Kleine Lügen

Ehrlichkeit ist für viele ein erstrebenswertes Ideal. Und doch lügen Menschen im Büro jeden Tag. Was ist erlaubt, was ist moralisch fragwürdig – und warum lügen wir überhaupt?

Muss es immer volle Ehrlichkeit sein? Pinocchio fand Nein. 
Foto: Getty Images/iStock

Muss es immer volle Ehrlichkeit sein? Pinocchio fand Nein. Foto: Getty Images/iStock

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Menschen lügen 200-mal am Tag, hat der Psychologe Gerald Jellison errechnet. Das heisst: im Schnitt zwölfeinhalbmal die Stunde, rund alle fünf Minuten. Zwar ist die Zahl 19 Jahre alt, Jellison hat auch die Lügen, die man sich selbst erzählt, dazugezählt, und einige seiner Kollegen haben Zweifel geäussert. Aber bedenkt man andererseits, wie die Kommunikation durch soziale Netzwerke zugenommen hat, kann man davon ausgehen: Weniger Unwahrheiten sind es nicht geworden. An einem Arbeitstag lügt der durchschnittliche Arbeitnehmer also mehrere Dutzend Mal im Umgang mit Kunden, Kollegen, sich selbst.

«Selbst wenn wir uns vornehmen, nicht zu lügen, tun wir es unbewusst doch», sagt Andrea Montua. Sie berät seit Jahren Konzerne zur internen Kommunikation. Wenn sie Workshops hält, ist Unehrlichkeit immer eines der ersten Themen. «Besonders, wenn grosse Veränderungen anstehen, sagen Mitarbeiter oft, dass sie den Vorständen aus alten Erfahrungen heraus nicht glauben.» Dabei ist die Bandbreite der Unwahrheiten im Büro extrem gross. Sie reicht vom morgendlichen «Alles gut» auf das «Wie gehts?» im Aufzug über das Lob für den Kollegen für seine «tolle Präsentation» bis zum Betrug im grossen Stil, wo sich Millionenprojekte verzögern, weil jemand den Fortschritt beschönigt.

Lügen entstehen aus diversen Gründen. Laut Psychologe Jellison wollen Lügner Ärger vermeiden, sind bequem, faul, wollen gemocht werden oder etwas erreichen. Gleichzeitig werden Unwahrheiten im Unternehmen durch die Hierarchie bedingt: Der Angestellte traut sich nicht, wahre, kritische Worte zu sagen. Und die Chefin darf nicht darüber reden, wer regelmässig wenig leistet. Besonders die «Sandwichposition» der mittleren Führungsebene ist ein Drahtseilakt, findet Montua.

Aber: Welche Lügen sind okay, welche nötig und welche schädlich? Und: Muss es immer volle Ehrlichkeit sein? Niemand will hören, dass er heute müde aussieht, und keinem ist geholfen, wenn in der Teambesprechung jeder erläutert, was er nicht geschafft hat. Aber laut Umfragen ist Ehrlichkeit ein besonders erstrebenswertes Ideal. So weit die Theorie. In der Praxis ist, wie es der Autor Jochen Mecke in dem Buch «Culture of Lying» schreibt, «die angenommene Häufigkeit von Lügen in Politik und Alltag umgekehrt proportional zum Bedarf nach Wahrhaftigkeit.»

Das Bedürfnis, anderen vertrauen zu können, sei so gross wie nie zuvor

Zunächst der Blick aufs Juristische: Grundsätzlich ist Lügen in bestimmten Kontexten sogar erlaubt. Der Arbeitsrechtler Joachim Wichert sagt: «Wenn die Frage unzulässig ist – zum Beispiel danach, für was ein Mitarbeiter ein ärztliches Attest bekommen hat oder ob eine Mitarbeiterin schwanger ist –, kann man grundsätzlich die Unwahrheit sagen.» Aber auch hier ist der Grat schmal. Verletzt sich beispielsweise ein Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit und verschweigt, dass dies durch fahrlässiges Verhalten passiert ist, ist das justiziabel. Der Grund ist, dass er eine Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber erhält und sich, so die Juristensprache, einen Vermögensvorteil erschleicht.

Abgesehen von solchen Extremfällen, macht sich aber schon jemand, der durch Unwahrheiten etwa ein Projekt verzögert, der Täuschung schuldig. «Dann kann theoretisch auch eine Kündigung drohen», sagt Wichert. Meist aber, und das ist bezeichnend für die Bedeutung von Unwahrheiten im Job, landen Lügen nur vor Gericht, wenn der Mitarbeiter wegen sogenannter Schlechtleistung gekündigt werden soll. «Singulär spielt Lügen kaum eine Rolle vor dem Arbeitsgericht.»

Viel folgenreicher ist ohnehin das tägliche kleine Tricksen und grosse Durchwursteln – heutzutage ganz besonders. Das Bedürfnis, anderen vertrauen zu können, sei so gross wie nie zuvor, sagt Kommunikationsberaterin Montua. «In einer immer komplexer werdenden Welt ist es das Vertrauen in andere Menschen, das uns verbindet.» Weil Vorgänge immer mehr Abstimmungsbedarf benötigen und das Tempo höher ist, ist es schwieriger und behindert eher, Informationen zurückzuhalten. «Teil einer ‹alten› Unternehmenswelt war es, oft nicht offen zu sprechen», sagt Montua. «Dadurch wurde das Vertrauen an so mancher Stelle mit Füssen getreten.» Verstärkt wird das gesteigerte Bedürfnis nach Ehrlichkeit durch flachere Hierarchien und autonome Teams. Vor allem in kleinen Einheiten in grösser werdenden Konzernen ist das wichtig. «Ein Team gibt mir Halt im Alltag. Fange ich da an zu lügen, verliere ich den Halt.»

Kurzfristig kommt man zwar möglicherweise gut mit Lügen durch. Wer in der Besprechung sagt, dass er eine Aufgabe begonnen habe, die er seit Wochen vor sich her schiebt, hat Zeit gewonnen. Wer sich aber langfristig immer wieder so herausredet, macht sich zum einen unglaubwürdig – zum anderen fühlt sich weder der, der lügt, noch der, der angelogen wird, gut. Zumal Menschen ein Gespür dafür haben, wenn sie belogen werden. In Teams kann das nachhaltig das Vertrauen zerstören. Aber langfristig ist Lügen im Arbeitsalltag vor allem aus einem anderen Grund schwierig: Eine Lüge ergibt die nächste. «Wenn alle unehrlich sind, führt das zu eingefahrenen Wegen», sagt Montua.

Für sie stellt sich weniger die Frage, ob man zu Kollegen immer ehrlich sein sollte oder nicht. Sie sagt stattdessen: «Wir müssen uns auf andere Weise mit Ehrlichkeit auseinandersetzen.» In ihren Beratungen regt sie oft an, erst mal Ehrlichkeit zu definieren. Das kann mal einen halben Tag dauern und wird unterschätzt. «Wie wir den Wert Ehrlichkeit mit Leben füllen, kann für eine Hotelkette etwas ganz anderes bedeuten als für eine Agentur.»

Würde ich das in einer halben Stunde noch unterschreiben?

Hinter der Kommunikation zwischen Kollegen sieht Montua zwei Aspekte: Wie will ich gesehen werden? Und wie möchte ich, dass andere mich sehen? Bei der Beantwortung dieser Fragen komme es auf Ehrlichkeit an. Ehrlich zu sein im Büro, heisst eben nicht, dem Kollegen zu sagen, dass er im neuen Hemd dick aussieht. Oder zu verkünden: «Ich hasse Excel-Tabellen, das muss jemand anderes machen.» Sondern einzeln und in der Gruppe darüber nachzudenken, was man möchte, was nicht und welche Kompromisse man eingehen kann. «Man denkt, zu wissen, was der andere denkt.» Aber jeden motiviert anderes. Der eine arbeitet besser mit mehr Gehalt, die andere läuft zu Höchstleistung auf, wenn sie freitags in die Berge darf. Durch eine bewusste Auseinandersetzung können Aufgaben besser verteilt und individuelle Bedürfnisse besser befriedigt werden. Das beeinflusse die komplette Arbeit, inhaltlich wie atmosphärisch.

In der Praxis heisst das: Wird man gefragt, ob man ein Projekt übernehmen möchte, sollte man ehrlich sagen, wenn man es uninteressant findet, und vorschlagen, was man stattdessen tun könnte. Bewirbt man sich auf eine Führungsposition, sollte man in sich gehen, wie gern man Besprechungen und Personalverantwortung mag – und ob man für neue Aufgaben nicht auch die Abteilung wechseln könnte. Bevor man etwas sage, sagt Montua, sollte man sich stets überlegen: Würde ich das in einer halben Stunde noch unterschreiben? Diese Regeln gelten für sie auch fürs scheinbar Kleine: Wenn die Kollegin im Aufzug fragt, wie es einem geht, und man antwortet «Alles gut», obwohl zu Hause alle krank sind, hilft das kurzfristig, die Fassade aufrechtzuerhalten. Warum man heute aber eventuell unkonzentrierter arbeitet, versteht die Kollegin nur, wenn sie weiss, was los ist. Und traut sich beim nächsten Mal vielleicht selbst, ehrlich zu sein.



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Erstellt: 03.11.2019, 17:48 Uhr

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