Und dann ertönt der «Sechseläutenmarsch» in London

Die Zunft zur Waag reist nach England, um die Einsetzung des repräsentativen Bürgermeisters von London zu feiern. Mit dabei: der Böögg.

Ruht sich vor der Parade aus: Der Mini-Böögg in seiner «Kutsche». Foto: Andrea Zahler

Ruht sich vor der Parade aus: Der Mini-Böögg in seiner «Kutsche». Foto: Andrea Zahler

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Der «Sechseläutenmarsch», wirklich? Hier und jetzt? Samstag, 9.02 Uhr, die Musik der Stadtpolizei Zürich spielt das erste kleine Konzert des Tages, drei Stücke, zuerst den «Gruss an Bern», dann «Jubilissima», zum Schluss den «Sechseläutenmarsch». Jetzt hats wohl den einen oder anderen verjagt im Bett, in diesem Hotel mitten in der Londoner City mit der grossen Halle, sieben Stockwerke hoch. Glas auf allen Seiten sorgt für eine wuchtige Akustik. Von der Galerie oben filmen die Leute am Frühstückstisch, andere schieben die Vorhänge der grossen Fenster zur Seite. Ihr ­Gesichtsausdruck ist durch die getönten Scheiben nicht zu erkennen. Aber gibt es eine charmantere Art, geweckt zu werden, als durch «unseren» «Sechseläutenmarsch»?

Aus den Glasliften treten die Zünfter mit ihren historischen Gewändern in die Lobby. Manch einer ist an diesem Morgen froh um seine Uniform, das weisse Hemd lässt einen frischer aussehen, als man ist. Es war ein langer Abend gestern, für die Angehörigen der Waag, die Zünfter und ihre Frauen, die Musikerinnen und Musiker. Sie alle sprechen von einer einmaligen ­Sache, die sie hier erleben dürfen. Sie wissen: Auch der heutige Tag wird lang.

3 Tage, 41 Programmpunkte

Der Zunftmeister jedenfalls, Philippe Welti, bleibt sitzen, als der «Sechseläutenmarsch» erklingt, die Hymne der Zürcher Zünfte. Darf man das? «Bei der Waag schon», meint sein Vorgänger René Kalt. Er ist vielleicht der wichtigste Mann des Wochenendes, das offizielle Programm der dreitägigen Reise sagt viel darüber aus, wie Kalt funktioniert. Zwischen Freitag, 5.30 Uhr (Check-in Kloten), und Sonntag, 19.45 Uhr (Ankunft Kloten), stehen 41 Punkte. Und da ist auch noch das inoffizielle Programm: Besuch hier, Konzert da, spontane Änderungen dort.

Am Freitag ist der Lord Mayor der City of London, das repräsentative Oberhaupt der Londoner Innenstadt, in sein Amt eingesetzt worden. Am Samstag fand ihm zu Ehren ein grosser Umzug statt – und mitten in dieser Parade die Delegation der Waag. Rund 110 Angehörige der Zunft, davon 30 Jungzünfter, 70 Musiker der Polizeimusik Zürich Stadt und ein kleiner Böögg reisten nach London, um William Russel die Ehre zu erweisen.

Ehrendamen, Fahnenträger, Zylinder, alles da: Die Zunft zur Waag schreitet am Samstag feierlich durch London. Foto: Andrea Zahler

Der Banker ist für ein Jahr im Amt, 800 Reden, heisst es, wird er in dieser Zeit halten. Schon am Samstagabend, als er von der Ehrentribüne winkt, sieht er müde aus. Die Macht, die ihm sein Amt verleiht, ist gross und alt (800 Jahre) und wiegt schwer. Nur die Queen steht über ihm, und selbst sie muss ihn um Erlaubnis fragen, möchte sie die City – diesen kleinen, wichtigen, finanzstarken Flecken Londons links der Themse – betreten; Russel wird sie dann an der Brücke, an der Ihre Majestät einzureisen wünscht, in Empfang nehmen. Gewählt wird er von einem Gremium bestehend aus den Vertreterinnen und Vertretern der Livery Companies. Eine dieser Zünfte, die Company der Felt­maker, also Hutmacher, ist den Zürchern von der Waag sehr verbunden. Man pflegt eine Freundschaft, die Londoner kommen jeweils ans Sechseläuten, und jetzt, da ein Mitglied der Feltmaker Lord Mayor wird, reisen die Zürcher nach London.

Wie sehr man sich verbunden ist, erzählt die Geschichte von Sir Robert Finch. Die Liebe des Alt-Lord-Mayor, 2016 verstorben, zum Sechseläuten ging so weit, dass er im Frühjahr 2010, als wegen des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull die Flüge zwischen London und Zürich ausfielen, mit dem Zug bis Paris fuhr und von da mit einem Taxi nach Zürich.

Musik als Entschuldigung

Die Zürcher ihrerseits sind gut vorbereitet, wissen um die Liebe des Lord Mayor zum FC Liverpool. Das Zunftspiel steht am Freitagnachmittag im Innenhof der Guildhall, dem Rathaus der City. Weisse Hemden, blauer Schurz, beiger Hut, die beiden Ehrendamen in der Tracht halten einen Blumenstrauss, die beiden historisch gekleideten Stadtpolizisten stehen am Karabiner stramm. «You’ll Never Walk Alone». Sie haben die Clubhymne Liverpools einstudiert, um dem Lord Mayor eine Freude zu machen.

Nebenan stehen einige Briten, mit ihren golden gesäumten Umhängen strahlen sie Reichtum aus, Tradition auch, dann sind da noch die Zepter, Medaillen, der Dreispitz auf dem Kopf. Etwas undiszipliniert sind die Herren dennoch. Sie werden später gemassregelt von einem noch reicher verzierten Mann, «we were enjoying the music», sagen sie dann entschuldigend, weil sie zu spät in die Guildhall schritten.

Passt zusammen: Die weissen Instrumente der Zürcher Musiker vor einem roten Londoner Bus. Foto: Andrea Zahler

Der Lord Mayor of London steigt aus seinem Rolls-Royce. Kaum Publikum ist da. Vier Motorräder der Polizei haben die Kolonne von vier Wagen in den Innenhof geleitet, jetzt stehen die Polizisten am Rand des Platzes und blicken ernst. Sie sind vier von den mehr als 1000 Polizisten, die dem Lord Mayor unterstellt sind. Der grosse Rest Londons hat eine andere Polizei.

Schweizer und Zürcher Fahne flattern im kühlen Wind, der Lord Mayor macht ein ernstes Gesicht. Die Musik spielt feierlich, der Liverpool-Fan singt leise in sich hinein, «walk on, walk on; with hope in your heart; and you'll never walk alone». Russel ist bald auf dem Weg zur Silent Ceremony, die mit den Fellmützen und den Perücken sind ebenso im Gebäude verschwunden. «Das ging jetzt aber schnell», sagt eine Musikerin.

Unweit steht die Kutsche des Lord Mayor in ihrer Garage aus Glas. Rot und Gold dominieren das Gefährt mit Jahrgang 1757, alles funkelt und glänzt, die schwarzen Sättel sind mit Gold gefasst, die weissen Peitschen der Reiter liegen auf blauem Samt. Einmal im Jahr werden die sechs besten Pferde der Stadt vor den Wagen gespannt; Am Samstag ist es wieder so weit. Die BBC überträgt die Parade auch dieses Jahr, 10.45 Uhr bis 12.05 Uhr, live.

Früher offizieller, heute inoffizieller Botschafter: Zunftmeister Welti. Foto: Andrea Zahler

Es ist irgendwie nicht der Tag der Zunftmusik. Das erste Konzert beim Tower, Punkt 5 in René Kalts Programm, fällt aus. Der Flug am Morgen früh war verspätet gestartet. Jetzt stehen die Musiker unter der London Bridge, es ist dunkel und kalt und die Gittertür geschlossen. Die falsche Seite der Brücke, wird sich herausstellen. Aber ­alles kommt gut.

Livery Style Dinner in der Fishmongers Hall, der Heimat der Gilde der Fischhändler, unschwer zu erkennen am riesigen Leuchter im Entree, einem Schwarm goldener Fische. Zur Einstimmung ein paar Takte Musik und ein Glas Champagner. Die Waag wagt den Spagat: Man ist sowohl Gast als auch Gastgeber. Zu Gast in London, lädt man hier zum Dinner.

«Der Engländer versteht es, selbst beim strengsten Protokoll stets
humorvoll zu bleiben.»
Philippe Welti, Zunftmeister Zunft zur Waag

Auch der Schweizer Botschafter und seine Gattin sind auf der Gästeliste, ebenso einige frühere Lord Mayors, Toastmaster Ted Prior wird sie – wie alle anderen Gäste – persönlich ankündigen, bevor sie den Saal betreten. Prior ist ein angenehmer und charmanter Schreihals. Seine Stimme begleitet durch den Abend, laut und deutlich und freundlich. Und auf dem grössten Stuhl in der Mitte thront dann der Gastgeber, der Zunftmeister aus Zürich. Die Freundschaft der Zünfte aus den beiden Städten reicht bis in die 80er-Jahre zurück, sie ist 2003 wieder aufgelebt, als eine riesige Delegation aus verschiedenen Zürcher Zünften nach London reiste.

Manchem Zürcher Zünfter dürfte es vorgekommen sein, als hätte er einen Abend lang den Boden nicht ganz unter den Füssen. Der Teppich in der Fishmongers Hall ist derart weich, das Gebäude pompös und äusserst reich an Kunst. Im Treppenhaus hängt ein Porträt von Queen Elizabeth II, gemalt von Piero Annigoni, datiert auf 1955. Es gilt als eines der besten Gemälde der Monarchin, die bei Malern für ihre Ungeduld gefürchtet sei, wie Gillian Yarrow, die Meisterin der Feltmaker, erzählt. Der Queen gegenüber blickt George II streng in die Welt, unten gibt es ein Porträt des jungen Prince Charles, voller Zuversicht blickt er in die Zukunft. Das war 1983.

Später am Abend wird der Lord Mayor vorbeischauen, seinen Dank für den Zürcher Besuch und das Spiel am Nachmittag überbringen, «what a wonderful effort», und versprechen, an der morgigen Parade den Zünftern besonders freundlich zuzuwinken.

Englisch trinken verbindet

Es ist ein Abend ganz nach englischer Sitte, durch den Toastmaster Ted Prior führt. Mit einem Hammer bittet er jeweils um Ruhe für die Reden des Abends, für den Toast auf die Queen, jenen auf die königliche Familie. Dann hämmert Prior an den Türrahmen oder auf das kleine Rednerpult und sagt den Auftritt des Lord Mayor an, macht die Gesellschaft auf das nächste Ritual aufmerksam, den Loving Cup etwa, bei dem alle aus demselben Becher Wein trinken.

Immerhin: Am Kelch ist ein Tuch befestigt, mit dem man den Trinkbecher reinigt, bevor man ihn weitergibt und dann Rücken an Rücken steht, um den nächsten Trinkenden, die nächste Trinkende zu decken. Der Loving Cup soll die Freundschaft zwischen London und Zürich stärken. In jeder Rede wird die Verbundenheit stets aufs neue betont, die «Sunpft sur Waag», wie sie die Engländer nennen, wird am kommenden Sechseläuten die Feltmakers bei sich zu Besuch haben. «Wir freuen uns.»

«Der Engländer versteht es», sagt Philippe Welti am Samstagmorgen beim Frühstück, «selbst beim strengsten Protokoll noch humorvoll zu sein.» Man halte sich zwar genau an die Abläufe, folge der Tradition penibel, aber ohne dabei steif zu sein. Der Zunftmeister war Teil der Delegation, die am Freitag bei der Vereidigung des Lord Mayor dabei war. Sehr formell habe er diese empfunden, «aber doch mit einer menschlichen Wärme». Welti war bis 2011 Botschafter, zuletzt in Indien, zuvor vertrat er fünf Jahre die Interessen der Schweiz und der USA in Teheran – der Mann hat einiges erlebt, so etwas wie hier in London erlebt auch er zum ersten Mal.

Fünf Minuten mit den Zürchern: Der Lord Mayor am Freitagabend. Foto: Andrea Zahler

Der Zunftmeister ist ein wandelndes Zunftlexikon. Er erzählt von «ewigen Zunftmeistern», die dreissig Jahre im Amt waren, von solchen, die im Amt verstorben sind, und an die eine oder andere Kampfwahl kann er sich auch noch erinnern. Seine Zunft beschreibt er als offen, eine Gruppe von guten Freunden. «Dass wir in Zürich nichts mehr zu sagen haben», sagt Welti, «bringt auch mit sich, dass man sich nicht reinreden lassen muss.» Er spricht sogar von Vereinsmeierei.

Ganz anders in London: Hier haben die Guilds eine politische Bedeutung, ihr Einfluss ist grösser, sie sorgen sich um das Wohl ihrer Stadt, unterstützen Schulen und Universitäten und gemeinnützige Organisationen finanziell. Charity ist wichtig – und ein Mittel, die Macht zu sichern. Es gibt immer wieder neue Zünfte, weil man niemanden ausschliessen will.

«Die City of London ist ein eigenartiges Konstrukt», sagt Marshal Graham. Historisch begründet, aber eben auch ein bisschen «strange», findet er. Die in der City hätten irgendwann begonnen, für ihr eigenes Wohl zu sorgen, mit den Gilden sei es dann darum gegangen, sich Einfluss zu bewahren. Graham, der aussieht, wie ein Engländer im Comic, mit grossen Augen und vorgeschobenem Kinn, trägt einen langen grauen Mantel, einen Säbel, seine lackierten Stiefel glänzen. Nein, das sei keine historische Uniform, sagt der britische Soldat und lacht, das sei einfach seine Uniform.

«Die BBC überträgt live, die werden über uns berichten. Also: Macht eine Gattung!»Robi Naville, Zugchef Zunft zur Waag

Graham ist dafür verantwortlich, dass die Zunft zur Waag gut durch den Umzug kommt. Nummer 44 von 143 Gruppen. 7000 Menschen, die in gut einer Stunde die Route durch die Innenstadt zurücklegen müssen.

Da laufen ganze Armeeeinheiten mit, solche in historischen Kostümen und solche mit modernen Waffen, Militärmusiken spielen, Formationen mit und ohne Dudelsack. Kasachstan wirbt um Touristen, Ruanda auch, Banken werben um Kunden, Universitäten um Studenten und die Armee immer wieder um neue Soldaten. Von alldem bekommen die Zünfter nicht viel mit, dafür haben sie die Gelegenheit, in der kurzen Mittagspause mit der Hutmacherin der Königin zu plaudern.

Der Böögg fährt auch mit

Der Umzug zu Lord Mayors Ehren lässt sich auch zu Hause auf bbc.co.uk noch fast einen Monat lang bequem nachschauen. Da sieht man dann, wie Würdenträger aus den Kutschen winken, Kinder tanzen, die Müllabfuhr einen Roboter aus Mülltonnen tanzen lässt, wie der Lord Mayor in einer Hunderte Jahre alten Kutsche durch die Stadt fährt. Und natürlich auch, wie eine Gruppe Zürcher einen kleinen Schneemann auf einem klapprigen Leiterwagen durch die Strassen zieht. All das erfordert Disziplin. Grahams Sätze beim Einreihen in der kleinen Strasse vor dem Hotel beginnen stets mit «make sure that».

Es war schon kalt: Armeemusik mit Fellhut. Foto: Andrea Zahler

An die Disziplin appelliert Robi Naville bei seinem Briefing im Anschluss an den «Sechseläutenmarsch» am Samstagmorgen. Die Regeln sind einfach, dank Zugchef Navilles Trillerpfeife. Einmal pfeifen: Haltung! Zweimal: Hand an den Hut! Dreimal: Hut schwenken! «Die BBC überträgt live», sagt Naville, sie hätte bei René Kalt und ihm Informationen eingeholt, «die werden über uns berichten. Also: Macht eine Gattung!»

Und dann: Nur vier Sekunden Waag waren zu sehen in 80 Minuten Livesendung! Das nervt Robi Naville jetzt. Vier Sekunden. Es ist der Ärger eines müden, durchgefrorenen Zünfters, der bei Sonnenschein aufgestanden und am Ende durch den Regen marschiert ist. Er wird schnell verfliegen. Was bleibt stattdessen? Vielleicht die offiziellen Worte zum Abschied, gesprochen von Lady Gillian Yarrow, Master of Feltmakers: «Hipp, hipp! Hipp, hipp! Hipp, hipp!»

Erstellt: 10.11.2019, 22:02 Uhr

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