Kontakt mit den Knollennasen

Floridas Seekühe standen vor dem Aussterben. Dann entdeckte die Tourismusindustrie die gutmütigen Riesen. Nun vermehren sie sich wieder. Doch bedroht sind sie noch immer.

Seekühe in Three Sisters Springs, Florida: Die Tiere sind langsam, unbedarft und sehr neugierig. Foto: Getty Images

Seekühe in Three Sisters Springs, Florida: Die Tiere sind langsam, unbedarft und sehr neugierig. Foto: Getty Images

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Wie Wattebäusche schweben die morgendlichen Nebelschwaden über dem Crystal River. Captain Ed Mensters flaches Boot sieht ein wenig aus wie ein überdimensioniertes Golfcart ohne Reifen und tuckert direkt auf die weisse Wand zu. Noch ist es kühl auf dem breiten Fluss nahe der Westküste Floridas. Gelangweilt beobachten ein paar Pelikane vom Ufer aus, wie sich die Passagiere auf Captain Eds Boot in Neoprenanzüge zwängen, dann mit Schnorchel und Taucherbrille ins dunkle Wasser gleiten.

Es dauert nicht lang, und schon ertönen erste begeisterte Rufe: «Wow!», «unglaublich!», «süss!». Zwischen den Frühmorgen-Schnorchlern dümpeln fünf erwachsene Seekühe (Manatis) und ein Kalb. Ohne Scheu bewegen sich die etwas unförmigen Giganten, gründeln im zwei Meter seichten Wasser, knabbern an der Reissverschlussschnur eines Neoprenanzugs, reiben sich am Rumpf des Bootes. Die 600-Kilo-Tiere, manche mehr als drei Meter lang, schwimmen eng um die Schnorchler – als suchten sie deren Nähe.

Die zehnjährige Audrey streichelt über die glibberige, ledrige Haut der Tiere, die sich kaum anders anfühlt als der Neoprenanzug, den sie selbst trägt. «Kann ich einen von denen haben?», fragt sie scheinheilig ihre Mutter, die mit der Go-Pro-Kamera das Geschehen dokumentiert. Ein Mittfünfziger neben ihr lässt sich langsam auf einen Manati zutreiben, bis sich die Nasen fast berühren. Eine junge Frau gluckst verzückt. Hat eine der Seekühe sie doch tatsächlich mit den beiden Vorderflossen umarmt. Inzwischen sind noch drei Boote angekommen, vom Ufer schwimmen mehrere Touristengruppen mit bunten Schwimm­nudeln auf die Seekühe zu.

Es ist Manati-Saison in Crystal River. Zwischen November und März tummeln sich an den Quellen in Citrus County bis zu tausend der seltenen Rundschwanzseekühe. Die Frischwasserquellen sind eine Wärmestube für die kälteempfindlichen Säugetiere. Fällt die Wassertemperatur im Golf von Mexiko unter etwa 20 Grad, schwimmen die sanften Riesen zehn Kilometer flussaufwärts zu den Quelltöpfen, die das ganze Jahr lang 22 Grad warmes Wasser ausstossen. Dort ruhen sich die harmlosen trägen Meeressäuger aus, nur unterbrochen von gelegentlichen Fressausflügen zu den Seegraswiesen im Golf.

Der engste Artverwandte der Seekühe ist der Elefant

Der Kult um die Knollnasen hat die Besucherzahl in Crystal River in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Mehr als eine halbe Million Menschen pilgerten 2017/18 in das 3100-Einwohner-Dorf, den einzigen Ort, an dem man legal mit den Tieren schwimmen darf. Inzwischen bieten mehrere Dutzend Veranstalter «Swim with manatees»-Touren an. In Läden warten Plüschmanatis, Seekuh-Tassen, Bettwäsche, Poster und T-Shirts auf Fans der knopfäugigen Sympathieträger. Klar, dass Crystal River inzwischen auch eine Seekuh im Stadtwappen führt und sich den Beinamen «Manati-Welthauptstadt» verliehen hat.

Seekühe sind merkwürdige Stars und, auf den ersten Blick, keine wirklichen Schönheiten. Schmutzig grau, unförmig wie extrem unfitte Robben, kleine Stummelflossen, winzige Knopfaugen und eine dicke knollige Schnauze. Die Tiere sehen sehr schlecht, dafür wachsen auf ihren Körpern mehrere Tausend feine Sinneshaare, mit denen sie kleinste Wasserbewegungen wahrnehmen. Nicht nachvollziehbar, warum Christoph Kolumbus die Seekühe auf einer Karibikreise 1493 als «Meerjungfrauen» beschrieb. Entweder hatten die Seefahrer schon lange keine echten Frauen mehr gesehen oder am Abend zu sehr dem Rum zugesprochen. Der engste Artverwandte der Seekühe ist der Elefant.

Über Jahrhunderte hatte man die Tiere gejagt, wegen des Fleischs, der Haut, der Knochen. Im 20. Jahrhundert brachten die Zerstörung ihrer Lebensräume, die Wasserverschmutzung und Verletzungen durch Schiffsschrauben oder Zusammenstösse mit Booten die Tierart in Florida an den Rand des Aussterbens. In den 1980er-Jahren lebten noch gerade mal 1200 Manatis in Florida. Seekuh-Ruhezonen, Tempolimits für Boote und die gesetzlich verankerte «Vorfahrt für Manatis» verringerten die Opferzahl. Seit 2016 gelten die Meeressäuger, die nur den Menschen als natürlichen Feind haben, nicht mehr als gefährdet, sondern nur noch als bedroht.

Län­gere Aufenthalte in kaltem Wasser können zum Tod führen

Vielleicht war die Neuklassifizierung jedoch voreilig. Ergab die Zählung 2017 noch 6620 Tiere, so ging die Zahl 2018 auf 6131 und 2019 auf 5733 Exemplare zurück. Die Meeresbiologen sind sich nicht sicher, worauf der Rückgang genau zurückzuführen ist. Hinzu kommt, dass die Zahlen nicht unbedingt exakt stimmen müssen, da sie vom Flugzeug aus erhoben werden. Eine Erklärung könnte der Kältestress sein, er setzt den Seekühen zu. Er ist eine der häufigsten Todesursachen der Spezies. Für Manatis, die im Winter nicht rechtzeitig zu einer Warmwasserquelle gefunden haben, sind bereits ei­nige Tage bei Wassertemperaturen unter 20 Grad gefährlich. Län­gere Aufenthalte in kaltem Wasser können zum Tod führen.

Seit etwa 20 Jahren kommen lange und kalte Winter mit sinkenden Tiefsttemperaturen in Florida häufiger vor. Noch sind die Hintergründe nicht gänzlich erforscht, doch könnte es sein, dass sich, bedingt durch den Klimawandel, der Golfstrom abschwächt, was wiederum zu kälteren Wintertemperaturen in Florida führt. Für den kommenden Winter planen Wissenschaftler daher Experimente mit künstlichen Warmluftquellen an den Winterquartieren der Tiere. In Kältephasen soll die Sonne die Luft über dem Wasserspiegel in «schwimmenden Treibhäusern» erwärmen. Im Winter brauchen Manatis schliesslich vor allem Wärme und Ruhe, sie fahren ihren ohnehin niedrigen Stoffwechsel weiter herunter. Jede Kalorie ist dann lebenswichtig.

Hier kommen die Motorboote wieder ins Spiel, denn die Flucht vor den schnellen Booten stresst die Manatis – wenn es ihnen gelingt, zu flüchten. Bis heute ist etwa die Hälfte aller Todesfälle bei ausgewachsenen Manatis direkt oder indirekt vom Menschen verursacht, die Dunkelziffer liegt deutlich höher. So auch in diesem Jahr: Bis Mitte September kamen bereits 109 Tiere bei Kollisionen oder durch Schraubenverletzungen ums Leben – 28 Prozent der Gesamttodesrate. Kein Wunder, ziehen doch jede Woche durchschnittlich mehr als 900 Menschen nach Florida, viele von ihnen des Lifestyles am Wasser wegen. Ein Boot für Ausflüge und Angeltouren gehört wie das Auto in der Garage zur Standardausrüstung.

Konservative Einheimische nerven sich ob der Tiere

«Das Problem mit den Booten ist, dass die Tiere so langsam, so unbedarft und so neugierig sind», sagt Cindi Guy, 54, ehemalige Bauunternehmerin, die seit fünf Jahren Manati-Touren anbietet. «Es macht die Boote zu ihrem Verhängnis. Und genau diese Wesenszüge machen sie auch so liebenswert und attraktiv für Menschen.» Kaum einer kann sich der Faszination der plumpen Kolosse entziehen. Ob der Besucherboom auch eine Gefahr für die Tiere darstellt, ist noch nicht klar. «Manatis sind sehr widerstandsfähig. Dennoch müssen wir aufpassen, dass der Tourismus nicht überhandnimmt», sagt Manati-Expertin und Wildtierbiologin Amy Teague von der Behörde U. S. Geological Survey. «Das ist kein Streichelzoo, sondern ihr natürlicher Lebensraum.»

Viele alteingesessene Wassersportler und Fischer im tief konservativen Bezirk von Crystal River – 2016 votierten 68 Prozent der Wähler für Donald Trump – sind allerdings genervt von den Manatis, weil die Vorschriften den Bootsverkehr verlangsamen. Einer, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will, knurrt: «Wir können uns kaum mehr frei bewegen. Die Regierung scheint das Wohl der Tiere über das Wohl der Menschen zu stellen. Mal ehrlich: Manatis sind komplett nutzlos, ausser für die Manati-Industrie.»

Nahe der Quelle Three Sisters Springs versammeln sich um die Mittagszeit wieder die Ausflügler. Eine an Bojen befestigte Absperrleine markiert, wie weit die Seekuh-Fans schwimmen dürfen. Hinter der Leine ruhen etwa 25 Manatis auf dem Flussboden, man sieht sie gut im klaren Wasser. Von Beobachtungsplattformen aus pfeifen ehrenamtliche Helfer zudringliche Schwimmer zurück. Immer wieder kommt es vor, dass Teenager versuchen, auf Manatis zu reiten, die sich aus der Schutzzone entfernen. Andere machen Unterwasser-Selfies oder umarmen die gutmütigen Riesen. Vom Ufer aus sehen Pelikane dem bunten Treiben zu. Wären sie Menschen, sie würden wohl den Kopf schütteln.

Bootskapitän Ed Menster, 49, schwimmt mit seiner zweiten Ausflüglergruppe an diesem Tag die Leinen entlang. Er weist auf den Manati-Knigge hin: die Tiere nur mit einer Hand berühren, nicht auf die Tiere zuschwimmen, nicht deren Kopf anfassen. «Passives Beobachten ist okay», sagt er, «wenn ein Manati auf dich zukommt, sich an dir reibt oder mit dir in Kontakt treten will, ist das seine Entscheidung.» Verstösse können zwar mit hohen Geldstrafen, ja sogar Gefängnis geahndet werden, dennoch fällt es den Schwimmern schwer, sich an die Regeln zu halten.



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Erstellt: 02.11.2019, 23:42 Uhr

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