Lucky weist den Weg – ohne rote Nase

Jungbäuerin Salome Fürst hat sich auf Rentiere spezialisiert – mit dem Zuchtbullen kann man jetzt sogar besinnlich durch die Adventsnächte spazieren.

Die braunen Augen und das sanfte Wesen haben es ihr angetan: Landwirtin Salome Fürst mit Bulle Lucky. Foto: Daniel Ammann

Die braunen Augen und das sanfte Wesen haben es ihr angetan: Landwirtin Salome Fürst mit Bulle Lucky. Foto: Daniel Ammann

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Das Rentier hat gerade wieder Hochsaison. Es leuchtet an Hausfassaden und in Vorgärten, es grüsst von Weihnachtskarten und Pralinenschachteln. Spassige Menschen machen es sich während der dunklen Tage im plüschigen Rentierkostüm gemütlich oder tragen einen Haarreif mit Geweih. Das Rentier gibts auch als «Badebombe», eine duftende Kugel mit aufgeklebten Hörnern – «oh my God», ruft entzückt die Verkäuferin, als sie hört, dass «Rudi, das Rentier» nicht nur im Hohen Norden, sondern auch bei uns zu Hause ist.

Im Zürcher Unterland, zwischen den Dörfern Dachsen und Uhwiesen nahe des Rheinfalls, lebt die grösste Rentierherde der Schweiz. 17 Tiere wohnen im «Rentier-Chalet», einem offenen Stall mit Weide an Hanglage – in der Ferne rauscht die Autobahn. «Mini Schätz» nennt Salome Fürst ihre Rentiere. 21 Jahre alt ist die gelernte Landwirtin, nächstes Jahr wird sie die höhere Fachschule zur Agrartechnikerin abschliessen. Dass sie dereinst den Hof von den Eltern übernehmen würde, war immer schon klar.

Vor zwei Jahren verkaufte Familie Fürst die Kühe, man sass zusammen, überlegte, womit man die Milchwirtschaft ersetzen könnte. Rothirsche standen zur Diskussion. Salome Fürst besuchte einen Hirschhalterkurs – und verliebte sich während der Ausbildung auf der Stelle in «die braunen Augen und das sanfte Wesen» der Rentiere, dieser einzigen domestizierten Hirschart. Vom Charakter seien Rentiere vergleichbar mit gutmütigen Kühen, sagt die junge Bäuerin. Zutraulich, gwundrig, anhänglich sind sie, stupsen einen mit ihren Hörnern an. Mögen es, wenn man ihr dickes Winterfell streichelt. Den Bullen jedoch hält Salome Fürst stets im Auge. Temerair ist der Chef im Chalet. Er möge keine schwarz gekleideten Jogger, Hunde auch nicht. Dann gehe er auf Angriff, Kopf runter, Geweih voraus.

Rudi, den Begleiter von Santa Claus, kennt jedes Kind

Seit einem Jahr leben die Rentiere auf dem Mühlebachhof; im Frühling gabs Nachwuchs, sechs Kälber, grosse Köpfe und lange Beine. Die Tiere heissen etwa Lucky, Heidi, Luna oder Nordian, ein Rudolf ist nicht darunter. Auch bei uns dürfte inzwischen jedes Kind ihn kennen: Rudi, das kleine Rentier, das mit seiner leuchtend roten Nase dem amerikanischen Weihnachtsmann, dem Santa Claus, den Weg vom Nordpol her durch die Dunkelheit weist. Rudi, dem mit «Rudolph the Red-Nosed Reindeer» auch einer der beliebtesten Weihnachtssongs gewidmet ist.

Salome Fürst setzt ihren Rentieren natürlich keine rote Nase auf. Obwohl sie weiss, dass sie das «Weihnachtstier» bestens vermarkten könnte. «Meine Tiere sollen Tiere sein», sagt sie. Zu jedem habe sie eine Beziehung, jedes habe seine Eigenheiten. Die kleine Luna aber stehe ihr besonders nah, eine Zangengeburt, Salome Fürst war die Hebamme. «Säuniggel!», sagt sie und tätschelt Lunas Hals. Die Züchterin mag es nicht, wenn das flauschige Fell verdreckt und verklebt ist. Auch deshalb plangt die Landwirtin auf Schnee – «wenns gefroren ist, wird das Fell richtig glitzern».

Sie trägt rot-schwarze Arbeitskleidung und Schuhe, die dreckig werden dürfen. Rostrotes Haar, rehfarbene Augen, eine ruhige, offene Art. Aber keine Kandidatin für «Bäuerin sucht Mann»: Salome Fürst ist vergeben, ihr Freund Dominik, praktischerweise Landmaschinenmechaniker, unterstützt sie in der Rentierzucht, ebenso, wie die Eltern es tun. Eine innovative Bauernfamilie: Man bietet Beeren und Früchte zum Selberpflücken an, die Mutter hält den Hofladen in Schuss. Der Vater lebt seine Leidenschaft für Rosen und Nüsse aus, 800 Nussbäume seien sein Herzensprojekt, sagt die Tochter. Zwergziegen, Alpakas, Schafe, Gänse, Enten und Kaninchen – ein Streichelzoo. Keines der Tiere muss den Metzger fürchten.

Und die Rentiere? Eine Fleischproduktion würde sich heute und morgen nicht lohnen, antwortet Salome Fürst. Man merkt, es ist nicht ihr liebstes Thema. 50 Tiere sind das Fernziel, noch müsse die Herde nicht rentieren. Für sie zähle vor allem, dass sie Kindern und Erwachsenen mit ihren Schätzen eine Freude machen könne.

Raclette-Stall und Glühwein von Zürcher Winzern

Etwas Geld bringen die Patenschaften, für 500 Franken pro Jahr darf man sich Gotte oder Götti eines Rentiers nennen, es besuchen, füttern, mit ihm spazieren. Trekkingtouren, einzigartig in der Schweiz, bietet sie an; ein-, zweistündige Spaziergänge, sechs Menschen, vier Rentiere, durch das pittoreske Zürcher Weinland. Die erste Tour vor zwei Wochen war ein Erfolg, so die Züchterin, die nächste sei schon ausgebucht.

Und natürlich wäre es fahrlässig, sich den Weihnachtsbezug des Rentiers gar nicht zunutze zu machen: Das neueste Projekt ist der «Rentier-Adventsweg» zwischen Dachsen und Uhwiesen – mit Lichtlein, Adventsfenstern, Raclette-Stall und Glühwein von den Winzern aus der Gegend. Gestern Samstag wurde der festliche Pfad eröffnet, von Rentier Lucky, dem kastrierten Bullen, der auch ohne rote Nase den Weg wies und für fröhliche Stimmung sorgte.



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Erstellt: 01.12.2019, 08:50 Uhr

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