Rückkehr eines Killers

Venezuela hatte Malaria besiegt, jetzt infizieren sich dort so viele Menschen wie sonst nirgends auf dem Kontinent. Das ist eine grosse Gefahr.

Durch die Krise in Venezuela kann sich die Krankheit wieder ausbreiten: Ein an Malaria erkrankter Mann und seine Familie im Bundesstaat Zulia, Venezuela. Foto: Yuri Cortez (AFP)

Durch die Krise in Venezuela kann sich die Krankheit wieder ausbreiten: Ein an Malaria erkrankter Mann und seine Familie im Bundesstaat Zulia, Venezuela. Foto: Yuri Cortez (AFP)

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Der Patient kam mit dem Krankenwagen. Sein Blick war starr und leer, er reagierte nicht, als sie ihn ansprachen. Der Mann war 57 Jahre alt, sehr hager und gross, seine Haut hatte einen gelblichen Farbton. Nie zuvor hatte Montserrat Barrios einen Menschen mit einer so schweren Form von Malaria erlebt. Die Studentin, 24 Jahre alt, studierte Bioanalytik im letzten Semester und hatte gerade ihr Praktikum am Zentrum für Malariaforschung in Caracas begonnen, eine Ambulanz und gleichzeitig eines der wichtigsten Laboratorien für Malariaforschung in Venezuela. Gemeinsam mit dem zuständigen Labormediziner sah sie sich den schwer kranken Mann an. «Es war schrecklich», erinnert sich Barrios.

Seit drei Wochen leide er bereits an Fieber, berichtete seine Ehefrau. Zunächst war sie mit ihm in das Krankenhaus von Barlovento gefahren, ein Städtchen umgeben von Kakaoplantagen, 20 Kilometer von Caracas entfernt. Dort hatten sie ihm nur eine Infusion mit Kochsalzlösung gegeben. Im Krankenhaus besassen sie weder Tests zur Diagnostik noch Medikamente gegen Malaria.

Keine Medikamente

Wie an so vielem anderen fehlt es im krisengeschüttelten Venezuela auch an Arzneimitteln und medizinischem Material. Dass die Ärzte aber ausgerechnet gegen Malaria keine Waffen zur Hand haben, ist besonders bitter. Galt doch Venezuela viele Jahre lang als Vorbild im Kampf gegen Malaria. Bereits im Jahr 1961 war es dem lateinamerikanischen Staat als erstem überhaupt gelungen, Malaria auszurotten, so bestätigte es damals die Panamerikanische Gesundheitsorganisation. Vor Europa, den USA und der Sowjetunion.

Der Tropenmediziner Arnoldo Gabaldón hatte ab den 1930er-Jahren die erste nationale Strategie gegen die Erkrankung entwickelt. Damals war Malaria die häufigste Todesursache in Venezuela, ein Drittel der Bevölkerung war mit den krankheitsauslösenden Parasiten infiziert. Die Lebenserwartung lag bei 37 Jahren. Er liess das Malariamedikament Chinin verteilen und bildete Ärzte und Laborspezialisten aus. In ländlichen Regionen drängte er auf die Konstruktion von Wasserabflüssen, um die Anzahl stehender Gewässer als Brutstätten der Mücken zu minimieren. Ab 1945 liess er Häuser mit dem Insektizid DDT besprühen, umdie krankheitsübertragenden Mücken abzutöten. Der Kampf gegen Malaria ebnete Venezuela auch den Weg in die Moderne.

Das Land, das einst als Vorbild galt, wird nun als Gefahr wahrgenommen. Allein im Jahr 2017 erkrankten in Venezuela mehr als 400'000 Menschen an Malaria, berichtete die Weltgesundheitsorganisation, das ist mehr als die Hälfte aller Krankheits­fälle in ganz Amerika. Zwischen 2010 und 2017 hat die Zahl der Erkrankungen in Venezuela um das Neunfache zugenommen, bis Ende 2018 könnten es eine Million Fälle gewesen sein, berichteten niederländische und venezolanische Wissenschaftler im Frühjahr 2019 auf dem Europäischen Kongress für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten in Amsterdam.

Viele Ärzte jetzt im Ausland

Im Fachmagazin «The Lancet Infectious Diseases» warnten venezolanische und schottische Wissenschaftler in diesem Jahr davor, dass Infektionskrank­heiten wie Malaria aufgrund der massiven Auswanderung von Venezolanern in ganz Amerika verbreitet werden könnten. In den vergangenen vier Jahren haben laut der Internationalen Organisation für Migration mehr als vier Millionen Menschen das Land verlassen. «Die massive Zunahme an Malariafällen in Venezuela könnte bald unkontrollierbar werden», schreiben die Forscher im «Lancet».

Im Zentrum für Malariaforschung in Caracas drängen sich an jenem Tag die Patienten in den Gängen, es gibt nicht genug Stühle, sodass die kranken Menschen auf dem Boden sitzen müssen, bis sie aufgerufen werden. Die Studentin Barrios läuft durch die Korridore, sucht einen erfahrenen Arzt, der sich den schwer kranken Malariapatienten ansehen kann. Doch wie so oft ist niemand verfügbar.

Viele Ärzte sind längst aus­gewandert, denn der Monatslohn eines Medizinprofessors beträgt derzeit weniger als zehn US-Dollar. In einem im Juli 2019 ver­öffentlichten Bericht des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen wird die gesundheitliche Situation des Landes als «ernst» beschrieben: «In Krankenhäusern fehlt es an Personal, Versorgung, Medikamenten und Elektrizität, um die Ausrüstung am Laufen zu halten.» Werden Malariapatienten jedoch nicht rechtzeitig behandelt, können vor allem bei der Malaria tropica die Organe versagen, schlimmstenfalls sterben die Betroffenen.

 Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation beteiligt sich an der Ausarbeitung eines nationalen Plans gegen Malaria und schickt Medikamente in Risikogebiete.

Die krankheitsauslösenden Parasiten gelangen über den Speichel der weiblichen Anopheles-Mücke in die Blutbahn des Menschen. Ebenso kann das Insekt die Erreger von einem in­fizierten Menschen auf einen gesunden übertragen. So hatte der Patient der Studentin in Caracas zum Beispiel mit Nachbarn zu tun, die in Guyana gearbeitet hatten, einem Gebiet mit vielen Malariafällen.

Dorthin waren viele Venezolaner im Jahr 1983 ausgewandert, als der venezolanische Bolívarals Währung rapide an Wert verloren hatte. Die Menschen wollten nach Gold suchen, bauten illegale Minen in die feuchten Tropenwälder der Gegend. Dafür fällten die Minenarbeiter so viele Bäume, dass der Waldboden erodierte. Das Wasser zum Auswaschen des Goldes erwärmte sich grossflächig unter der Sonne und bot den Mücken ideale Brutstätten.

Im Jahr 2014 nahm die Migration nach Guyana nochmals zu, als sich die Wirtschaftslage in Venezuela nach dem Verfall des Ölpreises erneut verschlechterte. Die Folge: Die Anzahl der Malariainfektionen stieg weiter. Angesichts der möglichen Konsequenzen der Epidemie für den ganzen Kontinent beteiligt sich inzwischen die Panamerikanische Gesundheitsorganisation an der Ausarbeitung eines nationalen Plans gegen Malaria und schickt Medikamente und mit Insektiziden imprägnierte Moskitonetze in besonders stark betroffene Gebiete.

Sofort ins Unispital

Der Laborchef bittet Montserrat Barrios, dem Mann Blut abzunehmen. Sie soll prüfen, wie viele Parasiten pro Mikroliter Blut bei ihm zu finden sind. Bei mehr als 100'000 Erregern schwebt der Patient in Lebensgefahr. Die Studentin steckt sich zwei Reagenzgläser, eine Spritze und Latexhandschuhe in ihre Kitteltasche und rennt zum Krankenwagen, in dem der Patient noch immer liegt. Später im Labor stellt sie fest, dass er mit einer besonders gefährlichen Parasitenart infiziert ist, mit Plasmodium falciparum. Davon findet sie 140'000 pro Mikroliter Blut. Noch nie hat sie so viele Parasiten unter dem Mikroskop gesehen.

Daher wird der Patient gleich in die Universitätsklinik gebracht, nur wenige Strassen vom Zentrum für Malariaforschung entfernt. Da es auch hier keine Malariamedikamente gibt, hat Barrios den Wirkstoff Artesunat aus dem Labor mitgenommen. Er soll gegen Plasmodium falciparum helfen. Sie erklärt dem Pflegepersonal, wie man das Medikament verabreicht, und geht dann ins Wochenende. «Ich redete den Familienangehörigen noch gut zu, dass es mit der Behandlung wieder Hoffnung gebe», sagt die Studentin. Doch als sie am Montag in die Klinik zurückkehrt, ist das Bett des Patienten leer. Er ist am Wochenende gestorben.

Erstellt: 11.11.2019, 19:31 Uhr

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