Müllverbrennung vergrub jahrelang toxische Rückstände

Seit 2016 werden in der Schweiz mit Dioxinen belastete Rückstände aus der Kehrichtverbrennung illegal deponiert. Erst jetzt schreitet der Bund ein.

Dioxin im Boden: Deponie Teuftal bei Mühleberg im Kanton Bern. Foto: Franziska Scheidegger

Dioxin im Boden: Deponie Teuftal bei Mühleberg im Kanton Bern. Foto: Franziska Scheidegger

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Über ein schmales Asphaltsträsschen erreichen die Laster den umzäunten Steinbruch am Rande der Gemeinde. In der Deponie Eielen in Attinghausen UR löst der Chauffeur die Blache, kippt eine feuchte Masse ab: Filterrückstände und Schlacke aus der Kehrichtverbrennung.

45'000 Tonnen Filterasche werden pro Jahr in solchen Reaktordeponien der Klasse D eingelagert. Nicht nur in Uri, auch in Teuftal (Mühleberg BE) oder Cholwald (Ennetmoos NW).

Erst nach dreieinhalb Jahren intervenierte der Bund

Die Rückstände fallen bei der Rauchgasreinigung in den Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) an. Hier werden in aufwendigen technischen Verfahren Schad­stoffe abgeschieden, die nicht in die Luft gelangen sollen. Doch jetzt zeigt sich: Die Filterrückstände werden mit ungesetzlich hohen Dioxinwerten in Schweizer Deponien eingelagert.

Für Dioxine, die in der Umwelt kaum abgebaut werden, sich im Fettgewebe anreichern und die Entstehung von Krebs fördern, hat der Bundesrat 2016 einen rigiden Grenzwert eingeführt. Um die ­Einhaltung des Wertes kümmerten sich die Umweltbehörden von Bund und Kantonen allerdings kaum.

Erst diesen Sommer, dreieinhalb Jahre nach Einführung der Höchstgrenze, schlug das Umweltamt Alarm: In aufbereiteter und abgelagerter Filterasche würden «Dioxingrenzwerte oft überschritten», heisst es in einem Rundschreiben des Bundesamts für Umwelt (Bafu) an die Umweltämter der Kantone. Im Zirkular vom 25. Juli mahnt das Amt zur Einhaltung der Vorschriften.

Bafu bemängelte die Schweizer Deponierungspraxis

Der Bund wurde aktiv, nachdem Betreiber von Untertage-­Lagern im europäischen Raum bei den Schweizer Behörden vorstellig geworden waren. Ihnen lagen Labor-Prüfberichte zu sogenannten Filterkuchen aus Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen vor. Diese zeigen, dass der Dioxin-Grenzwert in den Anlagen teils massiv überschritten wird. In mehreren Schreiben ans Bafu bemängelten sie die Schweizer Deponierungspraxis. Es könne nicht sein, dass wegen der hierzulande etablierten Abläufen Grenzwerte nicht eingehalten werden müssten.

Laut Michel Monteil, dem Abteilungschef Abfall im Bafu, deuten Messkampagnen darauf hin, «dass der Dioxingrenzwert für ­gewaschene Filterasche um bis zu 20 Prozent überschritten worden ist». Den deutschen Deponiebetreibern liegen Messprotokolle vor, die um 50 Prozent zu hohe Werte für ungewaschene Filterasche ausweisen. Eine Gefahr für Mensch und Umwelt besteht laut Bafu indes nicht: Bis heute sei keine Dioxinbelastung im Sickerwasser von Deponien festgestellt worden. Man gehe davon aus, dass es zu keiner Schädigung von Mensch und Umwelt kam.

Den Schlendrian mit Grenz­werten bestätigen Verantwortliche von Kehrichtverbrennungsanlagen. Bei der Anlieferung in Depo­nien hätten sie keine Analysen vorlegen müssen. Oder dann hätten Behörden Einlagerungen akzeptiert, ­obwohl überhöhte Dioxinwerte protokolliert worden waren.

Behörden haben keinen Überblick über die Belastung

Für Martin Forter, Geschäftsleiter von Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz, ist diese Situation unhaltbar. «Wie kann es sein, dass Grenzwertüberschreitungen bei einer derart giftigen Substanz mehr als drei Jahre lang toleriert worden sind?», fragt er.

Weil Kontrollen ausgelassen und lückenhaft vorgenommen wurden, fehlen Kantonen und Bund heute wichtige Informationen: «Im Moment haben wir keinen flächendeckenden Überblick zur Dioxinbelastung von in der Schweiz abgelagerter KVA-Filterasche», bestätigt das Bafu.

Zum Problem geworden sind die Grenzwerte, seit aus Filterstaub Metalle zurückgewonnen werden. In dieser «sauren Flugaschen­wäsche» bewegen sich die Dioxinwerte gegen oben, da die Masse abnimmt. Ab 2021 ist das Verfahren Pflicht. Ab dann werden jährlich rund 80 000 Tonnen behandelter Filterstaub deponiert werden müssen.

Bei zu hohen Grenzwerten muss exportiert werden

Die Schuld für das Vollzugsdebakel schieben die Kantone auf den Bund: Würden Grenzwerte ohne Übergangsfristen eingeführt, während deren technisch-betriebliche Vorkehrungen in den Anlagen getroffen werden könnten, «ergeben sich Situationen wie die vorliegende», sagt Jacques Ganguin, Leiter des Berner Umweltschutzamts und Präsident der Vereinigung Schweizer Umweltschutzamt-Vorsteher.

Die Kantone seien für den Vollzug verantwortlich, kontert das Bafu. Es verlangt von diesen denn auch, dass Filteraschen ab sofort vor der Deponierung «systematisch auf ihren Dioxingehalt hin überprüft werden». Könnten die Dioxin­grenzwerte nicht eingehalten werden, müssten die Rückstände in Untertagedeponien ins Ausland gebracht werden – dorthin also, wo der Schweizer Kontrollflop enthüllt worden ist.



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Erstellt: 02.11.2019, 22:13 Uhr

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