Reparieren soll sich wieder lohnen

Eine Mitte-links-Allianz will mit einem Strauss von politischen Vorstössen die Lebensdauer von Geräten verlängern.

Ersatzteile sind zu teuer: Hat ein Handy Sprünge im Glas, wird es heute entsorgt statt repariert. Foto: Keystone

Ersatzteile sind zu teuer: Hat ein Handy Sprünge im Glas, wird es heute entsorgt statt repariert. Foto: Keystone

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Das Handy fällt auf den Boden, das Glas hat danach einen Sprung. Dieses auszuwechseln, lohnt sich nicht, weil das ganze Display ersetzt werden müsste. Nach wenigen Jahren fällt der Drucker aus. Reparieren geht nicht, weil Ersatzteile fehlen. Mit den grössten Dauerärgernissen der Konsumenten soll jetzt Schluss sein. Angeführt vom Konsumentenschutz, will eine Mitte-links-Allianz für günstigere Reparaturen, eine längere Lebensdauer und mehr Nachhaltigkeit bei Gebrauchsgütern sorgen.

Prisca Birrer-Heimo, SP-Nationalrätin und Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz, hat zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern der CVP und der Grünliberalen ein entsprechendes Vorstosspaket entworfen. «Wir brauchen ein Recht auf Reparatur. Es darf nicht mehr sein, dass uns Hersteller von Haushalts- und Elektronikgeräten mit unzureichenden Garantien und kurzer Lebensdauer zwingen, neuwertige Apparate wegzuwerfen und immer wieder neue zu kaufen», sagt Birrer-Heimo.

Kernpunkt und brisanteste Forderung des Massnahmenpakets ist eine längere Garantiedauer. Die Schweizer Gesetzgebung ist hier äusserst defensiv. Während viele EU-Länder auf Produkte bis zu sechs Jahren Garantie gewähren, beträgt diese Frist in der Schweiz nur zwei Jahre, und diese kann sogar durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen umgangen werden. Jetzt soll die Garantiefrist auf fünf Jahre festgelegt werden.

Produzenten sollen dazu verpflichtet werden, Ersatzteile länger und günstig zur Verfügung zu stellen.

Zweite Stossrichtung: höhere Reparaturfreundlichkeit und langfristige Verfügbarkeit von Ersatzteilen. Die Motionen verlangen eine Deklarationspflicht zur Reparaturfreundlichkeit. Hersteller sollen zeigen müssen, welche Teile ihrer Geräte repariert werden können – und wie gut –, damit sich Konsumenten bewusst für reparaturfreundliche Geräte entscheiden können.

Im weiteren sollen Produzenten dazu verpflichtet werden, Ersatzteile länger und günstig zur Verfügung zu stellen. Heute sind diese oft nach wenigen Jahren gar nicht mehr erhältlich. Deshalb sollen die Hersteller in Zukunft den Reparaturstätten die Konstruktionsdaten von nicht mehr verfügbaren Ersatzteilen im Internet frei zugänglich machen. Im Zeitalter von 3-D-Druckern, so hoffen die Politiker, könnten so günstige Ersatzteile nachgebildet werden.

Schliesslich soll zukünftig die Mindestlebensdauer von Geräten transparent auf der Verpackung deklariert werden. «Hersteller wissen heutzutage sehr genau, welche Lebensdauer ihre Geräte und die einzelnen Bauteile haben. Die Konsumenten müssen deshalb wissen, was sie kaufen», verlangen die Konsumentenschützer.

Die Konsumenten sollen einfacher zu solideren und reparaturfreundlichen Geräten kommen und so ihr Portemonnaie entlasten. Darüber hinaus will man damit eine nachhaltige Produktion fördern. Aus wirtschaftlichen Gründen würden Händler so mittelfristig Produkte verkaufen, die länger halten und nicht mehr rasch, zum Beispiel nach Ablauf der kurzen Garantiefrist, den Geist aufgeben, so Birrer-Heimo.

Testfall für die grüne Wende im neu gewählten Parlament

Das Nachhaltigkeits- und Ökopotenzial von langlebigen Produkten ist jedenfalls gross. Die EU geht auf Druck von Konsumentenorganisationen und grünen Organisationen seit einiger Zeit in diese Richtung. Eine Studie des europäischen Umweltbüros – einem Netzwerk wichtiger Umweltorganisationen – hat ergeben, dass mit einer Verlängerung der Lebensdauer von Waschmaschinen und Laptops EU-weit 4 Millionen Tonnen CO?-Emissionen eingespart werden könnten. Um den gleichen Umwelteffekt zu erreichen, müssten 2 Millionen Autos mit Verbrennungsmotoren aus dem Verkehr gezogen werden.

In der EU scheint der politische Wille da zu sein, die Reparaturbewegung und die nachhaltige Produktion zu fördern. Eine weitere Verschärfung der Nachhaltigkeits- und Garantievorschriften ist geplant. In der Schweiz ist man bisher zurückhaltender. Ein ähnliches Massnahmenpaket haben Konsumentenschutz und Umweltpolitiker schon vor einigen Jahren eingereicht, sind aber in Bundesrat und Parlament damit gescheitert.

Jetzt hofft man auf die grüne Wende. Im Umweltdepartement sitzt inzwischen die SP-Frau und ehemalige Konsumentenschutz-Präsidentin Simonetta Sommaruga. Von ihr erwartet Birrer-Heimo mehr Unterstützung als von deren Vorgängerin Doris Leuthard. Und man setzt auf das neue, grünere Parlament. Die Parteien, deren Politiker am Paket mitarbeiten, haben zusammen mit den Grünen eine solide Mehrheit. Man müsse jetzt zeigen, dass man es mit Ökologie und Nachhaltigkeit ernst meine, sagt Birrer-Heimo. Das Garantie- und Reparaturpaket dürfte damit zu einem Testfall für die grüne Wende werden.



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Erstellt: 30.11.2019, 23:04 Uhr

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