«Ich bin krank vor einem Spiel. Ich leide»

Bernard Challandes (68) hätte nie gedacht, dass er einmal Trainer würde. Jetzt ist er es seit 42 Jahren – und seit 2018 Nationalcoach von Kosovo.

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Es liegt am Ende der Welt, doch wenn das Ende so aussieht, ist es eine schöne Welt: La Chaux-du-Milieu, ein Bauerndorf, 495 Einwohner. Idyllisch ist es hier, im Neuenburger Jura auf 1100 m über Meer, im Vallée de la Brévine, wo es im Winter sibirisch kalt werden kann. Jetzt ist es Frühherbst, der Himmel blau, Kühe weiden auf sattgrünen Wiesen. Ein Hund bellt manchmal, sonst ist es einfach ruhig.

Hier, im Weiler Les Gillottes, hat Bernard Challandes zusammen mit seiner Frau Anouk vor mehr als 40 Jahren Land gekauft, 2000 Quadratmeter gross, 50 000 Franken teuer. Zum Bauen hatten die beiden in der ersten Zeit kein Geld, und so fuhren sie aus dem nahen Le Locle immer wieder hierher, einfach um zu picknicken. Als sie wieder etwas gespart hatten, begannen sie zu bauen. Jetzt steht ein Haus mit grosser Küche und wunderbarem Garten. Ein Fussballtor ist aufgebaut, die drei Enkel spielen oft hier. Petrus tobt herum. Der australische Schäfer ist erst acht Monate alt.

«Canepa zahlte mir den Lohn aus, und den haben meine Frau und ich in unser Haus investiert.»

Challandes, 68 inzwischen, könnte das Leben geniessen, er tut es auch immer wieder. Aber er ist ein Getriebener des Fussballs. Es ist seine grosse Leidenschaft, 1977 hat er in St-Imier als Trainer angefangen. Viel hat er erlebt – aber so spannend wie jetzt ist es für ihn vielleicht noch nie gewesen. Seit März 2018 ist er Nationalcoach von Kosovo. Und Kosovo erstaunt die Fussballwelt. Hinter England kämpft es mit Tschechien aussichtsreich um die direkte Qualifikation für die nächste EM.

Im Job der Stress, zu Hause die Idylle: Bernard Challandes mit Petrus in seinem Garten. Foto: Adrian Moser

Wieso leben Sie hier, weit weg von der grossen Welt?
Ich wollte nie in einer Stadt wohnen, meine Frau auch nicht. Auch als ich beim FCZ war, wohnten wir auf dem Land, das war so schön. In diese Zeit fiel die Qualifikation für die Champions League, und im Frühjahr darauf wurde ich gefeuert. Er (Präsident Ancillo Canepa) zahlte mir die Hälfte meiner ausstehenden Löhne aus. Und dieses Geld haben meine Frau und ich in dieses Haus investiert.

Also hat es Canepa finanziert?
(lacht) Zum Teil, ja. Egal, wo ich arbeitete, ich wusste immer, dass ich hierher zurückkomme. Das ist das Haus der Familie, die vier Kinder schauen oft vorbei. Das ist mein Leben: ein sehr ruhiges mit der Familie und eines im Fussball, ein verrücktes halt.

Der Ort, wo Challandes seine Batterien aufladen kann. Foto: Fredy Wettstein

Ist Ihnen hier nie langweilig, gerade im Winter?
Nein, nie. Die Winter sind wunderbar, mit dem Licht, der Kälte, dem Schnee. Das Tempo als Nationaltrainer gefällt mir, ich habe Zeit, um aufzuladen. Wenn heute ein Club mich anfragen würde, würde ich fast sicher Nein sagen. Okay, Barcelona oder Manchester City nach Guardiola oder Liverpool nach Klopp – warum nicht?

Was meinen Sie mit «Tempo»?
Es ist besser für mich, besonders in meinem Alter, nicht alle drei Tage ein Spiel zu haben. Im Club brauchst du so viel Energie, jeder Tag ist ein Kampf, jeden Tag gibt es Probleme. Im Nationalteam gibt es nur vereinzelt diese starken Momente – mit Pressekonferenzen, mit Spielen…

Das Video von sich haben Sie sicher gesehen, wie Sie zuletzt vor dem verblüffenden 2:1 im EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien die Taktik erklärten. Sie waren wie ein Vulkan.
(lacht) Ich erklärte, was für ein Spiel das wird, was für ein «crazy game». In Kosovo rede ich immer Englisch. Ich sagte: «Wir müssen etwas Spezielles machen!» (er wird laut) Die Journalisten fragten: «Wer spielt?» Ich sagte: «Das sage ich nicht.» Nächste Frage: «Ja, aber Zhegrova spielt? Und Berisha von Lazio?» Ich sagte: «Leute, es ist nicht wichtig, wer spielt, ob Zhegrova oder Amstutz. Wichtig ist, wie sie spielen. Ich will ein ‹crazy game›, ein ‹Go›, ein ‹Return›, wir müssen pressen, gegenpressen. Go, return, go, return!»

Challandes pur.
Vielleicht. (Auf einmal: «Non, Petrus! Petrus! Du bleibst da!» Und erklärt: «Einmal attackierte ihn eine Katze, und seither ist er aufgeregt, wenn er eine sieht.»)

Hier fängt Kosovo-Trainer Bernard Challandes Feuer. (Video: AP)

Welche TV-Sender empfangen Sie hier?
Nicht viele. Ich kann die Spiele vom Teleclub sehen, aber ich bin keiner, der wie verrückt Spiele schaut. Meine Spieler beobachte ich über Instat, das ist ein spezielles Programm. Jeden Montag habe ich Bilder von ihren Einsätzen in ganz Europa. Ich mache es wie die alten Leute: Ich nehme ein Papier und mache meine Notizen. Wir haben in Kosovo auch nicht viel Geld, um zu reisen. Und wenn ich irgendwohin gehe, nach Norwegen oder England, brauche ich zwei Tage und habe nur einen Spieler beobachtet.

Wie führen Sie Ihre Mannschaft?
Ich habe den Spielern gleich am Anfang klargemacht: Wer ein Aufgebot erhält, akzeptiert seine Rolle. Das kann auf der Tribüne sein oder als Ersatz. Und fertig. Wer nicht damit leben kann, muss gar nicht erst kommen. Ich mag nicht jedes Mal erklären, warum zwölf nicht spielen. Ich sage den Spielern: Ihr seid alle gut, und ich respektiere jeden, aber ich muss die Mannschaft aufstellen. Und wenn ich das schlecht mache…

...werden Sie entlassen?
Dann muss ich gehen, ja. Mir ist die klare Regelung auch wegen der Kultur in Kosovo so wichtig. Es gibt viel Druck von den Familien.

Challandes ist froh, mit der Familie im Jura einen Rückzugsort zu haben. Foto: Fredy Wettstein

Wieso? Weil sie Einfluss nehmen wollen, wer spielt?
Puuuh. Es ist unglaublich. Und mit den Familien kommen auch noch die Agenten.

Wieso sind Sie überhaupt nach Kosovo gegangen?
Ich habe das Potenzial gesehen, das ist ein erster Grund.

«Wenn ich ­einmal sage: Ach, England ist so stark, England siegt, dann muss ich aufhören!»

Obwohl die Mannschaft in der letzten WM-Qualifikation nur gerade einen Punkt gewann?
Sie haben auch nur 3 Tore geschossen, dafür 24 erhalten. Aber all diese Spieler sind Kinder von Eltern, die während des Krieges ins Ausland flüchteten – nach Norwegen, Schweden, Dänemark, Österreich, in die Schweiz. Und da bekamen sie eine gute fussballerische Ausbildung. Aber im Nationalteam bildeten sie keine Einheit.

Sie sahen also das Potenzial. Und was noch?
Der zweite Grund ist die Nations League. Ich dachte: Gegen Aserbeidschan, die Färöer und Malta können wir die Gruppe gewinnen und uns so für die nächste EM qualifizieren. Ich habe den Spielern gleich beim ersten Zusammenzug gesagt: «Das ist unser Traum! Eine EM – das wäre etwas Unglaubliches für ein Land, das noch so jung ist.»

In Ihren 15 Spielen als Coach hat es nur eine Niederlage gegeben, zuletzt beim 3:5 in England. Wie haben Sie das geschafft?
Das Problem vorher war, dass die Defensive keine Bremse vor sich hatte. Die Stürmer dribbelten und dribbelten, verloren den Ball und blieben stehen. Ich zeigte der Mannschaft viele Bilder von Manchester City, von Liverpool und einmal auch von Brasilien, wie die elf Spieler, alle elf!, innerhalb von wenigen Metern standen, um zu verteidigen. Und das in einem Freundschaftsspiel gegen Tschechien. Meine Mannschaft hat das alles gut aufgenommen. Wir kriegen kaum noch Tore, abgesehen von England.

Müssen Ihre Spieler nur noch verteidigen?
Nein! Ich wollte ihre offensive Kultur, diese Zirkuskultur, unbedingt behalten. Die Leute wollen das auch sehen: Wenn einer dreissig Meter vor dem eigenen Tor dem Gegner einen Tunnel macht, schreien in Pristina alle schon: oh, oh! Und ich denke: Terrible.

Beim FCZ sind gleich drei Ihrer Spieler engagiert: Hekuran und Mirlind Kryeziu sowie Benjamin Kololli. Sie sind alle in der Schweiz geboren. Wie sehr identifizieren sie sich mit dem Nationalteam, mit Kosovo?
Das sind alles gute Spieler, aber in der Schweiz waren sie nie ein Thema für die Nationalmannschaft. Dabei ist eine Nationalmannschaft wichtig für einen Spieler, damit er international auftreten kann. Erst dann denkt er an das Land, für das er spielt.

Wirklich?
Mit den positiven Ergebnissen sind die Spieler in Kosovo Stars geworden. Die Nationalmannschaft ist eine grosse Vitrine für sie. Dank ihr kam Vedat Muriqi zu Fenerbahce, jetzt wird er schon mit Tottenham in Verbindung gebracht. Oder Mergim Vojvoda, er machte ein Superspiel gegen Dänemark und konnte darum von Mouscron zu Standard Lüttich wechseln. Die Scouts sind jetzt da, wenn wir spielen.

Eine Zeitung in Kosovo schrieb bereits, für Sie müsse ein Denkmal errichtet werden.
(lacht) In dieser Region sind Denkmäler schnell gebaut, aber auch schnell wieder kaputt. Ich habe kürzlich den Schweizer Botschafter in Pristina gesehen, er kommt aus La Chaux-de-Fonds. Er sagte: «Für Kosovo sind diese Erfolge im Fussball wunderbar, das ist wichtig für die Menschen, das macht sie stolz, weil man gut vom Land spricht.» Man hat in der Schweiz ja nicht immer ein gutes Bild von den Kosovaren. Es gibt Vorurteile. Ich sage, ich bin sehr glücklich, mit diesen Spielern zu arbeiten.

Bevor Sie Nationaltrainer wurden, führten Sie als Scout des FC Basel ein ruhiges Leben.
Ich reiste, ich schaute Spiele. Ich war sehr glücklich, weil ich es liebe, im Stadion zu sein. Aber ich habe mir keine Pläne gemacht, ich habe nie gedacht: Diese Arbeit mache ich bis 65, und dann bin ich Rentner. Dann ist eben Kosovo gekommen, und ich habe mir gesagt: Wieso nicht?

Haben Sie mit 68 den Vorteil, keine Rücksicht auf irgendwen nehmen zu müssen?
Die Zukunft ist in meinem Alter kein Problem. Mit 40 ist das anders, wenn ein Trainer unbedingt gewinnen muss, um den Job zu behalten. Dann muss er Konzessionen machen. Ich muss das nicht. Und wenn es nicht weitergeht, komme ich hierher zurück und geniesse das Leben.

Was ist das Schöne an Ihrem Beruf?
Vielleicht überrasche ich, wenn ich das so sage. Aber für mich bedeutet die Arbeit mehr Leiden als Jubeln.

Wir sind überrascht.
Anouk weiss, wie ich bin (seine Frau sitzt mit am Tisch). Ich bin krank vor einem Spiel. Ich leide.

Bedeutet «leiden», dass Sie zweifeln?
Das gehört dazu. Habe ich alles gemacht? Habe ich die richtigen Spieler gewählt? Die richtige Taktik? Bei mir dreht sich nicht nur alles im Kopf. Ich leide auch körperlich. Damals, die Champions League mit dem FCZ. Das war nur ein Leiden. Ich kann gar nicht sagen, wie die Kabinen im Bernabéu oder in Mailand sind. Keine Ahnung! Ich stehe an der Linie und sehe, wie Ronaldo jedes Mal den Ball nimmt. Und ich, ich bin nur so (er beisst auf die Zähne und zieht eine Grimasse). Das ist doch paradox. Denn mein Job ist vielleicht der schönste für einen, der den Fussball so liebt wie ich.

Nach 42 Jahren in diesem Beruf sollten Sie sich doch daran gewöhnt haben.
Ich bin von hier, vom Land, ich habe nie daran gedacht, einmal Trainer zu werden. Ich war Lehrer an der Ingenieurschule und spielte daneben Fussball. Kollegen aus St-Imier sagten mir: «Wir haben keinen Trainer mehr. Mach du den Spieler-Trainer.» Nach drei Spielen hatten wir einen Punkt. Ich sagte: «Okay, fertig. Das ist nichts für mich.»

Vor Challandes' Garage. Foto: Fredy Wettstein

Aber Sie sind geblieben…
...ja, und wir fingen an zu gewinnen. Ich war schon damals ein wenig verrückt. Wir trainierten mehr als die anderen, wir assen vor dem Spiel zusammen, wir gingen manchmal in der Nacht vor einem Spiel ins Hotel. In der 2. Liga! Die Spieler sagten: «Wir sind nicht Real Madrid.» So bin ich immer gewesen, schon in der Schule. Ich habe mir immer Sorgen gemacht, ob alles gut kommt.

Wie waren Sie denn als Spieler?
Nicht so schlecht. Aber ich hatte so viele negative Emotionen. Der erste Pass war nicht gut, und ich brach innerlich schon zusammen. Vor einem Spiel war ich fast zufrieden, wenn der Trainer sagte: «Bernard, Nummer 12.»

Diese Angst vor dem Versagen, haben Sie die heute noch?
Ja. Ich bin überzeugt, nur so kann ich kompetitiv sein. Wenn ich einmal sage: Ach, England ist so stark, England gewinnt, das ist nicht so schlimm – wenn ich das sage, dann muss ich sofort sagen: Stopp! Aufhören!

Wann können Sie denn den Fussball geniessen?
Beim Training, bei taktischen Übungen. Trainer zu sein, ist ja etwas Wunderbares. Ich habe einen guten Lohn, und ich bin nie arbeitslos gewesen, in 42 Jahren nicht. Es ist immer etwas Neues gekommen.

Mit 68 sind Sie manchmal wild und verrückt wie ein 20-Jähriger…
...das bin ich…

...aber irgendwann kommt auch für Sie das Ende.
Im Moment habe ich nur eines im Kopf: Wir können das Wunder schaffen und mit Kosovo an die nächste EM gehen. Dann ist 2020, und ich bin fast 70. Okay, dann soll es fertig sein.

Und wenn Sie nicht mehr Trainer sind?
(Seine Frau schaltet sich ein: «Er würde sehr bald unruhig werden.» Dann er:) Ich werde mit unserem Hund spazieren, Pilze suchen, mit den Enkeln spielen, manchmal einen Absinth trinken. (Seine Frau lacht. Dann er ernsthaft:) Aber klar, ich brauche dann Zeit für den Entzug.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 23.09.2019, 21:03 Uhr

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