Plötzlich bleiben die Fluggäste weg

Die Zahl der Lokalpassagiere in Zürich könnte erstmals seit Jahren zurückgehen. Weil einzelne Fluggesellschaften ihr Angebot gestrafft hätten, sagt der Flughafen.

Das Wachstum der letzten Jahre geht fast ausschliesslich aufs Konto von Ferienreisen: Eine Lufthansa-Maschine in Kloten. Foto: Urs Jaudas

Das Wachstum der letzten Jahre geht fast ausschliesslich aufs Konto von Ferienreisen: Eine Lufthansa-Maschine in Kloten. Foto: Urs Jaudas

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Zehn Jahre lang gab es bei der Zahl der Lokalpassagiere am Flughafen Zürich nur eine Richtung: nach oben. Knapp 14 Millionen Menschen flogen 2009 von und nach Zürich – 2018 waren es bereits 22 Millionen. Das entspricht einem Plus von gut 57 Prozent. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wuchs die Bevölkerung im Kanton Zürich um rund 12 Prozent.

Dieses rasante Wachstum ist umso bemerkenswerter, als die Zahl der Flugbewegungen seit Jahren relativ stabil ist, sie schwankt zwischen 260'000 und 280'000.

Doch 2019 zeigt sich plötzlich ein völlig anderes Bild. Seit Juli hat der Flughafen Monat für Monat Lokalpassagiere verloren – am meisten im Oktober, einem traditionell eigentlich starken Monat: Mit knapp 2,1 Millionen Fluggästen von und nach Zürich resultierte ein Minus von 2,7 Prozent gegenüber Oktober 2018. Schon in der ersten Jahreshälfte waren mit April und Mai zwei Monate rückläufig, ein starker Juni machte die Verluste aber mehr als wett. Dennoch ist es gut möglich, dass der Flughafen 2019 erstmals seit zehn Jahren weniger Lokalpassagiere als im Vorjahr verzeichnet.

Ein Grund zur Beunruhigung ist das für Mediensprecher Philipp Bircher nicht. Weil die Airlines gleichzeitig deutlich mehr Transitpassagiere an Bord holen konnten, rechnet der Flughafen für das laufende Jahr dennoch mit etwa 2 Prozent mehr Reisenden als 2018. Bircher verweist auch auf die letzten beiden Jahre, die mit 5,8 und 6,3 Prozent ein starkes Wachstum brachten: «Wir haben nur schon deshalb eine gewisse Konsolidierung erwartet.»

Konjunktur schwächelt

Was aber ist die Ursache für die schwächeren Zahlen? Eindeutig zu beantworten ist diese Frage mangels detaillierter Statistiken für das laufende Jahr nicht. Bekannt ist nur so viel: Das Wachstum der letzten Jahre geht fast ausschliesslich aufs Konto von Ferienreisen.

Die Geschäftsfliegerei hat hingegen stark an Bedeutung verloren; Grosskonzerne wie UBS, CS und Zurich haben Flugreisen aus ökologischen, aber auch aus Kostengründen stark eingeschränkt. Umfragen des Flughafens zeigen, dass 2011 noch 38 Prozent der Fluggäste in Zürich geschäftlich unterwegs waren, letztes Jahr nur noch 27 Prozent.

Hat die Urlauber also die Flugscham gepackt? Bircher winkt ab: «Das glaube ich nicht.» Er macht eher konjunkturelle Gründe für die sinkenden Passagierzahlen geltend: «Bei der Luftfracht ist das Volumen schon länger rückgängig – und die Luftfracht ist meist ein guter Vorbote für die Entwicklung der Passagierzahlen.» Hier mache sich wohl eine generelle Unsicherheit, ausgelöst durch die Brexit-Wirren und den Handelsstreit zwischen den USA und China, bemerkbar.

Hinzu komme, dass einige Airlines, unter anderem Easyjet, Vueling und Chair, auf den Herbst hin ihren Flugplan bereinigt hätten, so Bircher. Weggefallen sind unter anderem eine Reihe von Flügen nach Berlin und Hamburg. Grund sei wohl, dass zum Beispiel Easyjet die Kapazitäten nach dem Ende von Air Berlin stark ausgebaut habe: «Nun kommt die Korrektur nach unten.» Dafür biete die Swiss mehr innereuropäische Verbindungen an.

«Gewisse Zurückhaltung»

Auch Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands (SRV), hat noch nicht beobachtet, dass die Schweizerinnen und Schweizer neuerdings auf Flugreisen verzichten. Zwar spricht er von einer «gewissen Zurückhaltung», 2019 werde wohl kein neues Rekordjahr wie 2018. Dafür gebe es aber mehrere mögliche Gründe. Ein Faktor sei, dass Topdestinationen zunehmend überlaufen seien. «Den grössten Effekt dürfte aber der grandiose Sommer 2018 gehabt haben», glaubt er, «für etliche Leute dürfte das ein Grund gewesen sein, über die Sommermonate hier zu bleiben.»

Uneinheitlich sind die Zahlen auch bei Railtour/Frantour. Zwar sei die Nachfrage nach Bahnreisen gestiegen, vor allem «Erlebniszugreisen» wie Transsib, Glacier Express und Seidenstrasse verzeichneten einen zweistelligen Zuwachs, sagt Sprecherin Liliane Rotzetter. Auch Reisen mit dem Nachtzug boomen; in Städte wie Wien, Hamburg und Rom und selbst in klassische Flugdestinationen wie London fahren die Leute öfter mit der Bahn. «Allerdings sind Reisen per Flug in die Städte nicht markant zurückgegangen», so Rotzetter.

Wachstum rundherum

Ein grösserer Trend lässt sich aus der Zürcher Wachstumsflaute ohnehin nicht herauslesen. Der Euro-Airport Basel erwartet für 2019 erstmals über neun Millionen Fluggäste, fast eine halbe Million mehr als letztes Jahr. In Wien stieg die Zahl der Passagiere in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres um fast 20 Prozent. Die grossen deutschen Flughäfen sind ebenfalls teilweise markant im Plus.

Dennoch: Ein klein wenig Flugscham ist spürbar. Die Stiftung Myclimate, hierzulande die bekannteste Organisation für CO2-Kompensationszahlungen, ist auf Rekordkurs, ebenso ihr deutsches Pendant Atmosfair.

Der Flughafen geht derweil nicht davon aus, dass ihm der Klimaschutz demnächst einen Strich durch die Rechnung macht. Er erwartet auch in Zukunft zwei bis drei Prozent mehr Fluggäste pro Jahr.

Erstellt: 14.11.2019, 22:23 Uhr

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