Die Nationalmannschaft ist auf Mission Imagekorrektur

Die Schweiz kann sich heute in Gibraltar für die EM 2020 qualifizieren. Schwieriger wird es, das Bild der Nationalmannschaft zu verbessern.

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Es ist öffentliches Training der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft – und kaum einer geht hin. Am Samstagmittag sind vielleicht 300 Zuschauer auf dem Platz 5 der Sportanlage Gründenmoos in St. Gallen, am Abend zuvor hat die Schweiz mit dem erzitterten 1:0 gegen Georgien einen grossen Schritt Richtung Euro 2020 gemacht. Nun sind die Zaungäste ein bisschen enttäuscht: Auf dem Rasen trainieren die Ersatzspieler, die Stammkräfte sind im Hotel geblieben.

Und man fragt sich: Warum ein öffentliches Training, wenn die wichtigsten Figuren fehlen? Euphorie oder zumindest Begeisterung begleitet die Schweiz trotz akzeptabler Bilanz gerade nicht, irgendetwas ist kaputt ­gegangen in der Beziehung zwischen Nationalmannschaft und Öffentlichkeit. All die leidigen Nebenschauplätze haben zu einer gewissen Entfremdung geführt.

Mal ging es um Lust und Launen Xherdan Shaqiris, mal um die Kommunikation des Trainers Vladimir Petkovic, mal um be­leidigte Fussballer wegen der personellen Verjüngung oder der Captainbinde, mal um die Probleme Granit Xhakas bei Arsenal. Am Freitagabend im Kybunpark hätte der langjährige Leistungsträger Behrami wie Gelson Fernandes verabschiedet werden sollen. Behrami, aktuell auf Vereinssuche, fand keine Zeit und hatte wohl vor allem keine Lust, sich den Termin einzurichten.

Ittens Märchen

Immerhin sorgte die märchenhafte Geschichte Cedric Ittens mit dem Siegtreffer bei seinem Debüt gegen Georgien für einen Stimmungsaufheller. Der St. Galler Stürmer erzählte danach von der Freude, in der Nationalmannschaft dabei sein zu dürfen nach langer Verletzungspause, vom Stolz auch über die Nachnomination letzte Woche nach den Ausfällen mehrerer Angreifer. «Ich träumte als Kind immer davon, Nationalspieler zu werden», sagt der 22-Jährige.

Cedric Ittens Freude nach dem Georgien-Spiel. (Video: Tamedia)

Vermutlich tun das immer noch ganz viele Kinder im Land. Und doch hat man im Verband erkannt, dass es nicht schaden kann, eine umfassende Imagekorrektur in die Wege zu leiten.

Pierluigi Tami beobachtet am Samstag das Training auf der Sportanlage Gründenmoos, seit etwas mehr als vier Monaten ist er Direktor der Nationalmannschaft. Sein Start geriet holprig, wobei das nicht unbedingt sein Fehler war, zu viele Dinge laufen nicht ideal. In ein paar Wochen will der 58-jährige Tessiner über seine Reformpläne informieren. Am Samstag sagt er schon einmal: «Es gibt einige Baustellen.»

Darum schiebt Tami ein paar interessante Projekte an. Er will zum Beispiel die verkrusteten Strukturen aufbrechen, die Aussendarstellung verbessern, die Mannschaft soll wieder positiver, fröhlicher, nahbarer sein. Und er sagt: «Es ist wichtig, dass wir viel besser kommunizieren.»

Tamis Vorschlagsrecht

Tami hat es schon mal geschafft, Nationaltrainer Vladimir Pet­kovic dazu zu bewegen, mehr unterwegs zu sein und Spieler zu besuchen. Petkovics Vertrag läuft bis zum Ende der EM, und Tami besitzt das Vorschlagsrecht, wenn es um die Besetzung des Trainerpostens geht. Danach wird der Zentralvorstand des Schweizerischen Fussballverbands darüber befinden.

Petkovic schottet die Mannschaft oft stark ab

Spielerisch und sportlich stimmt die Entwicklung unter Petkovic, er ist mit 1,85 Punkten im Schnitt aus 59 Länderspielen der erfolgreichste Schweizer ­Nationaltrainer der Geschichte. Wie wichtig aber sind softe Faktoren wie Auftreten, Kommunikation, Lernbereitschaft?

Irgendwann im Winter wird der SFV zudem einen neuen Medienverantwortlichen präsentieren. Gesucht ist eine starke Persönlichkeit, welche die umfangreiche Kommunikationsstrategie auf allen Kanälen im Social-Media-Zeitalter vorgibt. Dabei wird es auch darum gehen, Petkovic strikter zu führen. Der misstrauische Coach fühlt sich von vielen Medien weiter nicht wert­geschätzt, er schottet die Mannschaft oft stark ab, hat beispielsweise in den letzten Tagen keine Einzelinterviews mit Spielern erlaubt, obwohl genau sie es sind, die hoffnungsvolle Botschaften transportieren könnten.

Fassnachts Forderung

Am Samstag erscheint neben ­Itten auch Christian Fassnacht zum Gespräch mit den Journalisten. Der YB-Offensivspieler ist zwar noch nicht lange dabei im Nationalteam, aber er sagt ­entwaffnend ehrlich, dass man gewisse Dinge bezüglich Öffentlichkeitsarbeit anders lösen könnte. «Es geht darum, die Leute mitzunehmen. Grundsätzlich stehen sie hinter uns. Es ist aber wichtig, dass es in Zukunft ­wieder nur um Fussball geht.»

Am Ende wird ohnehin die EM 2020 über das Standing dieser Nationalmannschaft entscheiden. An der Europameisterschaft wird die Auswahl wieder viel stärker im Fokus stehen. Das 1:0 gegen Georgien interessierte schon gestern kaum noch jemanden, der Auftritt heute in Gibraltar wird morgen vergessen sein – ausser die Schweiz leistet sich einen ­monumentalen Ausrutscher.

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Die Ansprüche an die Auswahl sind gestiegen, eine souveräne EM-Qualifikation wird vorausgesetzt. Was an den ordentlichen Leistungen in den letzten Jahren liegt und an den unter Petkovic grösstenteils mutigen, schwungvollen Auftritten. Aber auch an den Aussagen der ambitionierten Fussballer wie Granit Xhaka. Vor einer Woche sprach der von den Fähigkeiten her neben Shaqiri talentierteste Nationalspieler beim Treffen der U-17-Weltmeister von 2009 davon, dass es nicht unmöglich sei, auch mit der A-Auswahl Weltmeister zu werden.

Xhakas Analyse

Nach dem Auftritt gegen Georgien ist Xhaka weniger selbstkritisch als andere Nationalspieler, er nennt die Schweizer EM-Kampagne mehrmals «souverän». Das mag eine eigenwillige Interpretation sein, doch schwächer als der Gegner war die Schweiz tatsächlich nie. Auch nicht in Dänemark bei der einzigen Niederlage vor einem Monat.

«Wir verloren 0:1, doch wir hatten damals ebenfalls genügend Chancen, um das Spiel vorzeitig zu entscheiden», sagt Xhaka. Der 27-Jährige erwähnt noch die gute Stimmung in St. Gallen und sagt, es sei grundsätzlich besser, solche Länderspiele gegen Fussball­nationen wie Georgien vor vollen Rängen in einem kleineren ­Stadion auszutragen als zum ­Beispiel in einem nur zur Hälfte gefüllten St.-Jakob-Park. «Und es liegt letztlich immer an uns, die Zuschauer zu begeistern.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 18.11.2019, 06:39 Uhr

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