Kleine Fläche, grosse Wirkung

Moore binden riesige Mengen Kohlenstoff und stabilisieren so das Klima. Doch immer mehr der Feuchtgebiete sind bedroht.

Alp Flix im Kanton Graubünden: In der Schweiz gibt es über 10 Quadratkilometer trockengelegte Hochmoore. Deren Renaturierung würde 100 bis 150 Millionen Franken kosten. Foto: Keystone

Alp Flix im Kanton Graubünden: In der Schweiz gibt es über 10 Quadratkilometer trockengelegte Hochmoore. Deren Renaturierung würde 100 bis 150 Millionen Franken kosten. Foto: Keystone

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Klimaschutz kann so einfach sein. Manchmal braucht man dafür keine Windräder zu bauen oder Verbrennungsmotoren zu verbieten. Im Falle von Mooren würde es reichen, die Natur machen zu lassen. Die Feuchtgebiete stabilisieren das Klima gratis. Sie bedecken zwar nur drei Prozent der ­Erdoberfläche, speichern aber so viel Kohlenstoff wie die gesamte übrige Vegetation, von der Tundra Sibiriens bis zu den tropischen Regenwäldern.

Während tote Pflanzen an der Luft rasch verrotten, das in Blättern, Ästen und Wurzeln gebundene organische Material also zu CO2 umgewandelt wird, ist dieser Prozess in Mooren gebremst. ­Weil in ihnen Wasserüberschuss herrscht, sinken abgestorbene Pflanzen ab und bleiben konserviert – ähnlich wie saure Gurken nicht schlecht werden, solange sie in Flüssigkeit eingelegt sind. Intakte Moore saugen Treibhaus­gase auf, statt sie abzugeben.

In den Tropen verschwinden Moore für Palmölplantagen

Man könnte daraus ableiten, diese Konservengläser des Klimas tunlichst in Ruhe zu lassen. Doch es geschieht eher das Gegenteil. Seit 1850 hat die Erde rund 500'000 Quadratkilometer Moore verloren, das entspricht gut zwölfmal der Fläche der Schweiz. Bis 2100 könnten weltweit weitere 120'000 Quadratkilometerverloren gehen. Riesige Moore werden heute trockengelegt, um Platz für Ölpalmen, Sojabohnen oder weidende Tiere zu schaffen. Diese Entwicklung könnte gravierende Folgen für das Klima haben, wie ein Forscherteam um Jens Leifeld von der Forschungsanstalt Agroscope berichtet. Denn trocknen Moore aus, verlieren sie nicht nur ihre klimaschützende Wirkung – sie werden selbst zu Treibhausgasquellen, da sich mit einem Mal sehr viel pflanzliches Material zersetzt.

In «Nature Climate Change» haben die Forscher berechnet, dass ausgetrocknete Moore zwischen 2015 und 2100 rund 170 Milliarden Tonnen CO2 freisetzen könnten. Damit wären bis zu 41 Prozent des verbleibenden CO2-Budgets – also die gesamte ­Menge an Emissionen, die man noch ausstossen darf, um die ­Erderwärmung zwischen 1,5 und 2 Grad zu begrenzen – schon aufgebraucht.

Jahrhundertelang wurden Sumpfgebiete vor allem auf der Nordhalbkugel entwässert, etwa durch das Urbarmachungsedikt von Friedrich dem Grossen in Ostfriesland. Noch in der Nachkriegszeit mussten etwa im Emsland oder in der DDR Moorgebiete für Ackerflächen weichen. In der Schweiz sind in den letzten 200 Jahren über 90 Prozent der ­Moore verschwunden. Mittler­weile werden aber die meisten Moore in den Tropen trockengelegt, vor allem in Südostasien, um dort Palmölplantagen anzulegen.

Global betrachtet, ist der Punkt längst überschritten, an dem man der Natur ihren Lauf lassen könnte. Die Autoren der Studie schätzen, dass die Treibhausgas­bilanz der Moore schon 1960 kippte und sie zu CO2-Quellen wurden. Mittlerweile bleibe nur noch, die trockengelegten Flächen erneut unter Wasser zu setzen, will man die Klimaziele von Paris einhalten. In den nächsten 30 Jahren müssten dafür jedes Jahr 15'000 Quadratkilometer ehemalige Moor­flächen renaturiert werden.

Brände schwelen unter dem Torfboden weiter

Technisch gesehen wäre eine «Wiedervernässung» einfach, es würde ausreichen, Gräben zu schliessen, Dämme zu bauen oder Pumpen abzustellen. «Das kann schnell gehen», sagt Thomas Kleinen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Das Hauptproblem sei ein anderes: «Mit dem Verkauf von Palmöl oder Tropenholz lässt sich Geld verdienen, während man durch intakte Moore kein Einkommen erzielt.»

Dennoch gibt es vereinzelt Erfolge. So stellte Indonesien nach verheerenden Moorbränden 2015 auf einer Fläche von 8000 Quadratkilometern die Entwässerung ganz oder teilweise ein. Denn trockene Moore haben noch einen Nachteil: Sie geraten leichter in Brand. Die Feuer sind schwer zu löschen, da sie im Torfboden unterirdisch weiterschwelen können.

Auch auf nassen Flächen sei Landwirtschaft möglich, etwa auf sogenannten Paludikulturen, sagt Hans Joosten, Moorforscher an der Universität Greifswald. «Man muss dann eben Schilf anbauen.» Es reiche aber nicht, mit dem Finger auf die Staaten Südostasiens zu zeigen, auch Europa müsse handeln, betont Joosten. Die kom­plette Fläche, die etwa für die deutsche Landwirtschaft trockengelegt wurde, müsse bis 2050 in den ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden. Sonst seien die Klimaziele nicht zu erreichen. Joosten schätzt, dass in Deutschland etwa 12'000 bis 18'000 Quadratkilometer­wieder zu Mooren werden müssten. Dafür sei die Wirkung sehr gross.

In der Schweiz sind zwei Prozent der Landfläche Moorlandschaften. Es gibt über 10 Quadratkilometerdränierte Hochmoor­flächen. 100 bis 150 Millionen Franken würde gemäss dem Forschungsinstitut WSL die Renaturierung der dränierten Hoch­moore in der Schweiz kosten.

In der EU machten ausgetrocknete Moore nur 2,5 Prozent der Fläche aus, seien aber für 25 Prozent der Emissionen aus der Landwirtschaft verantwortlich, sagt Joosten. «Für den Klimaschutz wäre es am einfachsten, sich auf diese wenigen Prozent Fläche zu konzentrieren.»



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Erstellt: 16.11.2019, 17:41 Uhr

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