Michelle Obama nervt

Die ehemalige First Lady tritt auf wie ein Lifestyle-Guru und predigt einen kuscheligen Wohlfühl-Feminismus.

Oprah Winfrey empfängt am 13. November 2018 Michelle Obama in Chicago, um über deren Buch zu reden: Am liebsten tritt die ehemalige First Lady glatt geföhnt und in Weiss auf

Oprah Winfrey empfängt am 13. November 2018 Michelle Obama in Chicago, um über deren Buch zu reden: Am liebsten tritt die ehemalige First Lady glatt geföhnt und in Weiss auf

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie füllt ganze Hallen, wie ein Popstar. 19 000 Plätze fasst das Barclays Center in New York, und es war bis auf den letzten Sitz ausverkauft, als Michelle Obama dort Anfang Dezember auftrat. Ein Ticket kostete rund 200 Dollar. Gleich viel wie für ein Konzert von Rihanna.

Aber sie spielt ja auch mindestens in derselben Liga, die ehemalige First Lady. Die Tournee zu ihrer Biografie «Becoming» machte Halt in neun amerikanischen Städten, hinzu kam ein Abstecher nach London; für 2019 sind 21 weitere Auftritte geplant, 6 davon in Europa. «Becoming» hat sich seit Erscheinen Anfang November drei Millionen Mal verkauft, das Buch ist ein weltweiter Kassenschlager und führt auch in der Schweiz die Sachbuch-Bestseller-Liste an.

Michelle Obama lässt sich also feiern. So sitzt sie dann da, auf diesen riesigen Bühnen in diesen riesigen Hallen, und die Gegenüber, die sie befragen, sind sorgfältig ausgesucht und allesamt so berühmt wie glamourös: Moderatorin Oprah Winfrey, Schauspielerin Reese Witherspoon und Autorin Chimamanda Ngozi Adichie. Auch Michelle Obama ist glamourös, stets perfekt frisiert, die Haare sind glatt geföhnt, und jeden Abend trägt sie ein anderes Designerkleid, am liebsten in Weiss. Sie sieht genau so aus wie auf dem Titelblatt ihres Buchs: hollywoodmässig sandgestrahlt.

Genau so klingt auch, was sie sagt. Michelle Obama predigt in der Art eines Lifestyle-Gurus vor einer hingerissenen, hauptsächlich weiblichen Fangemeinde einen ­kuscheligen Wohlfühl-Feminismus: Wir wollen nicht vergessen, dass es Frauen selbst in der westlichen Welt immer noch wahnsinnig schwer haben und dass ein bisschen emanzipiert sein zwar chic, aber die Mutterschaft letztlich doch der Kern des weiblichen Glücks ist.

Statt kampfeslustiger Reden gibts ein Lob auf das Muttersein

Von jener Michelle Obama jedenfalls, die nicht nur die erste schwarze Frau im Weissen Haus gewesen war, sondern auch die erste Präsidentengattin, die niemand als harmlos-dauerlächelndes Anhängsel wahrnahm, weil sie vor der Amtsübernahme ihres Mannes eine ebenso erfolgreiche Karriere gehabt hatte wie er, scheint nicht mehr viel übrig.

Sie kommt so gefällig daher wie ihr Buchcover. Deshalb hält sie auch keine kampfeslustigen Reden. Lieber spricht sie über ihre Fehlgeburten. Und die Schwierigkeiten, die sie hatte, schwanger zu werden. Über ihre künstliche Befruchtung. Ah, da fliegen ihr die Frauenherzen aus dem Publikum zu, denn so zeigt sie, die in Princeton und Harvard ausgebildete Topanwältin: Ich bin eine wie ihr, und die wichtigste Aufgabe im Leben war trotz all des Ehrgeizes und der beeindruckend klingenden Abschlüsse mein Muttersein.

Noch stürmischer fliegen ihr die Herzen zu, wenn sie darüber spricht, wie schwer es Frauen haben. Wie vorletzte Woche. Da sagte sie zu ihrer Interviewerin Elizabeth Alexander, es herrsche noch keine Gleichstellung, schon gar nicht in der Ehe. Und es reiche auch nicht immer aus, sich so richtig reinzuknien, denn «dieser Scheiss» funktioniere nicht, Frauen könnten nicht alles haben.

Michelle Obama hat keine Lust auf Liebesentzug

Die Halle bebte. Nicht, wie das ­zunächst kolportiert worden war, weil die ehemalige First Lady auf der Bühne «this shit» gesagt, sondern weil sie damit einen Frontalangriff auf Sheryl Sandberg lanciert hatte.

Die Leiterin des operativen Geschäfts von Facebook hatte 2013 mit ihrem Buch «Lean In» ebenfalls einen weltweiten Bestseller gelandet und darin die Frauen aufgefordert, sich mehr reinzuknien, im Sinne von: Sie sollten ihre berufliche Ambitionen entschlossener umsetzen. Viele Frauen reagierten schon damals beleidigt; dabei hat die oberste Facebook-Managerin entgegen dem, was jetzt auch Michelle Obama erneut suggerierte, nirgends geschrieben, Frauen könnten alles haben. Sie ermunterte sie bloss dazu, ihre Ziele kompromissloser anzugehen und dafür auch mal Liebesentzug in Kauf zu nehmen, wie etwa dann, wenn sie unweiblich stur auf einem Standpunkt beharrten oder unweiblich unbescheiden mehr Lohn einforderten.

Michelle Obama hat keine Lust auf Liebesentzug. Sie, die im Unterschied zu Sheryl Sandberg ihre Karriere zugunsten ihres Mannes aufgegeben hat und jetzt nicht etwa wieder in den Beruf eingestiegen ist, sondern davon lebt, sich als «Frau von» zu vermarkten, bedient dem Applaus zuliebe die populäre weibliche Weltsicht, gemäss der Frauen stets und immer noch Opfer der Umstände seien.

Ach, Michelle.

Erstellt: 17.12.2018, 08:27 Uhr

Artikel zum Thema

Michelle Obama schulterfrei – geht das?

Pro & Kontra Das Bild auf der Biografie «Becoming» polarisiert. Schliessen sich Kompetenz und Sex-Appeal aus? Zwei Antworten. Mehr...

800’000 Dollar für 90 Minuten Plaudern

Michelle Obama hat eine neue Beschäftigung gefunden, mit der sie Millionen verdient. Ob der Gewinn ihrer Glaubwürdigkeit schadet? Mehr...

«Sogar Trump lässt die Hände von ihr»

SonntagsZeitung Michelle Obama ist in den USA so unangefochten, dass sie ihre Verachtung für den US-Präsidenten offen zum Ausdruck bringen kann. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...