Links-Grün droht den Wahlsieg zu verspielen

Mit Christian Levrat tritt bei der SP ein sehr geschickter Taktiker zurück. Und die Grünen treten zu zögerlich auf.

Doch wer gedacht hatte, dass es damit mit seinem Einfluss vorbei wäre, sah sich getäuscht: Christian Levrat. Foto: Keystone

Doch wer gedacht hatte, dass es damit mit seinem Einfluss vorbei wäre, sah sich getäuscht: Christian Levrat. Foto: Keystone

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Der abtretende SP-Chef Christian Levrat war ein grandioser Verlierer. Sein Gesellenstück auf der nationalen Bühne war die Abwahl von Christoph Blocher, die er auf SP-Seite mit Alain Berset einfädelte, obwohl die SVP kurz zuvor bei den Wahlen wiederum 2 Prozentpunkte zulegte, während die SP fast 4 Prozent verlor. Kurz darauf wurde er zum SP-Präsidenten gewählt. Dann schaffte er es, die CVP auf seine Seite zu ziehen und zusammen mit kleinen Mitteparteien eine Mitte-links-Allianz im Parlament und im Bundesrat zu installieren. Sie hielt bis 2015.

Vor vier Jahren, als die Rechte bei den Wahlen durchmarschierte, ging es ruck, zuck. Erst wurde Eveline Widmer-Schlumpf so deutlich die Abwahl signalisiert, dass sie selbst das Handtuch warf. Damit war die Bahn frei für einen zweiten SVP-Bundesrat. Dann wurde FDP-Bundesrat ­Didier Burkhalter aus dem Amt gedrängt – zu links und zu europafreundlich war er der rechten Mehrheit. Burkhalters grösster Makel war, dass er oft mit den Linken und mit CVP-Bundesrätin Doris Leuthard für eine Mitte-links-Mehrheit im Bundesrat sorgte. Das war mit der Zuwahl von Ignazio Cassis vorbei. Eine Zuwahl, die Levrat unbedingt verhindern wollte.

Doch wer gedacht hatte, dass es damit mit Levrats Einfluss vorbei wäre, sah sich getäuscht. In der Europafrage, bei der Altersvor­sorge und bei der Unternehmenssteuerreform zeigte er, dass es ohne ihn nicht geht. Obwohl die SP mit eigenen Vorlagen beim Volk fast immer verlor. Erst das Debakel der SP bei den Wahlen vor Monatsfrist war eine Niederlage zu viel. Das Problem für Links-Grün ist nun, dass es unter den potenziellen Nachfolgerinnen Levrats niemanden gibt, der in Bern die Fäden der Politik auch nur annähernd so geschickt ziehen könnte. Auch nicht bei den Grünen, die mit ihrem Wahlsieg in den Bundesrat drängen sollten. Die ­wissen noch nicht einmal, ob sie die Machtfrage wirklich stellen wollen, geschweige denn, mit wem. Parteipräsidentin Regula Rytz hat sich selbst aus dem Rennen genommen. Sie will, wenn sie am Sonntag gewinnt, Ständerätin bleiben – und wenn sie verliert, ist sie keine geeignete Bundesratskandidatin. Ihr Parteifreund Bernhard Pulver zögert so lange, bis auch er seine Chance verpasst. So etwas wäre Levrat nie passiert.

So sieht es danach aus, als ob Links-Grün den Wahlsieg verspielen würde. Dies, obwohl Cassis sich in der Europafrage verrannt hat und im Bundesrat isoliert ist. Dies, obwohl die CVP für eine Zusammenarbeit zu gewinnen wäre. Dies einfach darum, weil es im links-grünen Lager niemanden gibt, der in Bundesbern die Fäden der Macht zusammenbringt.



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Erstellt: 16.11.2019, 23:26 Uhr

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