80 Euro Trinkgeld? «Ganz normal» in Rom

In einem Restaurant sind zwei jungen Japanerinnen für Pasta mit Fisch und Wasser 429.80 Euro verrechnet worden.

In Rom gelten Asiaten als besonders kaufkräftig, höflich und nicht sehr sprachgewandt – und werden deshalb oft ausgenutzt. Foto: Getty Images

In Rom gelten Asiaten als besonders kaufkräftig, höflich und nicht sehr sprachgewandt – und werden deshalb oft ausgenutzt. Foto: Getty Images

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Fünfzig Meter noch, eine Brücke, dann kommt die Engelsburg. Sie steht da vorne im sanften Herbstlicht, eine wuchtige Zeugin ­ferner Zeiten. Da zieht es alle hin, den ganzen reissenden Fluss der Touristen, der sich durch Rom wälzt, von der Piazza Navona über den Tiber und rüber zum Petersplatz.

Die Chinesen etwa, es sind jedes Jahr mehr. Sie kaufen in den Läden anderer Chinesen Andenken, billigen Kram, kleine Kolosseen aus Kunstharz zum Beispiel, die aus China eingeflogen ­wurden. Das englische Paar trägt Strandlatschen, als wäre es immer Sommer – muss ja, im Süden. Auch eine Schulklasse aus Frankreich ist da, seltsam still.

Die Quittung ging viral

An der Via del Banco di Santo Spirito kommen sie alle am Antico Caffè di Marte vorbei, einem unscheinbaren Lokal. Neulich aber machte es weltweit Schlagzeilen, prominent und ­zweifelhaft. Zwei japanische Touristinnen hatten da, wie sie sagen, für zwei Teller Spaghetti mit etwas Fisch in ­Folie und eine Flasche Wasser 429.80 Euro bezahlt. Darin enthalten waren 80 Euro Trinkgeld. Sie posteten den Kassenzettel auf Facebook, das Foto ging schnell viral. Eine Touristenfalle sondergleichen.

80 Euro Trinkgeld? Das sei normal, sagt der Betreiber des Antico Caffè di Marte. Es gebe noch «viel, viel höhere».

«Das ist die Version der Japanerinnen», sagt Sandro Rullo, ein Mann mit auffällig buntem Schal und verrauchter Stimme. «Die Medien hatten ihre Freude.» Der Italiener führt das Lokal, dessen Eigentümer ist ein Chinese. Die Globalisierung treibt nun mal erstaunliche Blüten. Das Antico Caffè di Marte ist ein Restaurant mit wenigen Tischen und bordeauxroten Papierservietten. Früher war es eine Bar. Die lange Theke wurde einfach stehen gelassen, mitten im Saal, sie nimmt viel Platz ein. Immer mehr Bars in Rom wandeln sich zu Restaurants, über Nacht – die Margen sind viel höher.

Gleich neben dem Eingang, gut sichtbar für die Passanten, steht ein Glaskasten mit dem täglichen Angebot an Fischen und Krusten­tieren – «fresh». Heute liegen da zwei Seebarsche, ein Steinbutt und ein Haufen Scampis. Rullo ist stolz darauf: «freschissimo». Zwei Kellner stehen ebenfalls da, sie sollen die Touristen ins Lokal locken. Die Italiener haben dafür einen hübschen Begriff: buttadentro – Reinschmeisser.

Die Stadt ist berüchtigt

Das Antico Caffè di Marte öffnet schon morgens um 7 Uhr, serviert Pilgern Frühstück, später Mittagessen, Spritz zum Aperi­tivo und anschliessend Abendessen bis spät. Reinschmeissen, rund um die Uhr.

Die beiden jungen Japanerinnen schauten am Mittag vorbei: 14 Uhr. So steht es auf dem sonst informationskargen Scontrino pazzo, dem verrückten Kassenzettel, wie die Italiener immer ­sagen, wenn wieder ein Gast besonders dreist reingelegt wurde. Nicht selten trifft es Asiaten, oft Japaner. In der pauschalen Wahrnehmung sind Japaner besonders kaufkräftig, höflich und nicht sehr sprachgewandt.

Die italienische ­Satiresendung «Striscia la notizia» auf Canale 5 führt die Fälle immer gerne nach, empört und belustigt zugleich. Mal waren es 82 Euro für zwei Hamburger und zwei Kaffees, mal 204 Euro für Chicken-Wings und Pommes. Rom ist berüchtigt. Aber 429.80 Euro?

Gewerbeverband alarmiert

Sandro Rullo erzählt, die Japanerinnen hätten eben auch eine Fischplatte vom Grill bestellt, eine Auswahl aus dem Glaskasten. Es steht Aussage gegen Aussage, ohne Aussicht auf Auflösung. Beim frischen Fisch bezahlt man nach Gewicht, so steht es auf der Speisekarte.

«Vielleicht dachten sie, das ­koste 200 Euro, jetzt kostete es halt 400», sagt Rullo und bemüht einen nicht ganz artverwandten Vergleich: «Wenn du in ein Sportgeschäft gehst und das neueste Modell von Nike willst, kostet das nicht 120 Euro, sondern 200.»

Trinkgeld sei freiwillig, sagt Rullo, beim Zahlen frage er die Kunden jeweils, ob sie lieber 10 oder 20 Prozent geben wollten. 80 Euro sei da ganz normal und gar nicht so viel, es gebe «viel, viel höhere» Trinkgelder.

Der Fall beschäftigte auch den römischen Gewerbeverband, es wird natürlich um den Ruf der ganzen Branche gebangt. «Wir haben nachgerechnet», erläutert Luciano Sbraga, Vizedirektor und zuständig für Restaurants und Bars. «Bei diesem Preis müssten die Japanerinnen zusammen etwa fünf Kilogramm Fisch gegessen haben. Und das ist nun wirklich schwerlich möglich, wenn nicht ganz unmöglich.» In einem Restaurant mit korrekter Bedienung, sagt er, erfahren die Gäste ­Gewicht und Preis des Fisches, bevor er auf dem Grill landet.

Das Trinkgeld sei unerhört. In Italien darf kein Trinkgeld verlangt werden, die massgeblichen Reglemente verbieten es. Sbraga rät Touristen dringend zu vermeintlich banalen Reflexen, etwa: Speisekarten im Aushang stu­dieren, wunderlich überrissene Rechnungen zurückweisen, im Zweifelsfall die Polizei rufen, eher Restaurants ausserhalb des historischen Zentrums wählen.

Mehr Tipps möchte Luciano Sbraga nicht geben, sein Verband hat schliesslich viele Mitglieder, alles Gastgeber. Das Antico ­Caffè di Marte gehört allerdings nicht dazu.

Lohnt sich das Warten?

Touristenfallen sieht man es nichtunbedingt an, dass sie solche sind. Ein paar Grundregeln gibt es aber schon – alle mit ­Ausnahmen. Zu meiden sind Lokale, vor denen Wartende Schlange ­stehen, auch wenn die Kellner den Anstehenden neuerdings Prosecco in Plastikbechern reichen. Solche Lokale müssen nicht ­zwingend schlecht sein. Aber sind sie tatsächlich so gut, wie es ausländische Influencer ihren Followern glauben machen? Römer jedenfalls stehen nicht Schlange, wenn sie nicht müssen.

Trattorie mit ­Reinschmeissern wiederum brauchen genau das: Reinschmeisser. Besser ignorieren. Rot-weiss karierte Tischtücher sind selten ein Zeichen für ­echte Tradition, sondern eher eines für billige Folklore. Lokale, die ihre prominentesten Gäste fotografieren und die Bilder gerahmt an die Wände hängen, sind ­hingegen oft wunderbar.

Das Antico Caffè di Marte hat Bilder von Rom an den Wänden hängen, ziemlich kitschige. Es ist aber wieder gut besetzt, schon um 11.30 Uhr ist das Lokal halbvoll. «Drei Tage lang war es schwierig», sagt Rullo. «Da kamen mehr Reporter als Kunden.» Jetzt aber, behauptet er, laufe es so gut wie nie zuvor.

Erstellt: 01.11.2019, 18:56 Uhr

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