Kantonschemiker fordern Verbot gefährlicher Pestizide

Einige Spritzmittel sind für die Umwelt besonders gefährlich. Der Bund möchte deren Grenzwert senken. Experten sind für komplette Verbote.

Wegen Pestiziden im Wasser wurde dieser Brunne in Kleinandelfingen (ZH) stillgelegt. Foto: Urs Jaudas

Wegen Pestiziden im Wasser wurde dieser Brunne in Kleinandelfingen (ZH) stillgelegt. Foto: Urs Jaudas

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Der Druck, besonders giftige Pestizide zu verbieten, wird immer grösser. Der Bund möchte nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen die Grenzwerte für besonders problematische Spritzmittel senken. Die entsprechende Verordnungsänderung aus dem Departement von Bundesrätin Simonetta Sommaruga wird seit einem Jahr erwartet. Schon kommt der nächste Angriff – und zwar von prominenter Seite: Kantonschemiker und kantonale Gewässerschutzbehörden fordern, dass jene besonders toxischen Spritzmittel gleich ganz aus den Giftschränken der Landwirte verschwinden.

Jacques Ganguin, Vorsteher des Gewässerschutzamts des Kantons Bern, sagt: «Man muss sich ernsthaft die Frage stellen, ob es nicht besser wäre, diese hochgiftigen Wirkstoffe generell zu verbieten, statt bloss den Grenzwert zu senken.» Er meine damit all jene Spritzmittel, die bereits bei wenigen Billiardstelgramm pro Liter Wasser für Wasserlebewesen gefährlich seien. In der Ostschweiz sind die kantonalen Behörden aufgrund eigener Messungen ebenfalls zum Schluss gekommen, dass selbst tiefere Grenzwerte für diese Mittel nicht genügen.

Kurt Seiler, Kantonschemiker in Schaffhausen und den beiden Appenzell, hält fest: «Unsere neusten Messungen an kleinen Fliessgewässern zeigen, dass bei diesen Substanzen grosser Handlungsbedarf besteht.» Diese Stoffe seien in so kleinen Mengen schädlich, dass sie «stark eingeschränkt oder gar verboten werden müssen». Noch deutlicher wird die Aargauer Kantonschemikerin Alda Breitenmoser: «Wenn die zuständigen Fachleute zum Schluss kommen, dass Insektizide wie Pyrethroide so gefährlich für Mensch, Tier und Umwelt sind, ist es konsequenter, sie gleich ganz zu verbieten.»

«Harmloses» Glyphosat: Munition für die Gegner

Mit Hochspannung warten Landwirte, Forscher und Kantonsbehörden auf den Entscheid von Sommaruga. Das Departement steht dabei unter Beobachtung: Denn wie auch immer die neue Regelung ausfällt, sie wird zu grossen Kontroversen führen. Simonetta Sommaruga hat das Geschäft noch von ihrer Vorgängerin Doris Leuthard übernommen.

Diese hatte einen umstrittenen Kompromiss vorgeschlagen: Die Grenzwerte für einige gefährliche Spritzmittel sollten gesenkt, für andere weniger gefährliche hingegen zum Teil massiv erhöht werden. Mit dem Vorschlag hat Leuthard die Bauern zufriedengestellt.

Allerdings befand sich unter jenen Spritzmitteln, deren Grenzwert Leuthard erhöhen wollte, das hochumstrittene Glyphosat. Aus Sicht vieler Forscher ist Glyphosat in der Schweiz für die Umwelt tatsächlich relativ unproblematisch, weil es in Gewässern kaum vorkommt. In vielen umliegenden Ländern ist es aber verboten, weil es stark krebserregend sein soll – beste Munition für die Pestizidgegner. Sommaruga steht nun zwischen den beiden Fronten.



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Erstellt: 16.11.2019, 23:03 Uhr

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