Seit er dreizehn ist, will er Zoodirektor werden

Severin Dressen wird im April Direktor des Zoos Zürich. Er hat einen beeindruckenden Lebenslauf – und zwei Handicaps.

Zurückhaltend: Der designierte Zoodirektor Severin Dressen. Foto: PD

Zurückhaltend: Der designierte Zoodirektor Severin Dressen. Foto: PD

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In einem halben Jahr wird Severin Dressen zu den bekanntesten Personen Zürichs zählen. Doch im Moment hält er sich bedeckt und wird von seinen künftigen Arbeitgebern abgeschirmt. Interviews, direkter Kontakt mit dem künftigen Zürcher Zoodirektor sind nicht möglich. Seine Zitate in der Medienmitteilung, in welcher der Zoo seine Wahl verkündete, sind höflich, der angehängte Lebenslauf formal gehalten. Keine Chance, daraus zu erahnen, wie dieser Mann tickt.

«Wir wollen ihm etwas Ruhe vor dem Sturm gönnen», begründet Zoo-Verwaltungsratspräsident Martin Naville diese Zurückhaltung. Damit er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber, dem Zoo Wuppertal, eine geregelte Übergabe machen könne.

Von Ruhe kann keine Rede sein. Arne Lawrenz, Direktor des Zoos Wuppertal, wo Dressen Zoologischer Leiter und stellvertretender Direktor ist, freut sich zwar über den Karriereschritt seines Schützlings. Doch sagt er: «Für mich ist es ein Jammer, dass er so bald geht. Ich versuche noch möglichst viel mit ihm zu Ende zu bringen.» Und wir haben weitergefragt, um uns ein Bild vom künftigen Zürcher Zoodirektor zu machen.

Tierpfleger mit Doktortitel

Die Rede ist von einem 31-jährigen Mann, der, so Naville, den Zoo Zürich erfolgreich in die nächste Epoche führen soll. Dressen ist in Aachen aufgewachsen, arbeitete in verschiedenen Zoos als Tierpfleger und Assistent. Er hat in London und Oxford studiert und doktoriert. In einem argentinischen Kinderheim hat er Zivildienst geleistet und dort etwa 60 Buben schulisch betreut. Er verfügt über einen Master in Ökologie, Evolution und Naturschutz, einen Waffenschein und ein Tauchbrevet. Er spricht fliessend Englisch und Spanisch und hat für mehrere Projekte erfolgreich Sponsorengelder aufgetrieben. Und er ist Vater eines kleinen Sohns.

Scheinbar ein Tausendsassa – was ist sein Handicap? Zoopräsident Naville muss nicht lange überlegen: «Er ist jung und ein Deutscher.» Dabei hebt er die Schultern an und fügt lächelnd hinzu: «Ich bin mit einer Deutschen verheiratet.» Doch wenn überhaupt Zweifel an der Wahl Dressens geäussert worden seien, sei das die meistgehörte Kritik gewesen, die ihm zu Ohren gekommen sei.

Er fährt fort: Am Anfang der Suche hätte er am liebsten eine 40-jährige Schweizerin mit vergleichbarem Know-how gehabt. «Doch Herr Dressen war klar der beste Kandidat.»

131 Bewerbungen

Dressen ist sehr jung. Ein 31-Jähriger soll eine Institution wie den Zoo Zürich führen? «Wir suchten bewusst jemanden, der unseren Zoo wieder für eine längere Zeitspanne prägen kann», entgegnet Naville. Und: «Vom Lebenslauf und von der Reife her scheint er ziemlich viel älter als an Jahren.» Den wirbligen Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer beeindruckt die Breite von Dressens Ausbildung sichtlich.

131 Bewerbungen gingen beim Zoo Zürich für die Stelle des Zoodirektoriums ein. 80 erfüllten die hohen Anforderungen, 9 blieben nach einer ersten Auswahlrunde übrig. Sie mussten sich zweisprachig in einem dreiminütigen Selfievideo zu vorgegebenen Fragen äussern. Dressen tat das laut Naville souverän, sympathisch und überzeugend. Es folgten zwei Gesprächsrunden und ein ganztägiges Assessment. «Er schwang klar obenaus, die Wahl fiel einstimmig auf ihn», sagt Naville.

Dressens derzeitiger Chef beschreibt ihn als «dynamisch, sehr strukturiert, sehr strategisch aufgestellt». Und er ticke, was Aufgabe und Zukunft von Zoos betrifft, genau wie er. Was wiederum heisst: Er tickt genau wie Alex Rübel. Denn Arne Lawrenz bezeichnet den Zürcher Zoodirektor als seinen Mentor, ja als sein Idol. Der Zoo Zürich gehöre fraglos zu den besten der Welt. «Wir spielen da in einer anderen Liga», sagt Lawrenz.

Der Zoo Wuppertal ist von der Grösse und der Anzahl Tierarten her mit dem Zoo Zürich vergleichbar, hat aber nur knapp halb so viele Besucherinnen und Besucher. Er geniesst in der Fachwelt einen guten Ruf. So gilt die Freiluftvoliere, die im Frühling eröffnet wird, als vorbildhaft. Diese Anlage wurde laut Lawrenz massgeblich von Dressen geprägt.

Deutscher statt Ur-Zürcher

Ist Dressen fit für die Champions League? Kann Dressen in die grossen Fussstapfen Rübels treten? Dieser war zwar auch erst 35, als er Zoodirektor wurde, doch war er in mehrfacher Hinsicht ein Eigengewächs. Er stammt mütterlich und väterlicherseits aus alteingesessenen Zürcher Familien. Nicht von ungefähr ist er seit 2011 Zunftmeister der Zunft zur Saffran. Rübel war ein begeisterter Pfadfinder – Pfadiname «Chüngel». Er ist bestens vernetzt. Und er kannte bei Amtsantritt 1991 den Zoo Zürich bereits wie seine Westentasche, war er doch zuvor dort als Tierarzt tätig. Dressen ist – aus Zürcher Bauchnabelsicht – ein strebsamer deutscher Zoologe ohne Bezug zu Zürich.

Der neu gewählte Direktor des Zoo Zürich, Severin Dressen, flankiert von VR-Präsident Martin Naville (links) und Zoodirektor Alex Rübel. Foto: PD

Passt das? Der Berliner Arne Lawrenz darf es sagen: «Er ist nicht so ein Deutscher, wie sie in der Schweiz nicht gut ankommen.» Er könne das beurteilen, denn er habe viele Freunde in der Schweiz, sei «schweizaffin». Dressen sei nicht forsch unterwegs, eher zurückhaltend. Kein Klischee-Ruckzuck-Zackzack-Deutscher also? «Von seinem Werdegang her ist er multikulturell geprägt, eher englisch, ist auch mit einer Engländerin verheiratet.» Er werde es schaffen, dass die Schweizer ihn mögen würden, ist Lawrenz überzeugt. «Wenn nicht er, dann niemand.»

Stets ein Ziel vor Augen

Die Frage geht nun an Naville: Kann es Dressen gelingen, den Zoo Zürich in allen Bevölkerungsschichten, bei Kindern und Seniorinnen zu repräsentieren, wie dies Rübel so meisterhaft gelang? Es ist noch kein Rübel vom Himmel gefallen – so könnte man Navilles Antwort zusammenfassen. «Auch Alex Rübel war, als er Zoodirektor wurde, noch nicht der Alex Rübel von heute.»

Ein Grossprojekt entsteht: Überflug über die Baustelle der Lewa Savanne im Zoo Zürich. Video: Youtube/Zoo Zürich

Dressen sei vom Auftreten und Umgang her Rübel gar nicht so unähnlich. Wieder fällt als erstes Wesensmerkmal das Adjektiv «zurückhaltend». Gefolgt von «überlegt». Dressen sei unglaublich gut vorbereitet zum Vorstellungsgespräch gekommen, habe aber nicht gleich drauflosgeschwatzt. «Er hat zuerst kurz überlegt, dann sachlich und fachkundig geantwortet und uns seine Ideen für den Zoo der Zukunft vorgestellt.» Diese Vorstellungen seien innovativ, fussten aber auf dem starken Fundament, das Rübel gebaut habe.

Es gibt noch eine andere Parallele zu Rübel: Für beide war schon früh klar, was sie werden wollen, nämlich Zoodirektor. Severin Dressen beschloss mit dreizehn, dereinst einen grossen Zoo zu leiten, und nahm das sofort in Angriff. Wenige Monate später arbeitete er als Hilfstierpfleger im Zoo Köln, und all seine weiteren Tätigkeiten richteten sich auf dieses Ziel aus. Nun, mit 31, hat er es erreicht.

Erstellt: 11.11.2019, 21:04 Uhr

Auf den neuen Direktor warten grosse Aufgaben

Wie wird sich der Zoo Zürich unter Severin Dressen entwickeln? «Weiterhin sehr innovativ», ist Zoo-Präsident Martin Naville überzeugt. Anders gehe es gar nicht, da man auch weiterhin zu den besten Zoos der Welt gehören wolle. Doch eigentlich ist der Zoo Zürich gebaut. Im Frühling wird die Lewa-Savanne eingeweiht, eine Freiluftvoliere ist in Planung, die letzte Landreserve liegt unterhalb des Zoolino. Dort sollen die Gorillas hinkommen. «Ein Zoo wird alle 50 Jahre total umgegraben», entgegnet Naville. «Dabei werden neue Erkenntnisse zur verhaltensgerechten Tierhaltung und zum Natur- und Artenschutz sowie neue Gesetze umgesetzt.»

Dazu kommen neue Ansprüche der Besucher. Wichtig sei, die Chancen, welche die Digitalisierung biete, sinnvoll zu nutzen. «Wenn wir uns als Schaufenster der Natur verstehen, müssen wir den Besucherinnen und Besuchern immer wieder etwas Neues bieten», sagt Naville, «Info-Apps, 3-D-Brillen und so weiter.» Wird der Zoo dadurch nicht allmählich zum virtuellen Erlebnis? «Das ist der Punkt: Wir wollen unterhaltend informieren, ohne dass die Kinder mit dem Handy vor Augen durch die Masoala-Halle spazieren.» In der Ära Rübel hat sich der Zoo Zürich zu einem Naturschutzzentrum mit starker Bindung zu Naturschutzprojekten vor Ort entwickelt. Soeben hat er für sein langjähriges Engagement in Madagaskar den Naturschutzpreis des Weltzooverbandes erhalten. «Diese Funktion wird in Zukunft noch ausgeprägter sein», so Naville. Severin Dressen soll es richten.

Helene Arnet

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