Machen flexible Arbeitszeiten wirklich glücklich und gesund?

Das Parlament will längere Arbeitstage erlauben. Wer Arbeit frei einteilen kann, brenne weniger schnell aus. Der Haken daran.

Zu Hause im Einsatz für den Betrieb: Viel Freiheit hat, wer sich den Arbeitstag selber einteilen kann. Foto: Michael Turek

Zu Hause im Einsatz für den Betrieb: Viel Freiheit hat, wer sich den Arbeitstag selber einteilen kann. Foto: Michael Turek

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Kann man länger intensiv und viel arbeiten, ohne krank zu werden? Was sind die Voraussetzungen dafür? Diesen Fragen sind der Zürcher Uniprofessor und Präventivmediziner Georg Bauer und zwei seiner Mitarbeiter im Auftrag des Verbandes Expertsuisse nachgegangen. Das kürzlich publizierte Arbeitspapier skizziert «den Zusammenhang von flexibilisierten Arbeitszeiten und Gesundheit».

Die Kurzantwort ist Ja, Arbeitnehmer mit viel Freiheit sind «bis zu einem gewissen Grad vor Erschöpfung durch lange und intensive Arbeit geschützt». Sie profitierten vom «motivierenden Potenzial der Autonomie und deren Effekt auf das Verhältnis von Beruf und Privatleben». Autonomie puffert gegen die negativen Konsequenzen von Arbeitsbelastungen. Damit stellt Bauer die Position der Gewerkschaften infrage, wonach eine Lockerung der Arbeitsbestimmungen von Angestellten per se krankmachend sei.

Das Papier ist brisant, weil Bundesbern zurzeit über eine Lockerung der Arbeitszeitvorschriften spricht. Die Öffentlichkeit hat bis Ende November Zeit, zum Gesetzesentwurf Stellung zu nehmen. Die Gewerkschaften drohen bereits mit einer Volksabstimmung, sollte die Flexibilisierung des Arbeitsgesetzes im Parlament durchkommen.

Nur echte Freiheit schützt

Doch dann das grosse Aber der Autoren: «Die Arbeitsautonomie ist nur dann schützend und motivierend, wenn es sich um eine echte, selbst gewünschte und selbstbestimmte Gestaltung der Arbeit handelt.» Viel Freiheit hat, wer sich den Arbeitstag und die Woche selber einteilen kann.

Die Forscher skizzieren auch das Negativszenario. Wenn der Arbeitgeber über die Arbeitsdauer und den Einsatzort bestimmt, wirkt sich das «ungünstig auf das Engagement und Wohlbefinden aus», weil die Arbeit nicht vorhersehbar sei und die Autonomie beeinträchtigt werde. Sie warnen: «Eine Arbeitszeit-Autonomie sollte nicht gleichzeitig mit einer outputorientierten, unrealistischen Zielsetzung seitens des Managements einhergehen, da sie sich sonst ungünstig auswirken kann.» Als Folge nennen sie «neben allgemein schlechterer geistiger und körperlicher Gesundheit insbesondere ein häufigeres Auftreten von Depression, Burn-out und psychosomatischer Symptome».

Ab 8 Stunden sinkt die Produktivität

Etwas theoretisch tönt die Lösung der Forscher. Sie sprechen von der Notwendigkeit eines «psychologischen Vertrags» zwischen Angestellten und Vorgesetzten, der «über die offiziellen Regelungen hinaus» gehe und die gegenseitigen Erwartungen regle. Sie nennen es «eine partizipative Gesundheitsentwicklung».

Bauer bestätigt mit seiner Arbeit auch die absoluten Limiten, die von den Gewerkschaften ins Feld geführt werden: Ab 8 Stunden pro Tag sinkt die Produktivität pro geleistete Arbeitsstunde, die Zahl der Fehler nimmt zu. Wer wöchentlich über 48 Stunden arbeitet, für den «steigt das Gesundheitsrisiko mit zusätzlichen Arbeitsstunden an».

Bauer findet wissenschaftliche Nachweise dafür, dass eine Flexibilisierung der Arbeitszeit zu durchschnittlich längeren Arbeitszeiten führt, im Schnitt um etwa 90 Minuten pro Woche. Damit scheint sich zu bestätigen, was Arbeitnehmerverbände seit längerem monieren, nämlich dass die Absenz oder Missachtung von Arbeitszeitregeln zu langen Arbeitstagen und führten.

Gerangel hinter den Kulissen

Pikant ist das Hin und Her bis zur Publikation des Arbeitspapiers. Es stammt vom März 2016 und blieb bis vor kurzem unter Verschluss. Der Auftraggeber, der Verband Expertsuisse, ist die treibende Kraft hinter der Vorlage zur Liberalisierung der Arbeitszeit. Mithilfe dieser Quasistudie weibelte er bei Politikern für die Vorlage.

Vor drei Wochen zitierte die NZZ zwei Sätze daraus, ohne den Autor zu nennen. Der politische Gegner von Expertsuisse, der Gewerkschaftsbund, verlangte die Herausgabe, die ihm zuerst verweigert wurde. Professor Bauer seinerseits forderte von Expertsuisse, das Resultat zu veröffentlichen.

Schliesslich sah sich der Wirtschaftsberaterverband gezwungen, das Ganze online zu stellen. Bauer betont, seine Arbeit sei «eine erste Auslegeordnung», keine Studie. Er fasst den Stand der Wissenschaft zusammen und interpretiert. Auch gebe es noch offene Fragen, die nicht erforscht seien, etwa, wie sich die Gesundheit entwickelt, wenn man über mehrere Monate viel Arbeitszeit erträgt und danach kompensiert.

«Abschaffung ist gesundheitsgefährdend»

Die Wissenschaftlerin der Eidgenössischen Arbeitskommission, die Lausanner Arbeitsmedizinerin Brigitta Danuser, lobt Bauer. Sein Papier sei «gut und stringent gemacht». Sie betont das Negativszenario: «Leute, deren Arbeitstag mit Terminen oder Aufgaben getaktet ist, arbeiten nicht selbstbestimmt.» Sie riskierten, bei hoher Arbeitsbelastung viel schneller in gesundheitliche Probleme zu geraten.

Dies gelte auch für Kader- und Fachleute, die laut Gesetzesentwurf von der Revision betroffen wären. «Chef oder Spezialist sein heisst nicht, automatisch über eine grössere Autonomie zu verfügen», so Danuser. Die Gesetzesvorlage nehme fälschlicherweise an, dass Kader- und Fachleute per se einen höheren Selbstbestimmungsgrad hätten und deshalb gesünder arbeiteten. «Dies ist ein Trugschluss. Viele sind nicht selbstbestimmt. Deshalb ist die Abschaffung der Ruhezeitbestimmungen und der Arbeitszeitkontrolle für sie gesundheitsgefährdend.»

Erstellt: 02.10.2018, 21:47 Uhr

Joggen erholsamer als Baden

Das Arbeitspapier von Professor Georg Bauer von der Uni Zürich erhält einige interessante Details.

Ferien: Der Forschung gelang es bislang nicht, eindeutige und nachhaltig positive Effekte von Ferien auf arbeitsbedingte Belastungen und ihre Folgen wie Burn-out aufzuzeigen.

Pausen und Freizeit: Erfolgversprechender ist es, auf alltägliche Erholung zu fokussieren. Die Wirkung von Pausen und der freien Zeit nach Feierabend scheinen stärker zu sein als Ferien. «Ein gutes Pausenmanagement ist wichtig, um Belastungen zu reduzieren und die Produktivität aufrechtzuerhalten», so Bauer.

Sport: Am meisten zur Erholung, das heisst zur Entspannung und Abgrenzung, tragen körperliche Aktivitäten bei, während soziale und «sogenannte Low-Effort-Aktivitäten», etwa ein warmes Bad nehmen oder ein Buch lesen, das Befinden nur teilweise verbessern.

Was in dem Papier fehlt, sind die Ergebnisse neuerer Studien, die das gesundheitsschädigende Zusammenspiel von häuslicher und beruflicher Doppelbelastung beschreiben. Darunter leiden laut der Arbeitsmedizinerin Brigitta Danuser vor allem Frauen, weil sie viel häufiger als Männer sowohl überwiegend die Kindererziehung und Hauspflege besorgten und einen Job bewältigten. «Fehlt ihnen die Erholung und ein guter Hütedienst, sind sie gefährdeter als andere.» (val)

Die geplante Gesetzesreform

Die tägliche minimale Ruhezeit soll verkürzt, die maximale Wochenarbeitszeit durch ein Jahressoll ersetzt werden. Mit den skizzierten Paragrafen wird ein 13,5-Stunden-Arbeitstag möglich. Die Gewerkschaften sprechen gar von 17 Stunden Erreichbarkeit pro Tag. Das Sonntagsarbeitsverbot für Büroarbeit soll für Leute, die von zu Hause aus arbeiten, fallen, unter der Voraussetzung, dass sie damit einverstanden sind. Ob sich alle dagegen wehren können, wenn es von ihnen verlangt wird, ist eine andere Frage. Die neuen Vorschriften dürften 20 bis 40 Prozent der Angestellten treffen. (val)


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