Farage lehnt Wahlpakt mit Johnson ab

Der Chef der Brexit-Partei hilft dem Premier nicht mehr. Für die Tories ist das eine schlechte Nachricht vor den Wahlen. «Sie haben Angst vor uns», sagt Farage.

Wahlkampf auf englisch: Nigel Fa­rage geht lautstark auf Stimmenfang. Foto: PA Images, Getty Images

Wahlkampf auf englisch: Nigel Fa­rage geht lautstark auf Stimmenfang. Foto: PA Images, Getty Images

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Am Donnerstag war Nigel Fa­rage in Hull. Dort, im Nordosten Englands, fühlte sich der Chef der Brexit-Partei sichtlich wohl. Kein Wunder, hatten doch 67,6 Prozent der Wähler in Hull beim Referendum über den EU-Austritt «leave» gestimmt. Nach seiner Wahlkampfrede genoss Farage jedenfalls den Applaus. Doch so richtig zum Jubeln war ihm nicht zumute. Dafür waren die vergangenen Tage wohl zu aufreibend gewesen. Farage fand sich in einer ungewohnten Rolle wieder: Anstatt andere vor sich herzutreiben, geriet er selbst unter Beschuss. In Hull versuchte er nun den Befreiungsschlag.

Farage sagte: «Wir werden gegen Labour kämpfen.» Die Brexit-Partei werde in jedem Wahlkreis antreten, den Labour bei der letzten Parlamentswahl errungen habe. Tue seine Partei das nicht, blieben die Bürger zu Hause. Nur wer die Brexit-Partei wähle, könne sicher sein, dass er auch wirklich für einen klaren Brexit stimme, sagte Farage und kam sogleich auf Boris Johnson zu sprechen.

Deal kam nicht zustande

Für den Premierminister ist Farages Entscheidung keine gute Nachricht. Bis zuletzt hatten seine Tories versucht, den Brexit-Partei-Chef davon zu über­zeugen, seine Kandidaten aus Wahlkreisen zurückzuziehen, in denen ein knappes Ergebnis zwischen Labour und den Konservativen erwartet wird. Am Donnerstagnachmittag endete die Frist für die Nominierung von Kandidaten.

«Die Konservativen stellen ihre Interessen über die Interessen des Landes.»Nigel Farage, Chef der Brexit-Partei

Der Druck auf Farage, den Tories entgegenzukommen, war bis zuletzt hoch. Doch am Ende entschloss sich der Chef der Brexit-Partei, Johnson nicht weiterzuhelfen. Nein, sagte Farage in Hull, er könne Boris nicht trauen. Und um zu beweisen, warum das so ist, erzählte er eine Geschichte aus dem September. ­Damals habe er Johnson einen Pakt angeboten, eine sogenannte ­«leave alliance». Der Deal wäre ganz einfach gewesen: Um Labour-Wahlkreise zu erobern, hätten sich Tories und die Brexit-Partei abgesprochen, wer von beiden einen Kandidaten aufstellt. Damit, so Farage, wäre es bei der Parlamentswahl am 12. Dezember zu einem klaren Pro-Brexit-Votum gekommen.

Doch Johnson, so erzählte es Farage in Hull, habe diesen Vorschlag abgelehnt. Vergangene Woche versuchte der Brexit-Partei-Chef noch ein letztes Mal, den Premierminister zu überzeugen. Er kündigte an, dass seine Partei in all jenen Wahlkreisen nicht antreten werde, die bislang in der Hand der Konservativen sind. Für Johnson war das eine gute Nachricht, kann er sich doch sicher sein, diese Sitze zu verteidigen.

Nur in 40 Wahlkreisen

Doch anstatt sich auf Farages Seite zu stellen, blies Johnson zum Angriff: Er versuchte, die Brexit-Partei-Kandidaten davon zu überzeugen, zugunsten der konservativen Kandidaten zurückzustecken. Am Donnerstagmorgen berichtete Johnsons Haus- und Hofzeitung «The ­Daily Telegraph», dass die Konservativen die Brexit-Partei dazu gedrängt hätten, nur in 40 der 600 Wahlkreise anzutreten.

Farage sprach bei seinem Auftritt in Hull von einer «Schande». Während er spreche, würden seine Parteifreunde in den Wahlkreisen noch immer von An­rufen der Tories belästigt. Der Brexit-Partei-Chef zeigte sich enttäuscht. Er hätte von Johnson «ein gewisses Mass an Entgegenkommen» erwartet, nachdem er sich entschieden habe, nicht in den konservativ dominierten Wahlkreisen anzutreten. Doch anstatt auf ihn zuzugehen, werde ihm von Tory-Seite vorgeworfen, die Pro-Brexit-Wählerschaft zu spalten. Für ihn, Farage, stehe deshalb fest: «Die Konservativen stellen ihre Interessen über die Interessen des Landes.» Anders als er wolle Johnson keinen sauberen Schnitt mit der EU.

Aus dem Lager des Premierministers hiess es nach Farages Ankündigung, dass der Brexit nur vollendet werden könne, wenn es nach der Wahl eine konservative Mehrheit im Unterhaus gebe. Die Botschaft war klar: Mit Farage möchte Johnson nicht gemeinsame Sache machen; er möchte nicht von der Brexit-Partei abhängig sein.

Um eine stabile Mehrheit für die Tories zu erreichen, muss Johnson nun im Nordosten Englands und den West Midlands um Birmingham darauf hoffen, neue Wahlkreise für sich zu erobern. Doch nach Farages Ankündigung, in diesen Labour-Hochburgen mit der Brexit-Partei anzutreten, wird es für Johnson noch schwerer, dieses Ziel zu erreichen. Farage sagte am Donnerstag nicht ohne Grund: «Sie haben Angst vor uns.»

Erstellt: 14.11.2019, 19:48 Uhr

Johnson will sich nicht abhängig machen

Nigel Farage hat aufs falsche Pferd gesetzt. Der Chef der Brexit-Partei dachte, dass Boris Johnson einen Deal mit ihm schliessen würde. Zusammen mit dem Premierminister wollte Farage einen Pakt schmieden, um bei der Wahl am 12. Dezember eine klare Pro-Brexit-Mehrheit im Unterhaus zu erreichen. Doch anstatt auf Farages Angebot einzugehen, warf ihm Johnson den Fehdehandschuh hin. Das ist zwar riskant, aber richtig.

Der Premier will die Mehrheit für seine Konservative Partei allein. Nur so glaubt er, seinen umstrittenen Brexit-Vertrag durch das Parlament bringen zu können. Ob das gelingt, ist völlig offen. Klar ist nur: Boris Johnson will das Vereinigte Königreich aus der EU führen, aber nicht zu Farages Bedingungen. Der Premier will sich von der Brexit-Partei nicht abhängig machen. Er will sich nicht von Farage unter Druck setzen lassen.

Obwohl es für Johnson nun schwieriger wird, eine stabile Mehrheit für die Konservativen zu erlangen, ist seine Entscheidung zu begrüssen. Der Premier hat die Tories schon nach rechts gerückt; aber so gross ist deren Not nicht, als dass sie sich auch noch in die Arme Farages begeben müssten.

Alexander Mühlauer

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