Rauchende Köpfe auf beiden Seiten

Die Tabakindustrie darf von Gesetzes wegen nicht mehr leugnen, dass ihre Produkte töten. Sie muss deshalb neue Wege gehen – und weiter Junge anfixen.

Es sind die Jungen, die die E-Zigarette zum Erfolg führen sollen. Foto: Getty Images

Es sind die Jungen, die die E-Zigarette zum Erfolg führen sollen. Foto: Getty Images

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«Adult Choice»: Wer immer diesen Slogan kreiert hat, sollte den Nobelpreis für manipulatives Marketing bekommen, den Doppelzynismus-Award für das, was der Kommunikationspsychologe Paul Watzlawick als paradoxe Kommunikation definiert hat: das Gegenteil dessen zu sagen, was man will, um gerade dadurch zu erreichen, was man sagen will. Adult Choice, eine erwachsene Wahl – das heisst doch nichts anderes, als was sich jeder 15-Jährige wünscht: auf coole Art erwachsen zu sein.

Darum ist der Kampf so wichtig, der in den USA um die E-Zigaretten geführt wird, und besonders um die Produkte der Firma Juul, die bei den Jugendlichen so gut ankommen, weil sie, wie uns ein Fachmann sagte, aussehen wie iPhones. Alles beim Einstieg hat mit Coolness zu tun. Kiffen wurde in Amsterdam in jenem Moment uncool, als senile 60-Jährige entlang der Grachten umhertorkelten. Heroin verlor bei uns seine Attraktion, als Fixer bei den Jungen als Verlierer galten. Es gibt bei Jungen nichts Schlimmeres als Verlierer.

Erstaunlicherweise hat das nichts, aber wirklich gar rein nichts mit dem Aussehen zu tun. Wer erinnert sich nicht an die menschlichen Ruinen, die über die Gleise des Letten ­wankten, vom Wahn zerstört, hysterisch, nackt, wie Allen Ginsberg geschrieben hatte über die besten Köpfe seiner Generation.

Coolness definiert sich nicht über Gesundheit, leider nicht, wie man erst im Alter erfährt.

Coolness definiert sich nicht über Gesundheit, leider nicht, wie man erst im Alter erfährt, wo Gesundheit nicht nur das coolste, sondern das wertvollste Gut ist von allen. Sondern sie definiert sich über die Vorstellung, auf irgendeine Weise rebellisch zu sein.

Was die Tabakindustrie nicht einmal inoffiziell leugnen darf, weil sie von Gesetzes wegen dazu gezwungen wurde, dass nämlich ihre Produkte Menschen töten, millionenfach, hält Milliarden von Konsumentinnen und Konsumenten nicht davon ab, sich umzubringen. Und weil das den Gesundheitsbehörden nicht gefallen kann, versuchen sie etwas dagegen zu unternehmen. Das betrifft die regulären Zigaretten. Und es betrifft die neuen E-Zigaretten. Und es betrifft die supercoolen Juul-Zigaretten, die aussehen wie iPhones zum Rauchen, und was ist cooler als das? In den USA, so oft der Trendsetter im ­Konsumverhalten, explodiert bei den Jungen der Konsum. Sie inhalieren reines Nikotin, das hochgradig abhängig macht.

Was Nikotin im Körper sonst noch bewirkt, müssen Langzeitstudien erst beweisen, aber die Geschichte von Suchtstoffen lehrt, dass selten Gutes passiert, wenn Menschen süchtig werden. Auch hat die Tabakindustrie in ihrer sehr, sehr erfolgreichen Geschichte nichts produziert als gigantischen Profit für sich und Elend und Tod für ihre Kunden.

Alle ihre Behauptungen und Beteuerungen haben sich als Lügen erwiesen, jede ihrer Beteuerungen, von der Light-Zigarette zur Filterzigarette war eine Scheinheiligung, alle ihre Studien und ärztliche Gutheissung erwiesen sich als Schönschreiberei, und wenn sie jetzt sagt, die E-Zigarette sei so viel gesünder, mag das sogar stimmen, aber auch das ist nichts anderes als ein PR-Trick, um Raucher bei der Zigarette zu halten und auf gutes Gewissen zu machen. Wer die neuen Sorten raucht, kehrt früher oder später zu den alten zurück, aus dem einfachen Grund, weil die mehr einfahren. So funktioniert Sucht: Es muss ganz schnell etwas passieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2018, 21:43 Uhr

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