Neurologe mit Familienanschluss

Der Kolumbianer Francisco Lopera erforscht eine weitverzweigte Familie, die an einer vererbten Form von Alzheimer leidet.

Die Verbreitung von Alzheimer verlangsamen ist sein Ziel: Francisco Lopera. Foto: Juan Arredondo

Die Verbreitung von Alzheimer verlangsamen ist sein Ziel: Francisco Lopera. Foto: Juan Arredondo

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Es stimmt zwar nicht, dass Francisco Lopera von Rebellen gekidnappt wurde, als er im Nordwesten Kolumbiens Blutproben sammelte. Dennoch ist das Forscherleben des Neurologen eindrücklich. Lopera setzt sich seit mehr als 30 Jahren für Patienten ein, die an einer seltenen, vererbten Form der Alzheimer-Krankheit leiden. Im Departement Antioquia lebt eine Familie, die mehr als 5000 Mitglieder zählt, Nachkommen eines spanischen Einwanderers, der im 17. Jahrhundert ein krankhaft verändertes Gen trug. Wer es erbt, wird bereits mit Ende 40 vergesslich und pflegebedürftig.

Vor kurzem berichtete Lopera zusammen mit einem internationalen Forscherteam von einer Angehörigen, die trotz der Genveränderung nicht krank wurde. Aus dem Fall wollen Wissenschaftler nun lernen, wie sie Alzheimer zukünftig bremsen können. Dieses Ziel hat Lopera seit langem. Während seiner Facharztausbildung in einem Spital in Medellín fiel ihm ein komplett verwirrter Mann auf. Die Symptome erinnerten ihn an die eigene Grossmutter, die Alzheimer hatte. Aber das Alter des Patienten passte nicht. Er war erst 47. In der Regel tritt Alzheimer ab 60 Jahren auf.

Als die Angehörigen berichteten, dass in der Familie des Mannes weitere Mitglieder derart früh ihr Gedächtnis verloren hatten, wurde der Mediziner hellhörig. Eine Erbkrankheit? In den nächsten Jahren besuchte Lopera die Familie in einem abgeschiedenen Dorf nördlich von Medellín. Er hörte immer mehr Familiengeschichten mit immer mehr Betroffenen, die dieser «Fluch» ereilt hatte. Bald halfen Mitarbeiter Stammbäume zu erstellen und Blutproben zu sammeln. «Ja, dabei ist ein Team einmal in eine Strassensperre von Guerillas geraten», sagt Diego Sepulveda-Falla vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ein ehemaliger Mitarbeiter von Lopera und langjähriger Freund. «Aber gekidnappt wurde Lopera nicht.»

Gehirne von Verstorbenen könnten helfen

Nach fast zehn Jahren fand Lopera schliesslich die Genveränderung, welche die Menschen krank macht, in einem Gen mit Namen Presenilin 1. Seitdem hat sich die Arbeitsgruppe von Neurowissenschaftlern, die er an der Universität von Antioquia aufgebaut hat, stark vergrössert. Forscher und Pharmafirmen kooperieren mit Lopera. Derzeit läuft eine Studie mit einem Medikament, das allerdings Alzheimer-Patienten mit dem häufigeren, späten Krankheitsverlauf nicht half. Die Theorie, warum es wie so viele andere Wirkstoffe in Studien mit Alzheimer-Patienten scheiterte, ist: weil sie zu spät eingesetzt werden. Sobald Symptome wie Vergesslichkeit auftreten, ist das Gehirn schon irreparabel geschädigt. Lopera testet an noch gesunden Familienmitgliedern, ob ihr Schicksal abzuwenden ist.

Mit der Uniklinik in Hamburg kooperiert Lopera in einem besonderen Projekt: Sepulveda-Falla untersucht zusammen mit Markus Glatzel die Gehirne von Verstorbenen der kolumbianischen Alzheimer-Familie. Diese Spendenbereitschaft erstaunt Glatzel. Das zeige, wie sehr die Familienmitglieder Lopera schätzten. Der 68-Jährige kommt noch immer jeden Tag ins Institut. Er nehme sich stets die Zeit, den Betroffenen und Angehörigen die Hände zu schütteln, sagt Glatzel. Wissenschaftliche Veröffentlichungen seien nicht Loperas Antrieb. «Es geht ihm um seine Patienten.»

Erstellt: 15.11.2019, 22:16 Uhr

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