«Militärisch war das eine Sackgasse»

Ein Raketenmotor trieb die Messerschmitt Me 163 auf über 1000 km/h. Mit einem Röntgengerät will Historiker Andreas Hempfer nun das Innerste des Flugzeugs erkunden.

Das Kraftei, wie die Messerschmitt Me 163 in der NS-Zeit genannt wurde, im Deutschen Museum in München. Fotos: © Fraunhofer IIS, EZRT, Deutsches Museum

Das Kraftei, wie die Messerschmitt Me 163 in der NS-Zeit genannt wurde, im Deutschen Museum in München. Fotos: © Fraunhofer IIS, EZRT, Deutsches Museum

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Mehr als 30 Jahre lang hing das Flugzeug an der Decke der Luftfahrthalle des Deutschen Museums in München. Nun haben Spezialisten des Fürther Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen die Maschine vom Typ Me 163, die Deutschland im Zweiten Weltkrieg den «Endsieg» sichern sollte, in ein überdimensionales Röntgengerät gesteckt. Der mit neun Millionen Volt arbeitende, 14 Meter hohe XXL-Tomograf funktioniert dabei ähnlich wie ein Computertomograf in der Medizin.

Herr Hempfer, ein Weltkriegs-Flugzeug im Röntgen-Scanner? Ist das der übliche Weg,um historische Technikzu erkunden?
Nein, es war eine einmalige Chance. Nachdem wir zuvor erfolgreich ein Auto mit Röntgenstrahlen durchleuchtet hatten, den Wendler-BMW, waren wir bereits in Kontakt mit dem Fraunhofer-Ins­titut. Uns interessieren neben den Innereien auch konserva­torische Fragestellungen. Es gibt weltweit noch zehn existierende Exemplare dieses Flugzeugtyps, weite Teile der individuellen Geschichte unserer Maschine sind ungeklärt. Wie lautet die Werknummer? Kam sie je zum Einsatz? Wir wissen, dass Grossbritannien das Flugzeug in der Mitte der 60er-Jahre dem Deutschen Museum geschenkt hat.

Jahrelang war die Me 163 ein prominentes Exponat des Museums. Aber niemand kannte die Geschichte?
Ja, Hobbyforscher und frühere Kuratoren haben versucht, mehr über die Geschichte herauszufinden, doch es gibt noch viele Rätsel. Wir wissen, dass England bei Kriegsende etwa 30 Flugzeuge dieses Typs erbeutet hat. Manche gaben sie an die USA und sogar Australien weiter. Der berühmte Testpilot Eric Brown unternahm in England sogar einen Testflug, verletzte sich aber bei einer Bruchlandung. Die Engländer wollten nach dem Krieg die Schallmauer durchbrechen. Dabei passierten viele Unfälle, auch tödliche. Die Me 163 war das erste Flugzeug, das die 1000 km/h geknackt hat.

Noch nicht die Schallmauer, aber nahe dran.
Ja, da wird es auch aerodynamisch heikel. Ein Überschallflugzeug muss extrem widerstandsarm gebaut sein. Die Me 163 war zwar für den Hochgeschwindigkeitsflug ausgelegt, aber wenn das Triebwerk nach rund sieben Minuten ausgebrannt war, dann musste man sie im Gleitflug landen, also musste sie auch gute Langsamflugeigenschaften besitzen. Darum waren die hölzernen Flügel relativ dick und besassen Vorflügel.

Warum zerlegen Sie die Maschine nicht einfach, um sie zu untersuchen?
Wir wollen mit unseren Objekten absolut zerstörungsfrei umgehen. Das Problem bei diesem Flugzeug ist, dass man Ausstellungsstücke Mitte der Sechzigerjahre noch radikal bearbeitete. Bei der Restaurierung wurde nicht auf Originalzustand geachtet. Maschinen sollten damals vor allem strahlend neu aussehen.

Die Daten aus dem Röntgenscan liefern detaillierte Bilder.

Also hat man es angepinselt?
Das Flugzeug wurde, nachdem es aus England kam, mehrfach überstrichen. Man hat sogar Öffnungen und Klappen verspachtelt, was historisch Unsinn ist. So war die Maschine nie im Einsatz. Wir lernen also bei der Durchleuchtung auch viel über den historischen Umgang mit technischem Kulturgut. Heute behandeln wir solche Exponate eher wie ein Kunstwerk, mit allen Gebrauchs- und Alterungsspuren.

Die Engländer hatten Cockpit und Triebwerk ausgebaut. Haben Sie das nachgerüstet?
In den Sechzigern hatte das Deutsche Museum gute Kontakte zu ehemaligen Piloten. Einer dieser Piloten hatte bei Kriegsende aus seiner eigenen Maschine das Instrumentenbrett ausgebaut und später dem Museum überlassen. Das wurde dann in die Me 163 eingebaut. Das Triebwerk kam separat aus England. Es war vermutlich das Triebwerk, mit dem der legendäre Pilot Eric Brown flog. Wir vermuten, dass unsere Me 163 auch für Testflüge vorbereitet wurde, man jedoch nach Browns Unfall merkte, dass dieses Fluggerät etwas zu gefährlich ist, selbst ohne eingeschaltetes Triebwerk.

Das bizarre Flugzeug war ein gewagtes Experiment der Flugzeugingenieure. Wie steht es um den oft zitierten Mythos der Wunderwaffe? Hätte dieMe 163 noch wesentlich in den Krieg eingreifen können?
Auf keinen Fall. Es war der Versuch, ein Flugzeug mit einem Raketenantrieb zu bauen, wie man sie zuvor nur im unbemannten Waffensystem eingesetzt hatte.

… In Raketen?
Ja. Für Piloten war das sensationell, man konnte viel schneller aufsteigen und fast senkrecht in den Himmel rasen. Militärisch ergibt das jedoch kaum Sinn: Aufgrund der kurzen Brenndauer des Triebwerks fanden die Piloten den Gegner oft nicht rechtzeitig. Die Me 163 durfte sich auch nicht zu weit von Flugplätzen entfernen, weil man ja im Gleitflug wieder zurückkehren musste. Die Bewaffnung bestand aus zwei 30-Millimeter-Maschinenkanonen mit vergleichs­weise geringer Mündungsgeschwindigkeit. Es war äusserst schwierig, im vollen Flug bei 950 km/h ein Ziel damit anzupeilen. Die Piloten hatten nur ein Zeitfenster von vielleicht ein bis zwei Sekunden, in denen sie abdrücken mussten. Angeblich gelangen mit der Me 163 neun Abschüsse, aber die sind nicht alle bestätigt.

Aber das Konzept eines Raketenflugzeugs wurde in den folgenden Jahren wichtig. Der US-Pilot Chuck Yaeger durchbrach 1947 mit einer raketenbetriebenen X-1 die Schallmauer. Die späteren Apollo-Astronauten lerntenihr Handwerk auf der X-15, einem weiteren Raketen­flugzeug der Nasa.
Ja. Aber die X-1 von Yaeger sah aerodynamisch anders aus, sie hatte keine nach hinten gepfeilten Flügel und hatte im Gegensatz zur Me 163 ein Höhen­leitwerk am Heck. Als direkten Vorläufer der US-Flugzeuge kann man die Me 163 nicht ansehen.

Hatten die Leute um Wernher von Braun, die später bei der Nasa arbeiteten, auch mit dem Raketenflugzeug zu tun?
Kaum, das waren in der Nazizeit zwei getrennte Entwicklungsprogramme in Peenemünde an der Ostsee. Es ist ein Mythos, dass die USA direkt auf deutscher Spitzentechnologie aufgebaut hätten. Das sind Behauptungen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Alliierten mussten deutsche Technologien erst auswerten und einschätzen. Zeitgenossen überschätzten das Bedrohungspotenzial.

Also keine Wunderwaffe?
Militärisch war das Raketenflugzeug eine Sackgasse, was von vielen Seiten schon während des Kriegs eingestanden wurde. Die Deutschen waren nicht die Väter der modernen Luftfahrt. Die Alliierten bauten die ersten Experimental-Überschallflugzeuge auf Grundlage eigener Forschungen. Die USA schafften den ersten Überschallflug ohne die deutsche Pfeilflügeltechnik.

Erstellt: 03.04.2019, 17:55 Uhr

Andreas Hempfer

Der Historiker ist Kurator für Historische Luftfahrt bis 1945 am Deutschen Museum in München.

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