Retter im Pullover

Sergio Marchionne war ein Manager mit Kultstatus. Richtig gross wurde der Italiener erst in der Schweiz. Auch weil er Christoph Blocher zu Millionen verhalf.

Der unzimperliche Sanierer Marchionne war schnell im Kopf – und im Auto. Bild: Greg Ruffing (Redux)

Der unzimperliche Sanierer Marchionne war schnell im Kopf – und im Auto. Bild: Greg Ruffing (Redux)

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Wenn man von einem Menschen zum Abschied sagt, er habe eine Epoche geprägt, dann sagt das noch nichts aus über die Qualität seines Handelns. Firmenretter gehören für gewöhnlich in die hehrste Kategorieder Epochenpräger. Und so mag es verwundern, dass die Italiener im Fall von Sergio Marchionne, dem Retter von Fiat, dem grossen Turnarounder, der nun nach einer komplizierten Operation in Zürich überraschend gestorben ist, nicht so recht wissen, wie sie seine Ära bewerten sollen. Sie streiten sich sogar.

Da ist alles dabei: von der Eloge bis zur recht pietätlosen Verwünschung. Und das hängt vor allem am Stellenwert dieses Betriebs.

Sergio Marchionne: Der Spitzenmanager im Pulli ist gestorben. Video: Tamedia

Weil in dessen Geschichte Marchionne so wichtig war, reisten italienische Journalisten vergangenes Wochenende nach Zürich vor den Eingang des Universitätsspitals. Schreiber, Kameramänner, Tontechniker, Fotografen – sie wollten Informationen, ein Bild, irgendwas. Eine Operation an der Schulter war es, eine Banalität hiess es. Doch was geschah danach? Die Journalisten harrten und warteten, tagelang – vergeblich. Gerüchte machten die Runde. War es ein Tumor? Ein Herzstillstand? Eine Gehirnembolie? Die Journalisten kehren ohne neuen Informationen heim, nur mit der Gewissheit: Marchionne ist tot.

Also erzählen sie noch einmal die Geschichte der Fabbrica Italiana Automobili Torino, gegründet 1899, ein Mythos, vielleicht ein ewiger. Es gibt kaum Familiengeschichten in Italien, die nicht auch von Fiat erzählen, direkt oder indirekt. In den Fabriken von Fiat trugen die Sozialpartner ihre grossen Kämpfe aus, die Politik mischte mit, manchmal artete es aus. Fiat motorisierte das Wirtschaftswunder nach dem Krieg, demokratisierte die Nutzung des Autos. Viele Italiener machten zum ersten Mal Liebe in einem Fiat 500. Hundert Jahre lang war Fiat der grösste Arbeitgeber des Landes.

Mamma Fiat am Boden

Als Sergio Marchionne, der Sohn eines Marschalls der Carabinieri aus den Abruzzen, der seine Jugend in Kanada verbracht hatte und einen schönen Teil seiner Karriere in der Schweiz, als globaler Manager in die Heimat zurückkehrte, lag Mamma Fiat am Boden. 2004 war das. Fiat verlor damals jeden Tag zwei Millionen Euro. Man hoffte auf einen Käufer aus Amerika.

Doch Marchionne hatte andere Pläne. Als Anwalt und Wirtschaftsprüfer kam er zwar nicht vom Fach, doch schien es ihm, als könne Fiat nur dann überleben, wenn die Firma wachse und durch Zukäufe ganz gross werde. Er verhandelte geschickt und lancierte frische Modelle mit einem besonderen Sinn für das Design. Vor allem die Neuauflage des Klassikers, des Fiat 500, wurde zum Renner. Er war der Kickstart in eine neue Zeit. Als sich dann die Möglichkeit bot, das grosse und arg angeschlagene amerikanische Autohaus Chrysler zu kaufen, griff Fiat zu.

Vielleicht konnte diese Mutation nur einem CEO gelingen, der zwar Italiener ist, die vielen Dimensionen der Institution also kennt, aber eben doch als Outsider dazukommt.

Bilder: Die Karriere des Sergio Marchionne

Den Grundstein seiner Karriere legte Marchionne in den 90er-Jahren in der Schweiz, damals noch mit Anzug und Krawatte. Marchionne war Konzernchef von Algroup (Alusuisse-Lonza) und versprach, alles zu unternehmen, um den Wert für die Aktionäre zu steigern. Es war die Zeit des Shareholder-Value-­Gedankens und des Strukturwandels und der Massenentlassungen. Eine Zeit wie gemacht für Männer wie Marchionne. Traditionsunternehmen gingen pleite und wurden verscherbelt, Manager profitierten.

500 Millionen für Blocher

Schon bald gelang Marchionne seine erste grosse unternehmerische Tat: Er spaltete die Chemiesparte Lonza ab und fusionierte Alusuisse mit der kanadischen Alcan. Das Ausbeinen des über 100-jährigen Konzerns machte die Aktionäre reich – allen voran Martin Ebner und Christoph Blocher, die rund 20 Prozent am Unternehmen hielten und im Verwaltungsrat sassen.

Marchionne bescherte Blocher (r.) und Ebner (l.) Millionen. Foto: Philippe Rossier (Keystone)

Marchionne verschaffte den beiden einen Gewinn von gegen 500 Millionen Franken, wie Analysten berechneten. Darauf übernahm Marchionne den Chefposten der geschrumpften Lonza. Sein Karriereweg war vorgezeichnet, 2002 wurde er zum Chef des Warenprüfkonzerns SGS. Auch SGS war ein Sanierungsfall.

Marchionne sanierte unzimperlich. Er trennte sich innerhalb von zwei Jahren von 3000 Mitarbeitern und verschaffte sich den Ruf des harten, rücksichtslosen Managers. «Wenn es hart sein soll, dass ich Leute zur Rechenschaft ziehe, wenn sie nicht halten, was sie versprechen, dann bin ich hart», sagte er in einem Interview mit der «Bilanz». Trotz der Härte verliere er jedoch nie die Menschlichkeit, fügte er an. Ihm gelingt in Rekordtempo der Turnaround bei SGS. Überhaupt, Marchionne lebte mit Tempo. Marchionne war schnell im Kopf – und im Auto.

Marchionne rauchte in Firmensitzungen häufig eine ganze Schachtel Zigaretten.

Mit dem Ferrari ging er auf die Rennstrecke, beschleunigte auf 300 km/h und sagte dazu: «Wenn du wütend bist, gibt es nichts Besseres als das.» Mit dem Ferrari pendelte er auch von seinem Wohnort Blonay am Genfersee nach Turin, wo er arbeitete. Er hatte in der Schweiz Zweithäuser in Walchwil ZG und Schindellegi SZ, machte Ferien in Flims – er konnte es sich leisten. Laut «Wall Street Journal» erzielte er zeitweise ein Jahreseinkommen von über 70 Millionen Dollar, die «Bilanz» listete Marchionne mit einem geschätzten Vermögen von 550 Millionen Franken auf Platz 181 der reichsten Schweizer.

Bei der SGS wurde Fiats Besitzerfamilie Agnelli auf ihn aufmerksam, weil sie eine grössere Beteiligung an der Genfer Warenprüfgesellschaft hielt. Erst holten die Agnellis Marchionne in den Verwaltungsrat von Fiat. 2004 übernahm er die Leitung von Fiat.

Bald trug er nur noch seine schwarzen Pullover, selbst bei Anlässen mit sehr strengem Dresscode. Er sagte, er trage erst wieder Anzug und Krawatte, wenn Fiat keine Schulden mehr habe. Auch sonst war er bemüht, einen möglichst nahbaren Eindruck zu erwecken, ass in der Mensa von Fiat, zuweilen auch in der Pizzeria gegenüber des Lingotto, der Firmenzentrale in Turin. Und Marchionne rauchte. Muratti. Päckchenweise. Es wird von Firmensitzungen erzählt, die er erst verliess, als seine Zigarettenschachtel leer war.

Die Kritik der Gewerkschafter

Aber eben, diese lockeren Formen waren nur ein äusseres Zeichen, nett und beachtet. Die Transformation von Fiat kostete viele Arbeitsplätze in Italien – in den Werken von Mirafiori in Turin, von Pomigliano in Kampanien, von Termini Imerese in Sizilien.

In harten Gewerkschaftskreisen vergass man schnell, dass Fiat pleite war, als Marchionne sie übernahm. Jede Kürzung von Privilegien, jede Auslagerung ins Ausland wurde wie ein Verrat am Land und den Arbeitern empfunden. Diese Sicht durchzieht nun auch die Beurteilung von Marchionnes Epoche: Die linke Linke hält ihn für einen autoritären CEO, die sozialdemokratische Linke dagegen für einen Retter.

FCA zählt heute 159 Fabriken in 40 Ländern mit 236’000 Angestellten. Die Gruppe stellt jährlich 4,7 Millionen Wagen her. Als Marchionne antrat, wog die Kapitalisierung des Konzerns sechs Milliarden Euro, nun ist es zehnmal so viel. Als die Nachricht seines Todes um die Welt ging, ist der Aktienkurs um zehn Prozent gesunken. Fiat hatte gestern die Quartalszahlen präsentiert und dabei seine Umsatzprognosen gesenkt.

Als Nachfolger wurde Jeep-Chef Mike Hanley berufen. Alles ist vorgebahnt, Marchionnes Strategieplan geht bis 2022. Nichts deutet darauf hin, dass Hanley die Pläne seines Vorgängers umstösst. Er baut wohl weiter am Vermächtnis Marchionnes. Dass Fiat überhaupt noch lebt, ist dessen Verdienst.

Erstellt: 25.07.2018, 22:09 Uhr

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