Indonesien ringt um seine Seele

Am Mittwoch wählen die Indonesier einen neuen Präsidenten. Es ist auch ein Rennen um die Stimmen konservativer Muslime. Das bekommen die Transgender im Vielvölkerstaat zu spüren.

Die Koranschule von Ibu Shinta in Yogyakarta bietet Transgendern einen geschützten Raum. Foto: Getty Images

Die Koranschule von Ibu Shinta in Yogyakarta bietet Transgendern einen geschützten Raum. Foto: Getty Images

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Shinta Ratri sitzt am Boden auf der Terrasse ihres Holzhauses, sie hat das grosse blaue Buch aufgeschlagen und rezitiert Zeile für Zeile. Ihr Arabisch ist etwas holprig, aber dafür hat sie ja ihren Lehrer. Er sitzt ihr gegenüber und verbessert sie geduldig, wenn sie bei der Sure irgendwo hängen bleibt.

Koranunterricht auf der Insel Java: Religionsschulen heissen in Indonesien Pesantren, es gibt Zehntausende davon im Inselstaat, sie unterweisen Millionen Kinder, aber auch viele Erwachsene im islamischen Glauben. Nur dass es die Schüler, die sich unter dem Dach von Shinta Ratri in der Altstadt von Yogya­karta versammeln, alles andere als leicht haben, sich mit der Lehre des Islam vertraut zu machen. Konservative Muslime protestieren, dass diese Menschen in ihrer islamischen Gemeinschaft nichts verloren hätten, sie ächten Leute wie Shinta Ratri als Sünder, was diese nicht verstehen kann. Wo sie doch alles tut, um eine gute Muslimin zu sein.

Einen Platz im Islam

Die 58-Jährige lässt sich von ihren Gegnern nicht beirren. ­Jedes Wochenende versammelt sie ihre kleine Gemeinde, die etwa 40 Mitglieder umfasst, wobei ein halbes Dutzend bei ihr wie in einem Internat wohnt. Ibu Shinta, wie sie alle nennen, ist eine Transfrau und leitet eine Koranschule für Transgender.

Soweit sie weiss, ist dies die einzige Einrichtung dieser Art in Indonesien, womöglich weltweit. Ibu Shinta erzählt das mit Stolz, sie klingt wie eine Pionierin. «Jeder Mensch hat doch ein Bedürfnis nach Spiritualität», sagt sie. «Und ich glaube fest daran, dass auch wir als Transgender einen Platz im Islam haben.»

Fast 90 Prozent der 268 Millionen Bewohner Indonesiens sind Muslime. Am Mittwoch wählen die Bürger des Vielvölkerstaates, der von der Insel Sumatra im Westen bis nach Papua im Osten reicht, einen neuen Präsidenten. Amtsinhaber Joko Widodo kam vor fünf Jahren als hemdsärmeliger Reformer und Star der Jugend an die Macht, er hat gute Chancen, sich eine zweite Amtszeit gegen den Herausforderer, Ex-General Prabowo Subianto, zu sichern.

Allerdings fällt auf, dass beide Kandidaten sehr darum ­bemüht sind, Stimmen unter konservativen Muslimen zu ­sammeln. Kein Politiker, der Mehrheiten in diesem Land erkämpfen will, kann es sich offenbar noch leisten, an der Religion vorbei Wahlkampf zu betreiben.

Politiker geben sich fromm

Alle führenden Politiker wollen als fromme Muslime wahrgenommen werden, sie haben verinnerlicht, dass sich mit religiösen Gefühlen Gefolgschaft mobilisieren lässt. «Der Islam ist ins Zentrum der Gesellschaft gerückt», sagt Munirul Ikhwan, ­Religionswissenschaftler an der Universität UIN in Yogyakarta. «Und die konservativen religiösen Strömungen sind stärker geworden.»

Für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender im Land bedeutet dies zunehmenden Stress und Unsicherheit. Es gibt immer wieder Hassattacken auf LGBT-Gruppen, auch wenn Ibu Shinta sagt, dass sie schon klarkommen werden. Ihr Holzhaus in der Altstadt wirkt wie ein Refugium. Sie kommen, um zu kochen, zu lernen und zu beten. Und um die Sorgen des Alltags zu diskutieren. Die Schule finanziert sich aus Beiträgen von Mitgliedern und Spenden.

Ablehnung und Hass

Jeden Sonntag kommt ein Religionsgelehrter, um sie in den ­Koran einzuweisen, manchmal bringt er Studenten mit, die mithelfen. So erfahren sie Zuspruch, sie haben das Gefühl, dazuzugehören. Aber das ist nur die eine Seite ihres Lebens, oft schlägt ihnen auch Ablehnung oder Hass entgegen. Die Schule wirkt damit wie ein Barometer, an dem sich der Grad der Toleranz ablesen lässt. Wenn dieser Unterricht überdauert, wäre das ein gutes Zeichen für den Pluralismus und auch den Rechtsstaat in Indonesien.

Aber die Gegner lassen nicht locker, was symptomatisch ist für diese Zeiten, in denen das konservativ-islamische Lager erstarkt. Der Vielvölkerstaat ringt um seine Seele, liberale und konservative Strömungen prallen aufeinander, auch und gerade in Yogyakarta, wo sich progressive Gruppen und die Zirkel muslimischer Hardliner belauern. Radikale wollen sich als Wächter des Islam hervortun, und sie versuchen dies, indem sie Stimmung machen gegen sexuelle Minderheiten. So tauchten vor der Wahl Hetzplakate und Hassbotschaften auf: «Es ist halal, wenn LGBT getötet werden», lautete eine.

Übergriffe verhindert

Für Ibu Shinta und ihre Schüler sind solche Anfeindungen nicht neu, besonders bedrohlich wurde es 2016, als Dutzende Radikale nach dem Freitagsgebet mit ihren Motorrädern vorfuhren und verlangten, die Schule müsse umgehend schliessen, weil sie alle sündigten. Gott habe nur Männer und Frauen erschaffen, behaupteten sie, Transgender könnten nie in den Kreis gläubiger Muslime gehören.

Die Polizei schritt ein und verhinderte Übergriffe, die Frau des Gouverneurs machte sich für die Schule stark, Menschenrechtler intervenierten, so konnte die Schule die Attacke abwehren. Aber der Schock sass tief, und die Sorgen sind nicht vergangen, auch wenn alle versuchen, gelassen damit umzugehen.

Der Koranlehrer Lolihul Amin al Ma’um ist ein Mann mit bedächtiger Stimme. Vor anderen muss er sich manchmal rechtfertigen, dass er herkommt, um die Transgender zu unterrichten. «Es gibt keinen Grund, diese Leute vom Islam auszuschliessen», sagt er. Schliesslich seien alle Menschen ein Geschenk Gottes. «Wer Transgender verfolgt, hat einfach nicht lange genug den Koran studiert», sagt der ­Gelehrte mit Blick auf die Hardliner.

Es tauchten Hetzplakate und Hassbotschaften auf: «Es ist halal, wenn LGBT getötet werden.»

Es sind aber nicht nur die lautstarken Randalierer, die gegen sexuelle Minderheiten Stimmung machen, selbst der höchste muslimische Rat Indonesiens stimmt ein in den Chor, er will vor allem Homosexuelle kriminalisieren. 2015 hat er in einer Fatwa gleichgeschlechtlichen Sex geächtet, in schweren Fällen sogar die Todesstrafe empfohlen. Allerdings ist nach indonesischem Recht Homosexualität nicht strafbar, eine Ausnahme bildet allein die ultrakonservative Provinz Aceh, wo die Scharia gilt und Schwule und Lesben öffentlich ausgepeitscht werden.

In Indonesien heissen die Transgender Waria, ein Begriff, der sich aus der Mischung der Wörter für Mann und Frau ergibt. In der javanischen Kultur hatten sie jahrhundertelang ihren Platz, sie übernahmen etwa Rollen im traditionellen Theater, Ludruk genannt. Inzwischen aber leben viele am Rand der Gesellschaft. Die Transgender in der Schule können alle von Diskriminierungen erzählen, oft finden sie keine festen Jobs, manche tingeln als Strassenverkäufer von Tür zu Tür, andere arbeiten in Coiffuresalons oder Bars, die Gefahr, in die Prostitution abzurutschen, ist gross.

Nicht für voll genommen

«Am schlimmsten ist es, dass man intellektuell nicht für voll genommen wird, keiner nimmt es ernst, wenn ich meine Meinung sage oder eine Idee habe», sagt Jessica Ayu Lesmana. «Das ist noch schlimmer als die Diskriminierung, die wir wegen unseres Körpers erleben.» Wie Ibu Shinta ist die 26-Jährige eine Transfrau. Geboren in einem männlichen Körper, hat sie sich schon als kleines Kind als Frau gefühlt und Mädchenkleider angezogen. Ihre Eltern schienen das zunächst zu akzeptieren, anders als ihre Brüder musste sie dann aber auch Arbeiten verrichten, die traditionell Mädchen übertragen wurden. Putzen, waschen, in der Küche helfen, während die Brüder spielten. Später, als sie erwachsen wurde, waren die Eltern dann nicht mehr ­einverstanden, das Verhältnis verschlechterte sich. Sie nahm Hormone, Brüste wuchsen. Aber eine Geschlechtsumwandlung durch einen Chirurgen hat sie bislang nicht vorgenommen. «Das scheitert am Geld.» Andere Transfrauen erzählen, dass sie Scheu hätten, sich operieren zu lassen, weil Allah sie doch so geschaffen habe: mit einem männlichen Körper, auch wenn sie sich immerzu als Frauen fühlen.

Frau und Frau

Ibu Shinta sagt, dass Trans­männer noch zurückgezogener lebten als Transfrauen, auch in ihre Schule kommen sie nur ­selten. Jessica Ayu Lesmana geht immerhin manchmal in die Moschee zum Beten, sie hat damit keine Probleme, andere Transgender aber schon. Sollen sie sich vorne zu den Männern stellen, wo sie schräg angeschaut werden? Oder lieber hinten zu den Frauen, wo dann getuschelt wird? «In unserer Schule fühlen sich viele entspannter», sagt Ibu Shinta.

Am späten Nachmittag haben alle nacheinander im Koran gelesen, nun versammeln sie sich zum Abendgebet im Innern des Hauses. Vorne knien der Lehrer und die Studenten, hinter ihnen die Transfrauen, die seidene Gewänder übergeworfen haben. So blicken sie in Richtung Mekka und beten zu Allah, dem Allmächtigen. An der Rückwand wachen zwei geschnitzte Skulpturen. Traditionell sind das in ­javanischen Häusern Mann und Frau. Loro Blonyono – das unzertrennliche Paar. Bei Ibu Shinta sind es Frau und Frau, die stolz ins Gebetszimmer lächeln.

Erstellt: 15.04.2019, 20:11 Uhr

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