteine oder Globuli gegen Liebeskummer – die Komplementärmedizin ist bei Schweizerinnen und Schweizern sehr beliebt.

Bislang war die landläufige Meinung: Alternativmedizin mag zwar umstritten sein – günstiger als die Schulmedizin ist sie aber alleweil. Die Union Schweizerischer komplementärmedizinischer Ärzteorganisationen jedenfalls lässt keine Gelegenheit aus, um «auf die im Vergleich zu anderen Ärzten tieferen Durchschnittskosten komplementärmedizinischer Ärztinnen und Ärzte» hinzuweisen.

Selbst die mächtige Gesundheitsdirektorenkonferenz, der Zusammenschluss aller kantonalen Gesundheitsdirektoren, glaubt, dass das Schweizer Gesundheitswesen nicht teurer wird, nur weil die Grundversicherung auch Komplementärmedizin zahlt.

25% aller Alternativmediziner kommen aus der Romandie oder dem Tessin.  Bei den übrigen Grundversorgern sind es 36 Prozent. In der Deutschschweiz ist Komplementärmedizin also populärer  als in der Romandie und im Tessin. 

Doch jetzt zeigt sich: Die Behauptungen über die angeblich günstigere Komplementärmedizin sind falsch. Das belegt eine neue Auswertung, die der Kranken­kassenverband Santésuisse beim Basler Beratungsbüro BSS in Auftrag gegeben hat. Das vernichtende Fazit: Die Behandlungskosten von Komplementärmedizinern sind pro Patient sogar 22 Prozent höher als diejenigen von Ärzten, die keine Alternativmedizin im Angebot haben.

Zur Komplementärmedizin gehören unter anderem die Homöo­pathie, die traditionelle chinesische Medizin, die anthroposophische Medizin sowie die Phytho­therapie. Seit 2012 werden diese vier Behandlungen in der Schweiz von der Grundversicherung vergütet, sofern sie von einem Arzt mit entsprechendem Fähigkeitsausweis verordnet werden. Im Sommer 2017 hat der Bundesrat diese Kostenübernahme bestätigt – nun gilt das Modell unbefristet.

Komplementärmedizin muss nicht günstig sein

In der noch unveröffentlichten Analyse geht Santésuisse nun aber hart ins Gericht mit den alternativen Heilmethoden: «Der oft gehörte Grundsatz ‹komplementär gleich kostengünstig› wird in der statistischen Analyse klar widerlegt», heisst es da. Komplementärmedizinische Tarifpositionen würden von den Ärzten «zusätzlich zu allen bisherigen schulmedizinischen Leistungen in Rechnung gestellt» – und sie würden daher «kostentreibend» wirken.

So sei es zutreffender, die Alternativmedizin aus abrechnungstechnischer Sicht nicht als «alternativ», sondern «eher als additiv» zu bezeichnen.

36% beträgt der Frauenanteil bei den Alternativmedizinern. Bei den übrigen Grundversorgern sind es 30 Prozent. Bei weiblichen Ärzten ist die Komplementärmedizin also beliebter als bei den Männern.

Erstellt haben die Analyse ­Lukas Brunner, der Leiter Wirtschaftlichkeitsprüfungen bei Santésuisse, und Boris Kaiser, Projektleiter beim Büro BSS.

Die Autoren konnten auch erstmals nachweisen, dass die Kosten von komplementärmedizinisch tätigen Ärzten mit Beginn der Vergütung durch die Grundversicherung 2012 einen deutlichen Sprung gemacht haben – und zwar um nicht weniger als 8 Prozent.

Die Analyse erfolgte über einen Zehn-Jahres-Zeitraum von 2007 bis 2016. Berücksichtigt wurden die Daten von bis zu 10'000 Ärzten. Die überwiegende Mehrheit dieser Mediziner sind Allgemeinpraktiker, also Grundversorger. Circa zehn Prozent bieten nebst der Schulmedizin auch noch alternative Therapien an.

Alternativmediziner verweisen auf 13 Jahre alte Studie

Auf wenig Freude stösst die Santésuisse-Auswertung bei der Union der Komplementärmediziner. Man nehme die Analyse zur Kenntnis, sagt Präsidentin Gisela Etter, selber Ärztin und Homöopathin. Es sei aber anzumerken, dass mit den Resultaten «die Kostenneutralität der Komplementärmedizin nicht widerlegt werden kann». Zudem habe die Wirtschaftlichkeitsprüfung nur «eine geringe Aussagekraft», weil indirekte Parameter anstelle der korrekten Krankheitsdiagnosen verwendet würden.

Die komplementärmedizinische Ärzte-Union verweist stattdessen auf eine Studie, die 13 Jahre alt ist. Diese zeige, dass Grundversorger, die Komplementärmedizin nutzten, mehr chronisch kranke und zudem schwerer kranke Patienten behandeln würden als reine Schulmediziner. Trotzdem hätten die Komplementär­mediziner günstigere Praxis- und Medikamentenkosten.

22% höher sind die Behandlungskosten von Komplementärmedizinern pro Patient im Vergleich mit ihren Kollegen der Schulmedizin. 

Doch diese Effekte wurden in der neuen Analyse von Santésuisse eliminiert. Unterschiede in der Patientenstruktur bezüglich Alter, Geschlecht, Franchise und chronische Krankheiten seien herausgerechnet worden, heisst es dazu.

Bei einer vergleichbaren Zusammensetzung der Patienten hätten Komplementärmediziner im Durchschnitt somit «deutlich höhere Kosten in der Grundversicherung als Schulmediziner». Dementsprechend würden die Alternativmediziner «bei der Wirtschaftlichkeitsprüfung auch häufiger als unwirtschaftlich oder statistisch auffällig erscheinen».

Ob die Ärzte mit Konsequenzen rechnen müssen, ist offen

Wie hoch die Gesamtkosten sind, welche die Komplementärmedizin im Schweizer Gesundheitswesen verursacht, lässt sich nur schätzen – auszugehen ist von jährlich mindestens 50 Millionen Franken. Darin eingerechnet sind allerdings auch jene Kosten, die von den Zusatzversicherungen getragen werden, also im Endeffekt nicht alle Prämienzahler belasten.

Ob die Resultate aus der Analyse für die teureren komplementärmedizinischen Ärzte Konsequenzen haben werden, ist noch offen. Ein Mediensprecher von Santésuisse sagt dazu bloss: «Wir nehmen die Ergebnisse interessiert zur Kenntnis.»

Erstellt: 17.12.2018, 08:26 Uhr

Artikel zum Thema

Was steckt denn nun drin, in dieser chinesischen Medizin?

In der Schweiz vertriebene Arzneien weisen riesige Unterschiede in der Dosierung von Inhaltsstoffen auf, wie eine neue Studie enthüllt. Mehr...

«Wir lassen uns viel zu viel gefallen»

Interview Der Kritiker der Alternativmedizin, Edzard Ernst, berichtet in seiner Autobiografie über wirkungslose Heilmethoden, Intrigen und den Kampf gegen einen Schlangenölverkäufer namens Prinz Charles. Mehr...

Drei Dinge lernen vom Krebspatienten

Analyse Conradin Döbeli hat seine Therapie selbst in die Hand genommen – und damit etwas erreicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...